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26.5.2002 | Von:
Hans Günter Hockerts

Zugänge zur Zeitgeschichte: Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft

V. Erinnerungskultur

Wir haben uns bisher vorwiegend in der Reichweite der Stichworte "Primärerfahrung" und "kommunikatives Gedächtnis" bewegt und beginnen nun eine tour d'horizon auf den Feldern der "Erinnerungskultur". Da die Urform der Erinnerungskultur die religiöse ist, empfiehlt es sich, als Prototyp das Deutoronomium des Alten Testamentes vorzustellen [33] . Dort wird über die Befreiung der Hebräer aus der ägyptischen Knechtschaft berichtet. Nach 40 Jahren Wüstenwanderung gelangten sie an den Jordan und sahen am anderen Ufer das verheißene Land. In der Situation des Übergangs hielt der sterbende Moses eine Abschiedsrede, um dem Volk Israel eine Erinnerungspflicht und ein Vergessensverbot aufzuerlegen. Das "Was" der Erinnerung umfasst die vom Gottesbund getragene Befreiungsgeschichte; das "Wie" legt Verfahrensweisen fest, welche die Erinnerung auf Dauer bewahren sollen, darunter Feste und Rituale, Inschriften und Zeichen, auch Mittel der Pädagogik. Wie jeder weiß, formt oder beeinflusst das mosaische Vergessensverbot noch heute den Erinnerungshaushalt von Millionen Menschen. Jeder Sabbath, jedes Laubhüttenfest, jede Talmud-Schule hält die Erinnerung wach.

Auch das Christentum ist eine "Gedächtnisreligion". Es hat die Grundlagen der Gedächtniskultur des Okzidents wesentlich geprägt [34] . Christliche Zeichen der Erinnerung, für die Gläubigen voll Sinn und Bedeutung, sind auch in den Konventionen der säkularisierten Welt noch omnipräsent, so zum Beispiel in der Zeitrechnung "nach Christi Geburt" oder im Jahresfestkreis [35] . Die religiös fundierte Memoria kann auch Elemente der Zeitgeschichte nach eigenen Gesetzen in sich aufnehmen, wie der Aufruf von Papst Johannes Paul II. zur "Reinigung des Gedächtnisses" und das Schuldbekenntnis von März 2000 zeigen, ebenso die Seligsprechung von Bernhard Lichtenberg, Edith Stein und weiterer Glaubenszeugen aus der Zeit des Nationalsozialismus [36] . Manche Beobachter entdecken auch im "neuen Gedenken der Juden an den Holocaust" mehr Züge christlicher als jüdischer Tradition und sprechen von einer "Verchristlichung der Shoa" [37] .

Mehr und mehr hat indessen der säkularisierte Blick auf die Vergangenheit an Bedeutung gewonnen. Dabei nimmt die genuin politische Dimension des historischen Argumentierens und Repräsentierens breiten Raum ein, somit das weite Feld der Geschichtspolitik. Dass mit Geschichte Politik gemacht wird, ist ganz wertneutral gesagt. Eine Bewertung hängt davon ab, wie und wozu Geschichte als Argument - oder Waffe - eingesetzt wird. Bekanntlich findet man Geschichtsbilder in allen erdenklichen politischen Zusammenhängen, jeweils passend zurechtgelegt, auch um Kriege zu rechtfertigen [38] und Revanchegedanken zu pflegen [39] oder Diktaturen zu legitimieren (die DDR war - unter anderem - eine verstaatlichte Geschichtsphilosophie). Insbesondere gehört es zum klassischen Repertoire nationalistischer Bewegungen, mit den Mitteln gemeinsamer Geschichtserinnerung Gefühle der Zusammengehörigkeit zu steigern und zu steuern, wodurch verfängliche Bindewirkungen entstehen können, die sich gegen demokratische Ansprüche an die Qualität der politischen Ordnung ausspielen lassen. Nicht nur die deutsche Geschichte hält dafür viel Anschauungsmaterial bereit.

