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26.5.2002 | Von:
Paul B. Baltes

Das Zeitalter des permanent unfertigen Menschen: Lebenslanges Lernen nonstop?

VIII. Die innovative Kraft des Bildes vom unfertigen Menschen

Das bisher Gesagte gibt den Anschein des Kulturpessimismus. Dies ist nicht intendiert, wenn auch meine Analyse des kommenden Jahrhunderts das Vorhandensein einer permanenten und zunehmend stärker fließenden Quelle der Unzufriedenheit mit dem eigenen Status quo verrät. In der Tat, wenn man über die Nachteile des körperlichen Alterns in einer sich schnell verändernden Lebenswelt und die Robustheit der biologischen Schwächen des Alters nachdenkt [20] , verliert man sich leicht in Melancholie und Hoffnungslosigkeit. Dies wäre aber zumindest hinsichtlich des allgemeinen gesellschaftlichen Zustandes fatal.

Die hinter diesem Eindruck liegenden Quellen der permanenten Unfertigkeit des Menschen haben auch Innovationskraft. Das Erkennen von Defiziten ist nämlich auch einer der wichtigsten Motoren für Innovation. Denn neue Erkenntnisse und Fortschritte entstehen zu einem wesentlichen Teil aus einer Mangelsituation, aus dem Gefühl des Unfertigen. Um nur einige Beispiele zu nennen: In der Landwirtschaft halfen die Verbesserungen, den Hungertod einzudämmen; die Technologie der Kommunikation ist unter anderem deshalb weiterentwickelt worden, weil es uns die biologisch gesetzten Grenzen von Hören, Sprechen und Sehen nicht erlaubten, uns über weite Distanzen hinweg miteinander zu verständigen.

Fehlendes Wissen und Defizite sind deshalb auch einer der wichtigsten Ansporne für gesellschaftliche Transformationen einschließlich der Wissenschaft. Und so ist, trotz der zunehmenden Einsicht in die evolutionär gewachsene Widerborstigkeit des hohen Alters, der Widerspruch zwischen dem körperlichen und dem geistigen Wesen des Menschen in einer sich rapide verändernden Welt eine Herausforderung. So kann man beispielsweise die Wissenschaftsgeschichte der Gerontologie als Ausdruck der Passion im doppelten Sinn dieses Wortes verstehen, diese über den Lebensverlauf immer größer werdende Kluft zwischen den Wunschträumen des menschlichen Geistes und der körperlichen Verwundbarkeit wenn nicht zu schließen, so doch zumindest zu verringern.

Die Beseitigung von Schwachstellen gehört also zu den vielleicht bedeutsamsten Triebfedern für Fortschritt und Innovation. Die hier angeführten Quellen eines Zeitalters der permanenten Unfertigkeit des Menschen und der Schwierigkeiten, die Idee vom lebenslangen Lernen bis ins hohe Alter effektiv zu implementieren, sind daher nicht nur eine Belastung. Wenn man bereit und in der Lage ist, sein Fernglas auf eine größere Zeitperspektive einzustellen, dann ist beispielsweise das Älterwerden der Bevölkerung langfristig auch eine Vorteilssituation, die uns im Wirtschaftlichen, im Sozialen, im Technologischen, in der Medizin zu neuen Einsichten und Erfolgsgeschichten verhelfen wird. Es geht vor allem darum, diese Langzeitperspektive zu erkennen und sich an ernsthafte und strukturell tief greifende gesellschaftliche Reformen zu wagen, die notwendig sind, um dem Zeitalter der permanenten Unfertigkeit des Menschen eine bessere Zukunft anzutragen. Dazu kann auch gehören, die unfreundliche Biologie des Alters ein wenig zu überlisten und auch dem vierten Lebensalter einen größeren Anteil an körperlicher, geistiger und sozialer Vitalität abzuringen.

Fußnoten

20.
Vgl. P. B. Baltes (Anm. 5); M. M. Baltes (Anm. 6).