"Wem gehört die Stadt??!", steht am Bauzaun für ein gigantisches Shoppingcenter - das "Bikini" - in Berlin, Nähe Kudamm und Bahnhof Zoo
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24.11.2017 | Von:
Wolfgang Kaschuba

Die Stadt, ein großes Selfie? Urbanität zwischen Bühne und Beute - Essay

Städte sind – historisch betrachtet – immer Laboratorien gewesen, in denen die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung der Gesellschaft insgesamt vorangetrieben wurde. Das hängt mit der historischen Genetik und Dynamik der europäischen Stadtgesellschaften zusammen. Denn sie alle entstanden durch die Zuwanderung von Menschen, Ideen und Waren. Sie alle wuchsen durch die Ausweitung von Produktion, Handel und Markt. Und sie alle inszenierten sich auf ihrem langen Weg in die Moderne vor allem als Orte einer spezifisch "urbanen Kultur": in Gestalt von sozialer Atmosphäre und kultureller Vielfalt, von imposanten Gebäuden und Plätzen, vor allem aber auch von Fremden, die kamen und blieben, wie der Kulturphilosoph Georg Simmel das städtische Prinzip einmal lakonisch beschrieb.[1] – Daran ist in Zeiten fremdenfeindlicher Diskurse zu erinnern.

Diese Idee einer "inneren" Urbanisierung, also der Entwicklung einer spezifisch großstädtischen Mentalität, nahm um 1900 vor allem der Soziologe Max Weber auf. Er sprach vom "Duft der Freiheit", der nun aus den modernen Städten weit hinaus aufs Land wehe und den Zuwanderern verführerische neue Lebensweisen und Lebensstile verspreche.[2] Und dieses Versprechen bedeutete viel in einer Welt, in der das Arbeiten wie das Feiern, die Kleidung wie die Liebe noch strikter sozialer Kontrolle unterworfen waren. Da meinte Urbanisierung auch den Sprung von der "Nachtwächterstadt" des 19. Jahrhunderts zur modernen "Nachtstadt" des 20. Jahrhunderts, also zu einer Stadt, die nun rund um die Uhr von Unruhe und Dynamik geprägt war, vom Alltag aus Industriearbeit und Massenkultur, von neuen öffentlichen Räumen und sozialen Milieus, von architektonischen wie lebensreformerischen Experimenten: mit Stadtparks und Gartenstädten, Fabrikkathedralen und Mietskasernen, Stadttheatern und Straßenbahnen. Urbanität inszenierte sich damit als der neue Lebens- und Kulturstil der Moderne.[3]

Die Stadt als Bühne

In dieser Idee der Urbanität ist fast all das bereits angelegt, was heutige Städte in den vergangenen 20 Jahren zur Vollendung gebracht haben: sich als große Bühne einer urbanen Kultur zu präsentieren, die ihnen, den Städten wie ihren Bewohnern, Identität verleiht. Denn die Städte und ihre Bewohner treten heute als kollektive wie individuelle Akteure in einem gemeinsamen Spiel auf: Sie spiegeln sich bewusst gegenseitig wider in ihren jeweiligen Bildern und Inszenierungen.