Der politische Gebrauch der Geschichte ist aber auch ein wichtiger Teil der Selbstverständigung pluralistisch verfasster Gesellschaften und mithin ein Lebenselixier der Demokratie [40] . Das Gewicht, das die historische Argumentation gerade auch in der deutschen politischen Debatte hat, ist bekanntlich kaum zu überschätzen - so tief eingebrannt ist die geschichtliche Erfahrung der Folgen, die eintreten, wenn die politische Ordnung und die kulturellen Wertbezüge sich aus der Bindung an die Menschenrechte und die Humanität lösen. Geschichte als Politikum reicht von der historischen Legitimation des Grundgesetzes bis zum staatlich initiierten und geförderten Gedenken an Ereignisse und Personen der jüngeren deutschen und europäischen Vergangenheit [41] . Dabei kennzeichnet es demokratische Geschichtspolitik, dass sie unterschiedliche Deutungen der Vergangenheit neben- und gegeneinander gelten lässt. Wenn bestimmte Entscheidungen zu treffen sind - zum Beispiel über Lehrpläne, Gedenktage oder Denkmäler - kann eine Vielzahl von Instanzen und Akteuren die Bedeutung der Geschichte für die politischen Bedürfnisse der Gegenwart strittig aushandeln. Sofern Geschichtspolitik heutzutage und hierzulande im Dienst des Nationalbewusstseins, des Patriotismus oder der Identitätspflege von Bundesländern steht, ist sie dreifach relativiert: an die demokratische Ordnung gebunden, in die europäische Mitgliedschaft gefügt [42] und für Erinnerungsvielfalt geöffnet.

In der Bundesrepublik kommen spezielle Impulse hinzu: Das geschichtspolitische Interesse wird durch die "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland" [43] befeuert, vor allem aber durch die mit hoher Intensität geführte Debatte um die NS-Vergangenheit. Die Haftung für die Taten und Folgen des "Dritten Reiches", für Angriffskrieg, Völkermord und den Zusammenbruch der Zivilisation, ist sowohl für die Außenwahrnehmung als auch für das Selbstverständnis der deutschen Demokratie von großer Bedeutung. Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit bildet seit Jahrzehnten - ungeachtet der gebetsmühlenhaft vorgetragenen Verdrängungsvorwürfe - eines der beherrschenden Themen im deutschen politischen Diskurs; so sehr, dass unter "Vergangenheit", wenn nicht eigens anders vermerkt, nahezu automatisch die NS-Vergangenheit verstanden wird. Diese bildet eine Kontrastfolie, einen Prüfstein und einen Reflexionsfilter für die politische Kultur. Dass dabei über das rechte Maß von Erörterung und Erregung gestritten wird, besonders auch über angemessene, für nachwachsende Generationen einsichtige Formen des Erinnerns und Gedenkens, das ist in einer pluralistischen Gesellschaft ganz unvermeidlich. Die Spannweite reicht von Sedimenten einer bornierten Schlussstrichmentalität bis zu geradezu obsessiven Zügen einer "Vergessensangst", einer "kollektiven Angst vor einer Vergessensschuld", die sich "an immer neuen erinnerungskulturellen Projekten abarbeitet" [44] . In der Mitte der Gesellschaft scheint aber eine bemerkenswert stabile Balance gelungen zu sein, wenn es um die notwendige, doch alles andere als leichte Doppelaufgabe geht, die NS-Epoche als Teil der eigenen Geschichte anzunehmen (also nicht mittels Schlussstrich zum Fremdkörper zu erklären) und sich zugleich von ihr fundamental zu distanzieren.

Merkwürdig unsicher verhält sich das deutsche historische Gedächtnis hingegen zu Flucht und Vertreibung von über zwölf Millionen Ostdeutschen, wobei etwa zweieinhalb Millionen Menschen umkamen. Weitgehend der privaten Erinnerung überlassen bzw. in die Erinnerungsmilieus der Vertriebenenverbände abgedrängt, finden diese Schicksale in der gemeinsamen Erinnerung der Nation nur zögerlich und wenig Raum. Gewiss ist es schwierig, hierfür angemessene Formen des Erinnerns und Gedenkens zu finden, denn diese müssen den elementaren Wirkungszusammenhang mit dem nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungskrieg beachten und die Vertreibung der Deutschen in eine Gesamtschau der "ethnischen Säuberungen" einordnen, die das 20. Jahrhundert mit einer furchtbaren Gewaltspur durchziehen [45] . Aber die politische Kultur sollte vor dieser schwierigen Aufgabe nicht ausweichen, zumal zwei Hauptgründe des Wegsehens auf Irrtümern beruhen. Der eine besagt, die in den Vertreibungsgebieten ansässigen Deutschen hätten Hitlers Revisionismus und Expansionismus besonders kräftig unterstützt; ihr Sonderschicksal sei also die Folge von Sonderschuld. In Wirklichkeit verhält es sich andersherum: Die Vertriebenen (und die heutigen Ostdeutschen) haben nach Kriegsende stellvertretend für alle Deutschen besonders schwere Lasten getragen; es gibt aber keine legitime Möglichkeit, ihnen - schon gar nicht pauschal - eine besondere Schuld zuzurechnen. Der andere Irrtum liegt in der Annahme, das Gewicht der nationalsozialistischen Massenverbrechen werde verkleinert, wenn an die Vertreibung und das Flüchtlingselend von Millionen Deutschen erinnert werde. Dazu kann man nur sagen: Welcher Kleinmut wäre es, würde man die NS-Opfer nur dann angemessen gewürdigt glauben, wenn anderes Unrecht verschwiegen wird [46] .

