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26.5.2002 | Von:
Uwe H. Bittlingmayer

"Spätkapitalismus" oder "Wissensgesellschaft"?

V. "Spätkapitalismus" oder "Wissensgesellschaft"? - Ein Ausblick

Mit dem Hinweis auf stabile bildungsvermittelte soziale Ungleichheiten und die fortdauernde Hierarchie in der kulturellen Sphäre werden die mit der Wissensgesellschaft verbundenen Hoffnungen auf eine mittel- bzw. langfristige Enthierarchisierung und Nivellierung des sozialen Gefüges durch weiteren technischen Fortschritt und Sedimentierung des gesamtgesellschaftlich gestiegenen Wissens von ihren Verfechtern keineswegs ad acta gelegt. In der hoffnungsgeleiteten Perspektive auf Wissensgesellschaften werden bestehende Ungleichheiten, sofern sie bemerkt werden, als provisorische Differenzen konstruiert. In Wissensgesellschaften soll eine jede oder ein jeder damit rechnen können, dass sie oder er in Zukunft mehr erhalten: "Eine solche Projektion der Wünsche auf den Horizont der Zukunft beruhigt das Spiel heute und gibt dem sozialdemokratischen Ideal eines fortschreitenden Abbaus der Ungleichheiten einen Kredit für morgen." [38]

Es ist unklar, worauf diese Hoffnungen beruhen. Weder hat beispielsweise die Bildungsexpansion zu einer Chancen- oder Leistungsgerechtigkeit beigetragen, noch sind durch die Produktionssteigerungen der letzten Jahrzehnte Phänomene sozialer Ungleichheit verschwunden. Die Gesellschaften, die auf Konkurrenz- und Marktmechanismen als zentralen Vergesellschaftungsinstanzen aufbauen, produzieren systematisch sozial ungleiche Lebenslagen und Lebenschancen. Zwar werden diese seitens der Politik zum Teil durch Maßnahmen der Umverteilung abgefedert, aber an dem grundsätzlichen Mechanismus der Ungleichheitsproduktion hat sich seit zweihundert Jahren letztlich nur wenig geändert.

Damit sollen nicht die Lebensverhältnisse eines Wanderarbeiters des frühen 19. Jahrhunderts mit denen eines Arbeitslosen heute gleichgesetzt und die Rolle der Produktionssteigerungen und technischen Entwicklung heruntergespielt werden. Es ist jedoch abwegig anzunehmen, dass sich in Konkurrenzgesellschaften durch die technische Entwicklung die Mechanismen der "Produktion" sozialer Ungleichheit außer Kraft setzen ließen; zumal sich die politische Sphäre in Wissensgesellschaften - wie oben angedeutet - dadurch auszeichnet, dass politische Regulierung und Redistribution im Kontext einer neoliberalen Ideologie gerade zurückgefahren werden. Insofern ist in Anlehnung an Theodor W. Adornos allgemeines Postulat nach wie vor bedeutsam, dass nach dem Stand der technischen Entwicklung Gesellschaften heute als Wissensgesellschaften bezeichnet werden können, nach dem Stand der ökonomischen und politischen Struktur noch immer als kapitalistische. [39] Eine zeitdiagnostische Soziologie, die hiervon abstrahiert, verkürzt unzulässig.  

Internetverweise des Autors: 

www.bmbf.de

www.undp.org

Arbeitsplätze von morgen



Ausgaben für Forschung und Entwicklung sind Investitionen in die Zukunft. Denn was heute vielleicht nur als Entwurf auf dem Reißbrett existiert, sichert morgen die Arbeitsplätze und die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Im internationalen Vergleich schwanken die Ausgaben für Forschung und experimentelle Entwicklung zwischen knapp einem Prozent und über dreieinhalb Prozent an der Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt/BIP) der Länder. Die höchsten Forschungsausgaben leisten sich Schweden und Finnland mit 3,7 Prozent und 3,1 Prozent des BIP. Die beiden Länder liegen damit über dem Durchschnitt aller Industrieländer (2,2 Prozent) - nicht zuletzt deshalb, weil die großen Telekommunikationsunternehmen erhebliche Summen in die Forschung investieren. Deutschland hat seine Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Jahr 1999 auf 2,4 Prozent (1998: 2,3 Prozent) erhöht. In absoluten Zahlen bedeutet das einen Anstieg von 87,3 auf 92,2 Milliarden Mark pro Jahr.

Quelle: Globus Infografik GmbH; Statistische Angaben: Statistisches Bundesamt.

Fußnoten

38.
Robert Castel, Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit, Konstanz 2000, S. 326.
39.
Theodor W. Adorno, Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft. Einleitungsvortrag zum 16. Deutschen Soziologentag, in: ders., Soziologische Schriften I, Frankfurt/M. 1979, S. 354-370.