Städte sind damit gleichsam große "Selfies", weil sie sich und ihren Bewohnern ermöglichen, sich in einen sinnhaften Bezug zueinander zu setzen: in verbindende Motive von Ich und Hier, von Personalität und Stadt – also in eine identitäre Symbiose. Dies geschieht täglich und millionenfach in der Gestalt fotografischer Selfies, technisch vollzogen mit dem Smartphone und physisch inszeniert in Form ebenfalls millionenfacher sozialer Posen und Gruppierungen. Diese Selfie-Epidemie ist längst für die großen fremden Städte und ihre touristische Aneignung gültig: ich allein vor dem Eiffelturm oder mit meiner Freundin vor dem Brandenburger Tor. Sie gilt mittlerweile aber als ebenso legitim in der eigenen Stadt, als Repräsentation des Einheimischen: ich vor meiner ehemaligen Schule oder mit Freunden vor unserer Stammkneipe. Inszeniert wird in beiden Fällen eine symbolische Aneignung städtischer Räume; die Köpfe im Vordergrund geben dem Hintergrund der fremden wie der eigenen Stadt eine andere und neue Bedeutung: kosmopolitisches Profil dort, lokale Authentizität hier. Mit "Selfie" meine ich also eine Strategie der symbolischen Produktion von kultureller Identität, die aus der alltäglichen Praxis als urbane Akteure bezogen wird: zu Besuch in einer anderen Stadt wie im Alltag zuhause. Und diese besondere symbolische Bühnenfunktion der Stadt erscheint heute bereits selbstverständlich – obwohl sie vergleichsweise jung und neu ist. Noch vor 30 Jahren ähnelten die Innenstädte nicht lebensweltlichen Bühnen, sondern eher arbeitsweltlichen Verkehrsräumen: als Schauplätze einer tiefen Krise der Stadt.

Daran ist zunächst zu erinnern: Wie bis 1945 Nationalsozialismus und Weltkrieg nicht nur die bauliche und architektonische Substanz vieler europäischer Städte zerstört hatten, sondern vor allem auch deren soziale Architektur und kulturelle Tradition. Wie vor allem Urbanität als Lebensstil und Lebensgefühl einer vielfältigen Stadtgesellschaft durch Terror und Krieg von Paris bis Moskau weitgehend ausgelöscht war. Und wie nach 1945 dann die neuen Stadtkonzepte oft kaum weniger zerstörerisch wirkten: namentlich die Idee einer sich aus den Ruinen phoenixhaft erhebenden modernen und dabei vor allem autogerechten Stadt. Denn sie wurde nun in Gestalt von Straßenschneisen und Parkhäusern, von Shopping Malls und Fußgängerzonen, von Bankenbunkern und Bürohäusern buchstäblich in den Raum hinein betoniert, meist auf Kosten der alten Quartiere und sozialen Milieus.[4]

Damit war zugleich der einsetzenden Privatisierung und Individualisierung der Lebensstile Vorschub geleistet. Die Freizeit verbrachte man nun gern zwischen den eigenen liebevoll eingerichteten vier Wänden: in der Sofaecke vor dem Fernseher, umgeben von Gummibaum und Schrankwand mit Hausbar. Im Resultat entstand daraus das, was Alexander Mitscherlich 1965 in seiner anklagenden Schrift als die neue "Unwirtlichkeit der Städte" bezeichnete: anonyme und zerrissene Stadtwelten, die ihre Menschen vielleicht noch beherbergten, jedoch nicht mehr beheimateten.[5]

In dieser doppelten Krisensituation der Zerstörung der Stadt – zunächst durch Krieg und Terror wie danach durch Planung und Konsum – sollte nun plötzlich "Kultur" antreten, um die Städte zu retten. "Kultur für alle!", lautete damals der Schlachtruf des Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann, der damit auf die besonderen sozialen Bindungs- wie auf die Bildungskräfte der Kultur aufmerksam machte, vor allem wenn sich dabei Hochkultur und Soziokultur neu mischten. So vollzog sich die "Kulturalisierung der Städte": Kulturelle Programme, Aktivitäten, Organisationen und Institutionen wurden systematisch in den Stadtraum implementiert.

