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26.5.2002 | Von:
Paul B. Baltes

Das Zeitalter des permanent unfertigen Menschen: Lebenslanges Lernen nonstop?

II. Über die Gewinn- und Verlustbilanzierung des Älterwerdens

Auch die Gewinn-Verlust-Bilanzierung der Errungenschaften der letzten Jahrhunderte wie etwa die längere Lebenserwartung steht noch aus. Es überrascht deshalb nicht, dass wir Unsicherheit verspüren, wenn wir die Langzeitkonsequenzen des 20. Jahrhunderts und seiner monumentalen Veränderungen besser verstehen wollen. Eine aus dem mittelalterlichen Spanien stammende Sentenz über die Mehrdeutigkeit eines Phänomens bringt dies auf einen wohl allzu extremen, aber doch heuristisch wertvollen Brennpunkt: "Alle Dinge erscheinen gut und sind gut, und erscheinen schlecht und sind schlecht, und erscheinen gut und sind schlecht, und erscheinen schlecht und sind gut", schrieb Juan Manuel im 14. Jahrhundert. Wenn auch die meisten wohl eine weniger radikal-pluralistische Sichtweise bevorzugen, so hilft diese doch, die Denkflexibilität zu gewinnen, um den Raum des Möglichen offen zu legen.

Gerade die im letzten Jahrhundert so massiv angestiegene Lebenserwartung ist auf objektiver und subjektiver Ebene nicht nur eine Erfolgsgeschichte. Dies erkennt man schon daran, dass wir zwar alle alt werden, aber ganz und gar nicht alt sein wollen. [2] Länger leben birgt nämlich in sich auch neue Herausforderungen, welche die Grenzen des im Lebensverlauf Möglichen austesten.

Immer Neues gibt es zu lernen, immer mehr wird immer schneller obsolet. Um die Größe dieses neuen Lebensszenarios zu erspüren, muss man sich nur vorstellen, dass man heute nach dem Ende des üblichen Bildungsganges im Durchschnitt noch etwa 60 Lebensjahre vor sich hat, und dies in einer sich rapide verändernden Wissenswelt und mit einem Körper, der keineswegs für diese neue Ewigkeit des Lebens geschneidert ist.

Fußnoten

2.
Vgl. Karl Ulrich Mayer/Paul B. Baltes (Hrsg.), Die Berliner Altersstudie, Berlin 1996.