APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Hans Günter Hockerts

Zugänge zur Zeitgeschichte: Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft

III. Primärerfahrung und kommunikatives Gedächtnis

Jeder speichert im Laufe seines Lebens eigene Geschichtserfahrungen. Dabei nimmt jeder andere Ausschnitte der Wirklichkeit wahr und verknüpft sie auf je eigene Weise mit dem subjektiven Beziehungsnetz seiner Lebenswelt. Franz Kafka notierte am 2. August 1914 in sein Tagebuch: "Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt. - Nachmittags Schwimmschule." So eigentümlich können sich Öffentliches und Privates, Allgemeines und Besonderes vermischen, und im Grunde gibt es so viele Varianten von Primärerfahrung wie es Menschen gibt. Walter Kempowski hat diesen unerschöpflichen Reichtum eindrucksvoll demonstriert, als er aus verstreuten "Ego-Dokumenten" eine Art kollektives Tagebuch zusammenstellte, das die Realität des Krieges während einiger Wochen des Jahres 1943 mit nahezu endlos vielen Brechungen und Schattierungen spiegelt [9] .

Die persönliche Erinnerung wird aber durchaus nicht allein vom eigenen, primären Erleben bestimmt, sondern ist immer auch Teil größerer Zusammenhänge, von denen es beeinflusst wird, mit denen es lebt und sich verändert. Darauf will der Begriff des "kollektiven Gedächtnisses" aufmerksam machen, der indessen zwei deutlich zu unterscheidende Konstruktionsweisen umfasst. Für die eine hat sich der Begriff des "kommunikativen Gedächtnisses" eingebürgert [10] . Gemeint ist der Erfahrungsaustausch in der Alltagskommunikation, in der Familie, in privaten Kreisen und sozialen Milieus. Das "kommunikative Gedächtnis" verbindet die Träger der Erinnerung in einem vitalen Bezug, es bildet lebendige Erinnerungsgemeinschaften mit spezifischen Stützen wie zum Beispiel familiären Fotoalben. Es handelt sich gewissermaßen um das "soziale Kurzzeitgedächtnis", mit dem die Mitlebenden sich über ihre selbst erlebte Vergangenheit verständigen [11] . Weil das "kommunikative Gedächtnis" gruppenbezogen und trägerspezifisch ist, bilden sich vielfältige, auch rivalisierende Erinnerungsmilieus heraus, die bis zur schroffen Gegensätzlichkeit reichen können. Die überlebenden Dachau-Häftlinge pflegen fundamental andere Erinnerungsmuster als Kameradschaftskreise von "Ehemaligen". Stasi-Opfer werden sich kaum jemals mit "abgewickelten" Offizieren des MfS auf ein gemeinsames DDR-Erinnerungsbild einigen können. Allenthalben ist übrigens auch eine Konkurrenz der Opfergruppen von NS-Verfolgten und Stalinismus-Verfolgten feststellbar, wofür weniger die spezifischen Unterschiede der beiden Verfolgungssysteme die Ursache bilden als vielmehr die seit 1945 wechselnden Perioden der öffentlichen Hochschätzung der einen oder der anderen Opfergruppe [12] .

Der andere Modus hingegen ist nicht an die Selbstdeutung persönlicher Erfahrungen gebunden. Hier beginnt das Revier der öffentlichen Erinnerungskultur, die sich vom lebendigen Gruppengedächtnis löst, anders geformt und gestützt wird, nämlich institutionell. Mit der institutionellen Bearbeitung kommen andere Verfahrensmöglichkeiten zum Zug und treten andere Geltungskriterien in Kraft. Das lässt sich am leichtesten daran erkennen, dass die institutionell gestützte Erinnerung weit entfernte Zeiten einbeziehen kann, die längst nicht mehr von persönlichen Erinnerungen getragen werden. Wer eine Ausstellung über den Westfälischen Frieden macht, muss daher auch nicht mit dem Protest von Besuchern rechnen, die sich auf das eigene Erleben berufen. Bei der "Wehrmachtsausstellung" war das bekanntlich anders. Hier wird wieder ein Spezifikum der Zeitgeschichte sinnfällig, das uns schon am Beispiel der Erinnerung an den 8. Mai begegnet ist: Es können immer wieder Spannungen aufbrechen zwischen persönlichen Erinnerungen oder Gruppengedächtnissen einerseits und der institutionell gestützten, öffentlichen Erinnerungskultur andererseits, wobei zu den "Institutionen" im Beispielsfall der Wehrmachtsausstellung vor allem das Hamburger Institut für Sozialforschung, die einladenden Städte und die berichtenden Medien zu zählen sind.