Zunächst in der Gestalt einer Kulturalisierung "von oben", also von staatlichen wie kommunalen Kulturprogrammen. Dies begann in den 1970er Jahren mit der "Festivalisierung" der Stadtkultur. Jazz- und Folkfestivals, Literatur- und Dialekttage, Theater- und Filmfestivals schufen neue Anlässe, um im Stadtraum zusammenzukommen und kulturelle Interessen zu formulieren. In den 1980er Jahren folgte die "Institutionalisierung" dieser Stadtkultur. Denn die neuen kulturellen Ideen und Formate benötigten neue haushaltliche Strukturen und feste Häuser. So entstanden in den Innenstädten Tausende von neuen Stadtmuseen, Stadthallen und kulturellen Zentren. In den 1990er Jahren entwickelte sich die Tendenz zur "Eventisierung" der Stadtkultur: Größere und anspruchsvolle Kulturevents vom Konzert bis zur Ausstellung sollten die Attraktivität der Innenstädte erhöhen und dabei um die Einheimischen wie um internationale Touristen werben. Und in den 2000er Jahren formierte sich schließlich mein Lieblingstrend: die "Mediterranisierung" der Städte, also die systematische Verstrandung und Verpalmung der City. In Stadtstränden und Straßencafés, auf Marktplätzen wie Parkplätzen bietet sich eine urbane Outdoor-Landschaft an, liebevoll ausgestattet mit Liegestühlen, Sonnenschirmen, Beachvolleyball-Plätzen, Straßenbars, Latino-Pop und Caipirinha. Eben urlaubshaft und mediterran, auch wenn sich die klimatischen Umstände manchmal leicht fröstelig anfühlen.

Bei diesem dramatischen Wandel von Stadtkultur und Stadtraum spielten offenbar zwei wachsende Bedürfnisse eine wesentliche Rolle: zum einen der Wunsch nach mehr öffentlichem Leben in den Städten und zum andern die Suche nach neuen Formen sozialer Vergemeinschaftung. Diese Bedürfnisse als eine Kulturalisierung "von unten" wurden nun vorgetragen von städtischen Bewegungen, die ihrerseits die Kulturprogramme von oben aufnahmen, sie anwandten und veränderten. Es begann in New York. 1971 entwarf dort eine Kulturagentur zusammen mit der Stadtverwaltung jenes berühmte T-Shirt mit dem Herzen. "I love New York": Das war der Hilferuf einer sterbenden Stadt, die in Verkehr und Schmutz, in Spekulation und Kriminalität unterzugehen drohte. Dagegen trug das T-Shirt die Botschaft hinaus: "Lasst uns und die Stadt nicht allein!" In selben Jahr appellierte der Deutsche Städtetag in ähnlich dramatischer Weise: "Rettet unsere Städte – jetzt!"

Und dies geschah nun, weil sich seit den 1970er Jahren in der lokalen Gestalt von Sozial- und Geschichtsvereinen, von Musik- und Kunstinitiativen, von Ökologie- und Frauengruppen die Neuen Sozialen Bewegungen auf ihren Weg machten und aus dem neuen Kulturangebot auch neue Formen kommunaler Öffentlichkeit und lokaler Identität entwickelten. Auf denen wiederum setzt unsere heutige Zivilgesellschaft nun vielfach auf: räumlich wie institutionell, sozial wie symbolisch und in einem weiten thematischen Spektrum von Urban-Gardening bis Flüchtlingshilfe.

Entscheidend mitverantwortlich für diese neue Vielfalt und Öffnung der Stadtkultur in den vergangenen Jahrzehnten waren auch hier "Fremde": Migranten, Geflüchtete und Touristen. Alle drei Gruppen trugen ganz wesentlich dazu bei, dass die öffentlichen Räume in der Stadtlandschaft wiederentdeckt und neu belebt wurden. Weil sie als Neue in den Städten darauf angewiesen waren, Kommunikation mit und Kontakt zu den Einheimischen herzustellen, aufbauend auf ihren jeweilig eigenen kulturellen Traditionen: von Barbecue bis Picknick, von Boule bis Eiscafé, von Shisha-Bar bis Döner. Und weil die Einheimischen ebenfalls zunehmend touristisch unterwegs sind und Ideen aus anderen Städten mitbringen: vom Stadtstrand aus Paris bis zum Vegan-Imbiss aus New York, vom Museumsquartier aus Wien bis zum Flussbaden in Basel.

