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26.5.2002 | Von:
Karl Wilhelm Fricke

Memoiren aus dem Stasi-Milieu

Eingeständnisse, Legenden, Selbstverklärung

IV. Geächtete Verräter

Verrat in den Reihen der Staatssicherheit war, solange die SED ihre Diktatur ausüben konnte, mit moralischer Ächtung und härtesten strafrechtlichen Sanktionen bedroht. Das letzte bekannte und vollstreckte Todesurteil aus der DDR richtete sich gegen Werner Teske, Hauptmann in der HVA, der wegen vorbereiteter, später aufgegebener Flucht nach Westberlin neun Monate nach seiner Festnahme vom 1. Militärstrafsenat des Obersten DDR-Gerichts am 11. Juni 1981 die Höchststrafe erhielt und fünfzehn Tage später in Leipzig erschossen wurde [44] . Ein Unrechtsurteil, das Wolf heute "juristisch nicht zu rechtfertigen" nennt, "denn es war nicht zum Verrat gekommen" [45] . Aber warum hat er seinerzeit nichts dagegen unternommen, obwohl er über das von Mielke präjudizierte Urteil vor seiner Verkündung informiert gewesen war?

Heute haben ehemalige Stasi-Generäle nicht mehr die Macht, Verräter aus ihren Reihen hinrichten zu lassen, aber sie täten es wohl noch immer, wie ihre Memoiren vermuten lassen. "Denunzianten", "Lumpen", "Verräter" - das sind die Schimpfwörter, mit denen Wolf, Großmann und Co jene ihrer ehemaligen Genossen belegen, die im Herbst '89/90 mit den bundesdeutschen Geheimdiensten zusammengearbeitet haben.

Richtig ist, dass selbst hochkarätige Stasi-Offiziere bis zum Dienstgrad Oberst in der Zeit des Umbruchs in der DDR die Fronten gewechselt und durch Enttarnung ihrer "Quellen" dazu beigetragen haben, dass sie in der vereinten Bundesrepublik strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden konnten. Wolf spricht vom "Gift des Verrats" und gesteht allerdings zu, "dass die Haltung zu Verrat und Verrätern vom jeweiligen Standort des Betrachters abhängt", aber die Überläufer aus den eigenen Reihen verdammt er als "wirklich verächtliche Verräter" [46] .

Gnadenloser noch geht Großmann mit den ehemaligen Genossen ins Gericht. Er schmäht sie als ehrlos, prangert sie an, nennt zornig die Namen und listet sie auf unter Nennung auch ihrer früheren Dienststellung. "Für die Kundschafter bringt dieser Verrat nicht nur Leid und Unheil über ihre Familien, sondern auch die Enttäuschung, aus den eigenen Reihen verraten worden zu sein." [47] Das mag sein, aber es mutet eigenartig an, wenn sich Ex-Stasi-Generäle, die als Drahtzieher und Nutznießer den Verrat auf der anderen Seite zur Profession erhoben hatten, heute darüber ereifern.

Es sind solche Einblicke, die die Memoiren der Generäle verräterisch machen. Ihr Informationsgehalt dagegen ist begrenzt. Enthüllungen bislang unbekannter Spionage-Sensationen sind darin ebenso wenig zu finden wie bislang unbekannte Erfolge der "Abwehr". Bemerkenswert sind eher in den Erinnerungen niedergeschriebene Charakteristika und Wertungen zum Beispiel zu Honecker, Mielke, aber auch zu prominenten Spitzenagenten, zu William Borm etwa oder zu Günter Guillaume, aber wo die Information endet und die Desinformation beginnt, lässt sich schwer ausmachen.

Fußnoten

44.
Vgl. Karl Wilhelm Fricke, "Jeden Verräter ereilt sein Schicksal". Die gnadenlose Verfolgung abtrünniger MfS-Mitarbeiter, in: Deutschland Archiv, (1994) 3, S. 258-265.
45.
M. Wolf (Anm. 8), S. 316.
46.
Ebd., S. 317.
47.
W. Großmann (Anm. 11), S. 243.