Auch in anderen westeuropäischen Ländern hält die kritische Sondierung der eigenen Zeitgeschichte die interessierte Öffentlichkeit in Atem. So ist in Frankreich und Italien der Streit um die langen Schatten von Vichy beziehungsweise den italienischen Resistenza-Mythos seit längerem voll entbrannt [47] . Die Erinnerungspolitik bezieht sich hier nicht mehr so ausschließlich wie früher auf die zustimmungswürdigen Traditionen. Bezeichnend ist die Einführung eines Nationalen Gedenktags in Frankreich für die Opfer der rassischen und antisemitischen Verfolgungen unter der Regierung des "Etat Français"; seit 1993 wird ihrer am 16. Juli gedacht, dem Datum der Razzia des Vélodrome d' Hiver in Paris 1942. Das geschönte Erinnerungsbild der Schweiz als Réduit national hat bekanntlich Risse bekommen, und in den Niederlanden haben Bücher über die Kollaboration und den Kolonialkrieg in Indonesien manchen Staub aufgewirbelt [48] .

"Geschichtspolitik" erfasst aber bei weitem nicht alles, was der Hinweis auf den Geschichtsboom eingangs angedeutet hat. Historische Bezüge durchdringen ja nicht nur die politische Sphäre im engeren Sinne, sondern auch die Gesamtheit der kulturellen Öffentlichkeit und der Alltagswelt [49] . So hat die künstlerische Bearbeitung geschichtlicher Themen zwar nicht selten eine politische Wirkungsabsicht; ihr Proprium liegt aber in der ästhetischen Dimension, für die jeweils Regeln eigener Art gelten [50] . Wirft man ein Streiflicht auf das Spektrum der Künste, so scheint es, dass Zeitgeschichte und Malerei sich bemerkenswert fremd geworden sind, seit Fotographie und neue Medien die Visualisierung der Geschichte bestimmen. In der modernen Malerei führt das Sujet "Geschichte" offenbar eher ein Nischendasein [51] , sowohl in der künstlerischen Produktion als auch in der öffentlichen Aufmerksamkeit. Welches Gemälde aus jüngerer Zeit könnte sich auch nur entfernt mit der Wirkung von Picassos "Guernica" (1937) messen?

Eine engere, auch resonanzreichere Beziehung verbindet Historie und Bildhauerkunst. Plastiken und Skulpturen zählen zu den zentralen Elementen der öffentlichen historischen Erinnerung, besonders auch als Mahn- und Gedenkzeichen für Verfolgung und Widerstand im Nationalsozialismus. Exemplarisch sei das Mahnmal des Bildhauers Hubertus von Pilgrim hervorgehoben, das in mehreren Kopien den Weg des Evakuierungsmarsches von Dachauer KZ-Häftlingen im April 1945 säumt [52] . Wie nahe sich professionelle Geschichtsvermittlung und Bildhauerei kommen können, mag die Standortwahl der Plastik "Jahrhundertschritt" von Wolfgang Mattheuer verdeutlichen: In zwei Versionen vor dem Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik und vor dem Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig aufgestellt, konfrontiert der "Jahrhundertschritt" die Besucher mit einer ästhetisch überaus eindringlichen Kritik an den totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts.