Urbane Kulturrevolution: Zivilgesellschaft und Lebensstil

Die Zukunft in den Städten hat damit bereits gestern und heute begonnen als ein großes urbanes Experiment: der Verwandlung nämlich von reinen Job-, Verkehrs- und Wohnmaschinen in attraktive, offene und zunehmend auch grüne Lebens- und Freizeitwelten. Und diese aktive Rückeroberung der Stadträume durch die Stadtgesellschaft und ihre Stadtkultur markiert ökonomisch und sozial einen dramatischen Paradigmenwechsel: weg von der fordistischen, hin zur postfordistischen Stadt; weg von der Stadt des 20. Jahrhunderts, die allein dem Takt von Industrie und Verkehr folgte, hin zu jener des 21. Jahrhunderts, in der es auch um Lebensqualität und Hedonismus geht; weg also vom alten Ethos der Stadt als Arbeitswelt, hin zum neuen Ethos der Stadt als Lebenswelt.[6]

Dieser Paradigmenwechsel vollzieht sich so wirkmächtig und nachhaltig, dass selbst die Innenstädte wieder geeignet erscheinen als Räume für Familien und Kinder, als Orte für Erholung und Freizeit und als Bühnen für Lebensstile und Kulturexperimente:[7] von der Mode bis zu Musik, vom Körperstyling bis zu Esskultur, vom sozialen bis zum politischen Engagement.

Dies alles meint "urbane Kulturrevolution": Stadt als Lebenswelt statt Arbeitswelt, als Sozialraum statt Massensilo, als Kulturlandschaft statt Verkehrsfläche, als Heimat statt Fremde. Und deshalb gibt es inzwischen eine regelrechte Sucht nach einem urbanen Leben, in dem neue Vorstellungen von Individualität und Autonomie, von öffentlichen und gemeinsamen Stadträumen, von sozialer Mischung und kultureller Vielfalt, von Draußen-Sein und Naturnähe, von aufregenden Esskulturen und Events eine ganz zentrale Rolle spielen. Nichts spiegelt diese Bedürfnisse deutlicher wider als der Riesenmarkt der Stadt-Apps, die die neuen Stadtlandschaften als Erlebnisräume imaginieren und durch sie navigieren – zuhause wie unterwegs, als Einheimische wie als Touristen.[8]

Dabei sind zwei gegenläufige Entwicklungen zu beobachten: Einerseits fördern bepflanzte Baumscheiben und belebte Straßencafés, bunte Bürgerinitiativen und gepflegte Nachbarschaften die Attraktivität der Städte, machen sie noch lebens- und liebenswerter. Andererseits wertet genau dies den Stadtraum kulturell auf und macht ihn damit noch attraktiver für Hipster wie für Spekulanten, also für Gruppen, die urbane Räume und Kulturen eher rasch konsumieren als sie nachhaltig zu pflegen. Nicht umsonst ist "Gentrifizierung" zum Wort des Jahrzehnts im städtischen Alltagsvokabular geworden. Denn nun gilt vielfach: Wo der spekulative Zugriff auf die gemeinsame Ressource Stadt- und Wohnraum versucht wird, muss auch der Widerstand wachsen, müssen sich neue kulturelle wie zivile Formen stadtgesellschaftlichen (Über-)Lebens entwickeln.[9] Und dies geschieht in vielfältiger und kreativer Weise in Gestalt von Mieter- und Kiezaktionen, von Haus- und Platzbesetzungen, von Protestkonzerten und Kunstevents. Dabei gehen Party und Politik immer häufiger zusammen und ineinander über, weil offenbar gerade diese Mischung und Kreativität immer mehr Menschen zu mobilisieren vermag.