Wie stark diese Spannungen sein können, zeigen zwei autobiographische Texte. Martin Walsers Kindheitsroman "Ein springender Brunnen" ist heftig dafür kritisiert worden, dass die Last der NS-Verbrechen dort nicht spürbar werde. Walser hingegen insistiert darauf, über diese Zeit so zu reden, wie er sie damals erfahren habe, und nicht so, wie man heute über sie rede. Sonst sei er "einer mehr, der über damals redet, als sei er damals schon der Heutige gewesen" [13] . Anders gesagt: Walser will Primärerfahrungen, aufbewahrt in persönlicher Erinnerung, gegen den überformenden Sog der öffentlichen Erinnerungskultur verteidigen.

Bei dem anderen Text handelt es sich um die Autobiographie des Schweizer Klarinettisten Binjamin Wilkomirski: "Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-48" [14] . Der Autor erzählt, wie er als Kind lettischer Juden die Todeslager erlebt und überstanden hat; er schildert und beglaubigt ("Ich habe es gesehen") grauenhafte Einzelheiten. Nach dem Krieg, so berichtet er, habe man ihn in die Schweiz geschmuggelt und ihm eine neue Identität aufgezwungen. Dieses Buch hat große Resonanz gefunden. Vielfach übersetzt, wurde es mit Auszeichnungen und Preisen bedacht. Wilkomirski trat als Zeitzeuge auf Kongressen, vor Schulklassen und an Universitäten auf. Er fand Eingang in den Thesaurus der Video-Interviews, mit denen Steven Spielbergs Shoa Foundation die Erinnerungen von 50 000 Überlebenden festgehalten und audiovisuell verfügbar gemacht hat. Als etwa zeitgleich das "Schwarzbuch des Kommunismus" eine Debatte über die Vergleichbarkeit stalinistischer und nationalsozialistischer Massenverbrechen auslöste, berief sich eine Journalistin auf "den kleinen Jungen Binjamin" als Kronzeugen für die Singularität des Holocaust [15] .

Wie man inzwischen weiß, handelt es sich bei diesem Buch um eine Erfindung - keine literarische, weil ja der Bonus des Selbsterlebten ganz und gar in Anspruch genommen war, sondern um eine Fälschung [16] . Bei dem Autor, 1941 in der Schweiz mit dem Namen Bruno Dössekker geboren, darf man so etwas wie eine Überanpassung an Erwartungen der Erinnerungskultur vermuten. Man kann den Blick aber auch auf große Teile des Publikums richten und sagen: Hier galt etwas fraglos als authentisch, weil es den in der Erinnerungskultur vorherrschenden Erwartungen so genau entsprach. Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann hat es als ein "bedrohliches Symptom" bezeichnet, dass Teile der Erinnerungskultur dabei sind, "sich zu einer Schablone zu verfestigen", wobei das Passförmige als das Authentische gilt und das Nichtpassförmige abgestoßen wird [17] .