Nach wie vor haben theatralische und literarische Gestaltungen großen Einfluss auf das Geschichtsbewusstsein. Man denke nur an das enorme Aufsehen, das Rolf Hochhuths provozierendes Schauspiel "Der Stellvertreter" erregt hat, oder an zwei der berühmtesten und erfolgreichsten Romane der westdeutschen Gegenwartsliteratur, beide der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit gewidmet: "Die Blechtrommel" von Günter Grass und "Die Deutschstunde" von Siegfried Lenz. Auch Romane, die man in den gängigen Literaturgeschichten vergeblich sucht, können sich als starke Beispiele für "Geschichte als Literatur" erweisen, so besonders Gert Ledigs Roman "Vergeltung", der das Inferno des Bombenkriegs in einer deutschen Stadt im Sommer 1944 so atemberaubend dokumentiert, wie das mit dem Handwerkszeug des Historikers nicht möglich wäre [53] . Von der DDR-Literatur ist rühmend gesagt worden, dass sie viel authentischere Einblicke in den "realen Sozialismus" gebe als die zeitgenössische DDR-Historiographie, was für den breiten Strom der affirmativen Auftragsschriftsteller gewiss nicht gilt, wohl aber für so aufschlussreiche Werke wie Stefan Heyms Roman "Collin". Literarisch vermittelte Zeitgeschichte findet man auch im Genre des historischen Kinder- und Jugendromans [54] - vielleicht gibt es Spurenelemente auch im Comic. Dass es Schüler gibt, die "ganz ernsthaft" fragen, ob Hitler "vor Asterix oder danach" war, will man allerdings nicht recht glauben, auch wenn ein Historiker sich als Zeitzeuge dafür verbürgt [55] .

Gegenüber den älteren Kunstgattungen haben neuerdings andere ästhetisch-kulturelle Vermittlungsformen deutlich an Breitenwirkung gewonnen. Das betrifft neben Museen und Ausstellungen vor allem die audiovisuellen Medien: den Film und das Fernsehen. Anscheinend ist unsere Zeit so "museumsfreudig und vor allem museumsgründungsfreudig wie keine zuvor" [56] . Die Themen und "Dingwelten", die als museumswürdig erachtet werden, sind vielfältiger geworden, die Präsentationsweisen reizvoller ("Geschichte als Erlebnis"), so dass die Besucherzahlen kräftig nach oben tendierten. Derzeit verzeichnen die Bilanzen der deutschen Museen und Ausstellungshäuser jährlich etwa 95 Millionen Besuche. Das ist eine sehr hohe Zahl, die zeigt, dass die Museen zu beliebten Aufenthaltsorten der Freizeitgesellschaft geworden sind; sie ist freilich mit der so genannten Drittel-Faustregel zu relativieren: Ein Drittel der Deutschen besucht Ausstellungen häufig, ein Drittel selten und ein Drittel nie. Zu den erfolgreichsten Neugründungen zählt ein zeitgeschichtliches Museum: das Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik, das bereits 15 Monate nach der Eröffnung den 1 000 000. Gast in der Dauerausstellung begrüßen konnte [57] . Dass der Kinofilm, getragen von einer global vernetzten Filmindustrie, historische Stoffe mit einer noch viel größeren Reichweite präsentieren kann, das haben kürzlich Steven Spielbergs "Schindlers Liste" und "Der Soldat James Ryan" allen vor Augen geführt.

Das Medium aber, das seit den siebziger Jahren den bei weitem größten Wirkungsvorsprung gewonnen hat und heutzutage als "häufigste und wichtigste Informationsquelle für zeitgeschichtliche Themen" dient, ist das Fernsehen. Dieser Befund gilt für die Mittelwerte aller Altersgruppen und aller Bildungsstufen [58] . "Wie beschäftigen Sie sich mit Geschichte?", fragten Allensbacher Demoskopen im Februar 1991 einen repräsentativen Querschnitt der Deutschen [59] . Man konnte aus einer Liste mit elf möglichen Antworten wählen, Mehrfachnennungen waren erlaubt. Nur recht kleine Minderheiten kreuzten die Alternative an, dass man sich gar nicht mit Geschichte beschäftige (12 Prozent) oder machten keine Angabe (1 Prozent). Fast neun von zehn Deutschen gaben mithin an, sich in irgendeiner Weise mit Geschichte zu beschäftigen - aber wie? Das Fernsehen rangiert an oberster Stelle (67 Prozent) [60] . Mit deutlichem Abstand folgen weitere visuelle Wahrnehmungsformen: "Kirchen, Schlösser und ähnliches besichtigen" (41 Prozent), "Spielfilme mit historischen Themen sehen" (38 Prozent). Recht verbreitet erscheint auch die mündliche Kommunikation: Man unterhält sich "mit anderen Leuten" (38 Prozent), darunter solchen, die "eigene Erfahrungen gemacht haben" (31 Prozent), also Zeitzeugen. Das gedruckte Wort nimmt die Plätze 5 und 7 ein: "Bücher über Geschichte" zu lesen beziehungsweise in Zeitschriften etwas darüber zu erfahren, gaben 34 Prozent beziehungsweise 30 Prozent der Befragten an. Der Museumsbesuch (27 Prozent) rangiert an drittletzter Stelle, aber nach Schulbildungsstufen stark differenziert [61] und insgesamt deutlich vor den Schlusslichtern: in Schule oder Studium Geschichte lernen (13 Prozent), Vorträge hören (8 Prozent), alte Dinge sammeln (8 Prozent).