Zugleich wird in der Gentrifizierungsproblematik eine zweite Ambivalenz stadtgesellschaftlicher Entwicklung sichtbar: nämlich im "biografischen Modus" urbaner Räume und urbaner Akteure. Denn "Stadt" meint auch stets Lebensgeschichten: die der Räume wie die der Menschen, weil heute beide als subjekthafte Narrative daherkommen. Biografischer Modus meint somit zweierlei: Einerseits die Geschichten und Erzählungen, die in die Stadträume historisch eingeschrieben sind und die sie symbolisch kodieren – als Marktplatz, als Judenviertel, als Arbeiterkiez, als Flaniermeile. Wobei sich diese Einschreibungen verändern, sich modifizieren und unter dem Einfluss urbaner Lebensstile auch verschwinden. Aus diesen historischen Stoffen der Stadtbiografie wird zunehmend kulturelles Kapital geschlagen, wenn das ehemals proletarische oder migrantische Viertel zur Touristen- und Partymeile wird oder zum Museums- und Galerieviertel.[10]

Andererseits betrifft der biografische Modus auch die Bewohner und Besucher städtischer Orte und Räume. Denn auch sie leben und altern in und mit diesen Räumen. Und wollen diese Räume heute "mitaltern" sehen, wollen ihre biografischen Veränderungen in ihnen wiedergespiegelt finden und ihnen den Stempel ihrer jeweiligen Wünsche und Interessen aufdrücken. In Berlin gibt es die stehende Redewendung: "vom Besetzer zum Besitzer". Sie spielt auf die Erfahrung nicht weniger Berliner an, dass sie nach jungen und wilden Jahren in besetzten Häusern und studentischen WGs etwas später mit Familie und im genossenschaftlichen Verband plötzlich selbst Wohnungseigentümer geworden sind. Und dass sie dafür nun von der neuen autonomen Jugend als "Gentrifizierer" attackiert werden. Umgekehrt verspürt allerdings auch mancher dieser jugendlichen Barrikadenkämpfer wenig später und angesichts der kleinen schlafenden Tochter ebenfalls ein neues Bedürfnis nach Ruhe und Sicherheit, das sich mit Musik, Club und Randale um die Ecke nicht mehr verträgt. Und so mancher Kunstliebhaber, der sich stets als begeisterter Anhänger der Urban Art fühlte, betrachtet mit fortschreitendem Alter das Graffito an der eigenen Hauswand nicht mehr als Kunst, sondern bloß noch als Schmiererei. "Not in my backyard" – nicht in meiner Nachbarschaft, ist hier oft die Devise.

Die biografische Perspektive meint also, dass sich urbane Räume wie urbane Menschen stets bewegen, sich verändern, dass sie altern. Das war zwar schon immer so. Doch nie zuvor waren die Ansprüche von Stadtbewohnern so stark und massiv, dass ihre jeweilige biografische Situation im städtischen Raum Berücksichtigung finden müsse – und zwar subito! Die Stadt, der Kiez soll sich anpassen: den sich wandelnden Wünschen und Bedürfnissen aller Lebensabschnitte der Bewohner – je nachdem, ob sie mit Skateboard, Kinderwagen, Walking-Stöcken oder Rollator unterwegs sind.

Städtische Freiheit: Autonomie oder Gemeinwohl?

Auch insofern ist die heute so oft gestellte Frage danach, wem die Stadt denn nun gehört, zwar inzwischen vollmundig und politisch korrekt mit "Uns!" zu beantworten. Was dies jedoch bedeutet, vor allem im Blick auf das Spannungsverhältnis von Individualität und Autonomie einerseits und Gemeinwohl und Bürgergesellschaft andererseits, das ist noch längst nicht ausgemacht. Einheimisch oder Tourist, Bürgerin oder Partyvolk, Aktivist oder Egoist: Die Zuordnungen werden immer schwieriger, die Rollen oft getauscht und die Grenzen zwischen ihnen verwischen.