Walser und Wilkomirski verkörpern zwei besonders weit auseinander liegende Varianten im Verhältnis von individueller und öffentlicher Erinnerung: Der eine liefert eine Abwehrschlacht des Eigensinns, der andere traf den Nerv der Zeit, indem er sein Selbst auslöschte. Im allgemeinen hat man es aber nicht mit einem so klaren Entweder/Oder zu tun, sondern mit recht komplizierten Verflechtungen. Die Mitlebenden kämpfen mit mehr oder minder großem Erfolg um die Wahrnehmung ihrer eigenen Erinnerungen im öffentlichen Raum. Und umgekehrt werden die eigenen Erinnerungen beeinflusst von den "Stützen und Zensuren", die die Öffentlichkeit bereit hält [18] . Im persönlichen Erinnerungshaushalt tauchen einige Elemente ab, andere wieder auf oder gehen neue Verbindungen ein. Dabei kann es zu Glättungen und Beschönigungen kommen, die "das Körnige, das Sandige des wirklich Erlebten bis hin zur Widerstandslosigkeit in der Nacherzählung ausfiltrieren" [19] - bis hin zur Erfindung von Deckgeschichten, geboren aus dem Geist des Nietzsche-Aphorismus: "Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich - gibt das Gedächtnis nach." Es sind also recht verschlungene Pfade, auf denen die Primärerfahrung durch übergreifende Zusammenhänge wandert, und irgendwann gerät sie auch in Kontakt mit der Zeitgeschichtsforschung. Diese nimmt dann entweder schriftliche Ego-Quellen (Memoiren, Tagebücher, Briefe usw.) zur Hand, gewissermaßen "zwischen Daumen und Zeigefinger" [20] , oder wendet sich den Trägern von Primärerfahrung als Zeitzeugen im Sinne von Oral History zu.

Fußnoten

9.
Vgl. Walter Kempowski, Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch, Januar und Februar 1943, München 1993².
10.
Aus der seit rund zehn Jahren gewaltig anschwellenden, inzwischen schon weithin redundanten Literatur zum Stichwort "Geschichte als Gedächtnis" und zur Gedächtnis-Typologie vgl. vor allem Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1999²; zusammenfassend ders., Erinnern, um dazuzugehören, in: Kristin Platt/Mihran Dabag (Hrsg.), Generation und Gedächtnis. Erinnerungen und kollektive Identitäten, Opladen 1995, S. 51-75. Vgl. auch Lutz Niethammers einschlägige Beiträge, vereint im Kapitel "Geschichte und Gedächtnis" seines Sammelbandes: Deutschland danach. Postfaschistische Gesellschaft und nationales Gedächtnis, hrsg. von Ulrich Herbert u. a., Bonn 1999, S. 536-607.
11.
L. Niethammer (Anm. 10), S. 565. Über ein derzeit laufendes Forschungsprojekt zur Tradierung von Geschichtsbewusstsein in Familien vgl. Harald Welzer, Nazis, das waren immer die andern. Wie Familien NS-Geschichte tradieren, in: Neue Zürcher Zeitung vom 23. April 2001.
12.
Vgl. als Zwischenbilanz eines weiter gefassten Forschungsprojekts Friedhelm Boll, Beobachtungen aus lebensgeschichtlichen Interviews mit Verfolgten des Nationalsozialismus und mit Verfolgten der SBZ/DDR, in: Klaus Dieter Müller/Annegret Stephan (Hrsg.), Die Vergangenheit lässt uns nicht los, Berlin 1998, S. 153-172.
13.
Zitiert nach der Laudatio in: Martin Walser, Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede. Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1998. Mit einer Laudatio von Frank Schirrmacher, Frankfurt/M. 1998.
14.
Binjamin Wilkomirski, Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948, Frankfurt/M. 1995².
15.
Brigitta Huhnke, Die Singularität des Holocaust, in: Jens Mecklenburg/Wolfgang Wippermann (Hrsg.), "Roter Holocaust"?, Hamburg 1998, S. 118-141.
16.
Vgl. aus der Fülle der Presseberichte Verena Lueken, Ich bin ein Victim, in: FAZ vom 26. Juni 1999; ferner Stefan Mächler, Der Fall Wilkomirski. Über die Wahrheit einer Biographie, Zürich - München 2000; Elena Lappin, Der Mann mit zwei Köpfen, Zürich 2000.
17.
Die Zeit vom 8. Dezember 1998.
18.
L. Niethammer (Anm. 10), S. 569.
19.
Ruth Klüger, Weiter leben. Eine Jugend, München 1995, S. 34.
20.
So in anderem Zusammenhang Arnold Esch, Der Umgang des Historikers mit seinen Quellen, in: Lothar Gall/Rudolf Schieffer (Hrsg.), Quelleneditionen und kein Ende?, München 1999, S. 129-147, Zitat S. 146.