Wie die Massenmedialisierung der Geschichte wächst auch die Kommerzialisierung: "History sells". Große Teile der Kulturindustrie verarbeiten den Betriebsstoff "Geschichte" nach den Gesetzen des Markterfolgs, das heißt, sie bereiten ihn nach Maßgabe einer möglichst großen Einschaltquote oder Auflage und einer möglichst hohen Käufer- und Besucherzahl auf. Der Holocaust ist vom Marketing nicht ausgenommen ("Shoa Business") [62] . Geschichte wird als Infotainment verpackt oder zum bloßen Amüsement angeboten, was schön und vergnüglich sein kann, aber auch rasch zu Trivialisierung und Banalisierung führt. Städte, Firmen und Verbände, Institutionen und Organisationen aller Art wissen historische Attribute für Events und Public Relations zu schätzen. Das "intensive Bedürfnis, historische Jahrestage zu feiern" [63] gibt dafür willkommene Anlässe. In der Touristikbranche spielen historische Zitate und Anspielungen eine große Rolle; auch die Werbung für Konsumprodukte bedient sich ihrer. Philip Morris hat den National Archives in Washington 600 000 Dollar bezahlt, um die Bill of Rights neben dem Markennamen abdrucken zu dürfen [64] . Das Public Record Office in London, das nur für wenige Kernaufgaben staatlich finanziert und daher auf Geschichtsvermarktung angewiesen ist, erzielt unter anderem mit dem Verkauf populärer "document packs" Einnahmen (zu den Rennern zählt der Untergang der Titanic). Öffentlich-rechtlich stärker geschützt, hat das Bundesarchiv in Koblenz und Berlin (noch) kein solches Businessprogramm, sondern widmet sich weiterhin mehr der Quellenerschließung als Grundlagenwissenschaft [65] .

Aufs Ganze gesehen will es scheinen, dass wir in einer Zeit durchgreifender Historisierung leben. Wurde um 1970 ernsthaft gefragt "Wozu noch Geschichte?", so ist unsere Gegenwart von Vergangenheitsbezügen regelrecht überflutet, auch von Nostalgiewellen in der Mode; man denke nur an das historisierende Baudekor, das anspruchsvolle Einfamilienhäuser mit Gauben und Erkern aufputzt. Will man die schwierige und strittige Frage wenigstens streifen, wie der expansive Historismus unserer Tage zu erklären ist, so verweist man gern auf das Kompensations-Theorem, wonach die "Vergangenheitszugewandtheit" der Kultur der Gegenwart - um es mit den Wortgirlanden Hermann Lübbes zu sagen - eine "Kompensation der belastenden Erfahrungen eines änderungstempobedingten kulturellen Vertrautheitsschwundes" ist [66] . Eine noch weiter ausholende Deutung bietet die Postmoderne-Diskussion. Sie ist verzweigt wie ein Mäander und mitunter luftig wie eine Wolke, verweist aber recht übereinstimmend auf die Erschöpfung des Fortschrittsglaubens im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts, womit das Bedürfnis gestiegen sei, Vergewisserung aus der Vergangenheit zu holen.