So ist es gerade dieser Prozess der Vermischung und Verwischung der sozialen Räume wie der kulturellen Formen, der heute spätmoderne Stadtlandschaften wie spätmoderne Sozialbewegungen charakterisiert. Denn anders als die herkömmlichen Parteien, Gewerkschaften und Vereine kommen diese Bewegungen unglaublich vielgestaltig daher. Da wird von Bürgerkomitees mehr lebensweltliche Qualität und soziale Mischung in der Stadtplanung eingefordert. Ökoinitiativen wollen Naturnähe auch in der Stadt neu hergestellt sehen durch Parks, Straßenbäume und Uferpromenaden. Nachbarschaftsinitiativen übernehmen Patenschaften für die Pflege von Baumscheiben, öffentlichen Plätzen und Urban-Gardening-Projekten. Kirchengemeinden organisieren Küchen für Geflüchtete wie Tafeln für Obdachlose. Und auch regionale und lokale Geschichte spielt eine neue Rolle, wenn sie von Bürgerinitiativen dazu benutzt wird, eigene Vorstellungen bei der Restaurierung von einzelnen Häusern wie ganzen Straßenzügen zu entwickeln. Selbst das traditionelle Vereinswesen taucht zunehmend aus dem Dunst seiner Stammtische auf und beginnt sich zivilgesellschaftlich zu engagieren: von den Fußball- bis zu den Gesangsvereinen, in der Stadtkultur wie in der Flüchtlingsarbeit. Kurz: Bürgergesellschaftliches Engagement stellt sich dem Diktat wachsender Ökonomisierung und Kapitalisierung der Stadträume kritisch entgegen mit Verweis auf eigene Bedürfnisse und lokale Identität.

Diese Breite und Vielfalt der zivilgesellschaftlichen Bewegungen zeugt damit zweifellos auch von gelingender Integration der Stadtgesellschaft. Freilich nur dann, wenn dies nicht reduziert ist auf die Vorstellung, dass sich Mobile, Migranten oder Geflüchtete eben in die lokale Ordnung einzupassen haben. Vielmehr muss sich Integrationspolitik an der Gesamtperspektive einer Stadtgesellschaft orientieren, in der die zentrifugalen Kräfte insgesamt stärker werden, aufgrund unterschiedlicher Bedürfnisse und Lebensstile in Gestalt von Werthaltungen und Glaubensfragen, von Wohnformen und Konsumstilen, von Musikgeschmack und Esskultur.[11]

Deshalb braucht diese Haltung der Beharrung auf dem Eigenen und der Abgrenzung vom Anderen ein Gegengewicht, eben eine umsichtig moderierende Integrationspolitik, die das Ganze im Blick behält. Da sind lokale Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft gleichermaßen gefragt, neue und verantwortungsvolle Formate der Bürgerbeteiligung zu entwickeln und deren Nutzung selbstkritisch zu begleiten.

Denn Stadt war und ist eine Lebenswelt der Gegensätze, in der sich das Einheimisch-Sein und ein Wir-Gefühl stets konfrontiert sieht mit dem Zugewandert-Sein und einem Misch-Gefühl, in der Konfrontation und Konflikt ebenso ihren alltäglichen Platz haben wie Kommunikation und Konsens, in der die Balance von Freiheit und Ordnung oft zwischen einem Zuviel und Zuwenig schwankt. Unter den Bedingungen globaler Wanderung und aktueller Fluchtbewegungen wird diese gleichsam "genetische Desintegration" der Stadtgesellschaft heute noch deutlicher spürbar und in Diskussionen um Geflüchtete und Migranten, um Öffnung oder Schließung städtischer Räume, um mehr oder weniger Freiheit und Autonomie in den Lebensstilen auch immer heftiger thematisiert.

Auch in den Städten zeigen sich Tendenzen zur sozialen Spaltung, wenn es um Flüchtlingsheime oder Sozialwohnungen, um Straßenneubauten oder Parkanlagen geht. Max Webers "Duft der städtischen Freiheit" scheint heute nicht mehr für alle attraktiv, weil manche darunter offenbar nicht die eigene Freiheit verstehen, sondern eine für sie nicht akzeptable Freiheit der Anderen. Jener Fremden, Jungen, Frauen, Muslime, Kreativen, die sich nun in "ihren" Vierteln und Nachbarschaften breitmachen. Ihnen ist dieses neue und freie urbane Leben längst zu viel, weil sie sich so viel Freiheit ökonomisch nicht leisten können oder kulturell nicht leisten wollen. Sie wünschen sich ihre Stadt eher konventionell, geprägt von lebensweltlicher Vertrautheit und Homogenität, von Kontrolle und Sicherheit. Und sie ziehen diese Sichtweise deutlich jener Vision der Stadt als Raum von Vielfalt und Offenheit, von Freiheit und Erlebnis vor, wie sich dies andere Gruppen und Generationen wünschen.

Es gibt insofern eine soziale Spaltung mit Blick auf die Visionen von unserer Gesellschaft, die sich in den Debatten um Urbanität als "Zukunft" oder "Zumutung" äußern und die ernst zu nehmen sind. Denn es geht dabei vor allem um die neuen städtischen Freiheiten, die in den vergangenen Jahren durch das aktive Zusammenwirken von Stadtkultur und Zivilgesellschaft, von Kunst- und Kulturpolitik und eben auch von Flucht und Migration entstanden sind. Ständig neue Gesichter und neue Sprachen auf der Straße, laute Touristen und Musik-Events, immer mehr Moscheen neben den Kirchen, immer mehr vegane Lokale und gleichgeschlechtliche Paare: Diese Vielfalt der Lebensstile und Alltagszumutungen scheint viele zu überfordern, vor allem dort, wo die Erfahrungen mit dieser neuen Lebensstil- und Einwanderungsgesellschaft noch begrenzt sind.

Konvergenz statt Differenz?

Wenn diese gesellschaftliche Diagnose halbwegs zutrifft, hilft die übliche Ignoranz und Arroganz der mobilen städtischen "Kosmopoliten" nicht weiter, die die "Anderen" oft für "Hinterwäldler" halten. Hier muss verstanden werden, was statt Erfahrungen mit Couchsurfen und Couscous, mit Erasmus und E-Learning Erfahrungen mit Hartz 4-Bezug und Wohnungsnot, mit schlechter Ernährung und fehlendem Geld für die Monatskarten der Kinder bedeuten und bewirken können.

Diese soziale Spaltung im materiellen und kulturellen Leben der Städte wird häufig übersehen. Gerade in diesem so quirligen urbanen Alltag, der fast unbemerkt viele ausschließt: über Cappuccino- oder Eintrittspreise, über Mode- oder Ernährungsfragen, über Religions- oder Generationszugehörigkeiten. Denn auch eine lebendige Stadtgesellschaft bildet heute mehr denn je ein soziales Gebilde, in dem Ungleichheiten und Spannungen herrschen und dessen Strukturen und Regeln daher neu verhandelt werden müssen. Und daher muss der Stadtraum öffentlicher Raum auch in dem Sinne sein, dass hier angesichts unterschiedlichster Lebenslagen stets Empathie und Respekt, Toleranz und Offenheit gelten – für mich wie für die Anderen. Dass er für alle zugänglich und nutzbar ist, offen für unterschiedlichste Zwecke und unterschiedlichste Gruppen, schwellenfrei und kontrollfrei und angstfrei begehbar.[12]

Deshalb dürfen in ihm nicht mehr die üblichen Bilder der Differenz vorherrschen, die das Unterschiedliche in Sprache, Religion, Herkunft oder Aussehen in den Vordergrund rücken. Vielmehr benötigen wir vermehrt Bilder der Konvergenz, die auch das Verbindende und Gemeinsame im Alltag sichtbar machen, wie es gerade die städtischen Kulturen immer hervorbringen: vom Musikgeschmack bis zur Esskultur, von der Mode bis zum Tattoo, vom Tanzen im Club bis zum "Public Viewing" der Champions League.