In der Tat ist der Siegeszug des Konzepts "Geschichte als Fortschritt" - er reichte vom 18. Jahrhundert bis in die 1970er Jahre und zwang sogar seinen Gegnern das Referenzsystem auf - mittlerweile überholt und ersetzt worden von dem anders akzentuierten Konzept "Geschichte als Gedächtnis". In den Gegen- und Ergänzungsbewegungen zur Moderne, die der Postmoderne-Begriff zu erfassen sucht, sind alle großen Zentraltheorien zerstoben, die so etwas wie eine Einheit der Geschichte synthetisiert haben. Daher beherrschen heute Chiffren und Kürzeln wie "Differenz" und "Alterität" die intellektuelle Szene. Der Singular der Geschichte ist in den Plural der Geschichten zerfallen. Diese Diffusion entspricht der Pluralisierung der Lebensformen und Lebensstile, die "ihre" Geschichte jeweils mit eigenem Sinn füllen. In den USA, dem Land der tausend Minderheiten, ist das noch viel ausgeprägter als hierzulande, weil dort die Geschlechter, Ethnien und Gruppenidentitäten ihre "Identitätspolitik", zum Teil auch ihr Streben nach Opfer-Image ("Culture of Victimization"), historisch grundieren und mit Verve um die Repräsentation "ihrer" Geschichte im öffentlichen Raum ringen.