Nur aus solcher Konvergenz und Mischung entsteht dann jene neue Form von Stadtwissen, jene spezifische "Civic Science" – ein neuer und partizipativer Prozess des Wissenserwerbs, in dem sich Wissenselemente lokaler Geschichte, Topografie und Ökologie verbinden mit sozialem Insiderwissen über Wohnsituationen und Nachbarschaften wie mit politischen Diskussionen und Debatten der Zivilgesellschaft. Und dieses Stadtwissen will sich dann auch praktisch anwenden: Es erklärt sich kompetent und zuständig für urbane Umwelten wie Wohnwelten, für Mietspiegel wie Verkehrstarife, für den Umgang mit gemeinsamen Ressourcen vom Wasser bis zur Luft, von der Bildung bis zur Geschichte.[13]

Sich darauf einzustellen und einzulassen: Das ist heute die große Aufgabe für kommunale Politik und Verwaltung. Nur so kann es ihr gelingen, die lokale Gesellschaft informierend, moderierend und aktivierend zusammenzuhalten. Also einer Stadtgesellschaft, die zunehmend weiter auseinanderdriftet, neue Themen, Bilder und Emotionen anzubieten, die verbinden und vergemeinschaften. Dies bedeutet heute: einerseits heterogene Bilder und multiple Perspektiven für die unterschiedlichen Gruppen und Strömungen einer Stadtgesellschaft zu eröffnen, also auch im lokalen Raum neue Selbst- und Fremdbilder zu entwerfen, in denen sich keineswegs alle einig sein müssen, in denen sich jedoch alle wiederfinden, mitgenommen, respektiert fühlen. Und andererseits und zugleich die aktive Suche nach lokalen Gemeinschaftsformen zu unterstützen, die sich im Kanon der Schlagworte von städtischem "Together", von "Shared Economy", von "urbaner Teilhabe" ausdrückt: die Sehnsucht offenbar nach einer gemeinsamen Lebenswelt Stadt.[14] – Das wäre dann auch: die Stadt als gelungenes kollektives Selfie.
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Fußnoten

1.
Vgl. Georg Simmel, Die Großstädte und das Geistesleben, Frankfurt/M. 2006 [1902]; ders., Exkurs über den Fremden, in: ders., Soziologie. Untersuchungen über die Vergesellschaftung, Berlin 1908, S. 509–512.
2.
Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 19725 [1921/22], S. 742f.
3.
Vgl. Wolfgang Kaschuba, Die Überwindung der Differenz. Zeit und Raum in der europäischen Moderne, Frankfurt/M. 2004, S.126 ff.
4.
Vgl. Jane Jacobs, The Death and Life of Great American Cities, New York 1961.
5.
Vgl. Alexander Mitscherlich, Die Unwirtlichkeit unserer Städte, Frankfurt/M. 1965.
6.
Vgl. Wolfgang Kaschuba/Carolin Genz (Hrsg.), Tempelhof. Das Feld. Die Stadt als Aktionsraum, Berlin 2014.
7.
Vgl. Harald Bodenschatz (Hrsg.), Renaissance der Mitte. Zentrumsumbau in London und Berlin, Berlin 2005.
8.
Vgl. David Harvey, Rebel Cities. From the Right to the City to the Urban Revolution, New York 2012.
9.
Vgl. Konrad Hummel, Die Bürgerschaftlichkeit unserer Städte, Berlin 2009.
10.
Vgl. Helmut Kuhn, Gehwegschäden, München 2013.
11.
Vgl. Gudrun Quenzel (Hrsg.), Entwicklungsfaktor Kultur. Studien zum kulturellen und ökonomischen Potential der europäischen Stadt, Bielefeld 2009.
12.
Vgl. Elisa T. Bertuzzo u.a. (Hrsg.), Kontrolle öffentlicher Räume. unterstützen, unterdrücken, unterhalten, unterwandern, Berlin 2013.
13.
Vgl. Wolfgang Kaschuba, Vom Wissen der Städte. Urbane Räume als Labore der Zivilgesellschaft, in: Berliner Blätter 69/2015, S. 13–29.
14.
Vgl. Werner Durth (Hrsg.), Stadt bauen, Berlin 2013.
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Autor: Wolfgang Kaschuba für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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