Fußnoten

33.
Vgl. J. Assmann (Anm. 10), S. 215-228.
34.
Vgl. Otto Gerhard Oexle (Hrsg.), Memoria als Kultur, Göttingen 1995.
35.
Vgl. Hans Maier, Die christliche Zeitrechnung, Freiburg 20005.
36.
Vgl. Helmut Moll (Hrsg.), "Zeugen für Christus". Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, Paderborn - München 1999.
37.
Peter Novick, Nach dem Holocaust. Der Umgang mit dem Massenmord, Stuttgart - München 2001, S. 24; Y. Michael Bodemann, Gedenk-Kult und Gedenk-Kultur, in: Gibt es wirklich eine Holocaust-Industrie? Zur Auseinandersetzung um Norman Finkelstein, hrsg. von Ernst Piper, Zürich-München 2001, S. 161-175, hier S. 172.
38.
Vgl. Petra Bock/Edgar Wolfrum (Hrsg.), Umkämpfte Vergangenheit. Geschichtsbilder, Erinnerung und Vergangenheitspolitik im internationalen Vergleich, Göttingen 1999, wo u. a. auf die Mobilisierung von Geschichtsbildern für den Krieg im ehemaligen Jugoslawien und den Bürgerkrieg mit völkermordartigen Auswüchsen in Ruanda hingewiesen wird.
39.
Vgl. Markus Völkel, Geschichte als Vergeltung. Zur Grundlegung des Revanchegedankens in der deutsch-französischen Historikerdiskussion 1870/71, in: Historische Zeitschrift, 257 (1993), S. 63-107.
40.
Vgl. zum Beispiel Edgar Wolfrum, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesdeutschen Erinnerung 1948-1990, Darmstadt 1999; Katherina Oehler, Geschichte in der politischen Rhetorik. Historische Argumentationsmuster im Parlament der Bundesrepublik Deutschland, Hagen 1989; Aleida Assmann/Ute Frevert, Geschichtsvergessenheit, Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945, Stuttgart 1999.
41.
Vgl. Peter Reichel, Politik mit der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit, München 1995.
42.
Bezeichnend ist ein Symposium des Bonner Hauses der Geschichte "Europäische Geschichte als Basis für ein neues europäisches Identitätsbewußtsein", dokumentiert in: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.), Europäische Geschichtskultur im 21. Jahrhundert, Berlin 1999.
43.
So der Titel einer der beiden einschlägigen Enquete-Kommissionen des Deutschen Bundestages, Bd. I-IX, Baden-Baden - Frankfurt/M. 1995.
44.
Peter Reichel, Wenn Auschwitz aufhört, weh zu tun, in: FAZ vom 25. Januar 2000.
45.
Hierzu jetzt grundlegend: Norman M. Naimark, Fires of Hatred. Ethnic Cleansing in Twenthieth-Century Europe, London 2001. Naimark untersucht den Genozid an den Armeniern, den Völkermord an den Juden, die Vertreibung der Deutschen, Stalins Völker-Deportationen und den "Säuberungs"-Fanatismus auf dem Balkan nach 1990. Eine überzeugende Gesamtschau auch bei Mark Mazower, Der dunkle Kontinent. Europa im 20. Jahrhundert, Berlin 2000, bes. S. 310-320.
46.
In die richtige Richtung weist neuerdings der Begleitband zu einer ARD-Dokumentationsreihe: Hans Lemberg/K. Erik Franzen, Die Vertriebenen. Hitlers letzte Opfer, Berlin - München 2001.
47.
Vgl. H. Rousso (Anm. 3); Jürg Altwegg, Die langen Schatten von Vichy. Frankreich, Deutschland und die Rückkehr des Verdrängten, München-Wien 1998.
48.
Vgl. Nanda van der Zee, "Um Schlimmeres zu verhindern . . .". Die Ermordung der niederländischen Juden: Kollaboration und Widerstand, München 1999; Jan de Moor, Westerling's Orloog. Indonesien 1945-1950, Amsterdam 1999.
49.
Vgl. Rolf Schörken, Geschichte in der Alltagswelt, Stuttgart 1981; Wolfgang Hardtwig, Geschichtskultur und Wissenschaft, München 1990; Klaus Füßmann u. a. (Hrsg.), Historische Faszination. Geschichtskultur heute, Köln u. a. 1994.
50.
Vgl. Das Gedächtnis der Kunst. Geschichte und Erinnerung in der Kunst der Gegenwart. Katalog zur Ausstellung im Historischen Museum und in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main vom 16. 12. 2000 - 18. 3. 2001, hrsg. von Kurt Wettengel, Ostfildern 2000.
51.
Vgl. Jörg Christöphler/Andrea Dipper, Die Anschaulichkeit der Geschichte in Historiographie und Malerei - Eine Skizze, in: Stefan Jordan (Hrsg.), Zukunft der Geschichte. Historisches Denken an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, Berlin 2000, S. 123-143.
52.
Vgl. Hans-Michael Körner/Katharina Weigand, Denkmäler in Bayern, Augsburg 1997.
53.
Zuerst 1956 erschienen, jetzt wiederentdeckt und bei Suhrkamp 1999 neu verlegt.
54.
Vgl. Zohar Shavit, Schlüssel der Erinnerung - Deutsche Geschichten aus Kinderbüchern, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, 26 (1997), S. 411-433.
55.
Nämlich Hans-Ulrich Wehler, Gedenktage und Geschichtsbewußtsein, in: Hans-Jürgen Pandel (Hrsg.), Verstehen und Verständigen, Pfaffenweiler 1991, S. 197-215, Zitat S. 211.
56.
Gottfried Korff, Ausstellungsgegenstand Geschichte, in: Frank Niess (Hrsg.), Interesse an der Geschichte, Frankfurt/M. - New York 1989, S. 65-76, hier S. 67.
57.
Vgl. Hermann Schäfer, Zur Erinnerungskultur am Beispiel der Erfahrungen des "Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland", in: Jürgen Wilke (Hrsg.), Massenmedien und Zeitgeschichte. Berichtsband der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) vom 20. bis 22. Mai 1998 in Mainz zum Thema Massenmedien und Zeitgeschichte, Konstanz 1999, S. 284-295, hier S. 287. Zu Ergebnissen und Aufgaben der Besucherforschung, die vom Haus der Geschichte mustergültig betrieben wird, vgl. Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.), Museen und ihre Besucher. Herausforderungen in der Zukunft, Berlin 1996.
58.
Vgl. Walter Klingler u. a., Fernsehen und unser Erinnerungsinteresse an zeitgeschichtlichen Ereignissen, in: J. Wilke (Anm. 57), S. 317-332, Zitat S. 318.
59.
Vgl. Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1984-1992, München u. a. 1993, S. 372.
60.
Bevölkerung insgesamt 67 %, unterschieden nach Schulbildung: einfacher Abschluss 62 %, mittlerer Abschluss 70 %, höherer Abschluss 77 %.
61.
Einfacher Abschluss 17 Prozent, mittlerer Abschluss 32 Prozent, höherer Abschluss 50 Prozent.
62.
Abwägend Ulrich Speck, Zum öffentlichen Gebrauch der Shoa in Deutschland, in: Merkur, 53 (1999), S. 120-127; polemisch: Richard Chaim Schneider, Fetisch Holocaust. Die Judenvernichtung - verdrängt und vermarktet, München 1997 sowie Norman G. Finkelstein, Die Holocaust-Industrie. Wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird, München - Zürich 2001.
63.
Wolfgang Hardtwig, Die Sehnsucht nach Größe. Über das intensive Bedürfnis, historische Jahrestage zu feiern, in: ders. (Anm. 49), S. 302-309.
64.
Vgl. Robert B. Reich, Die neue Weltwirtschaft. Das Ende der nationalen Ökonomie, Frankfurt a. M. 1996, S. 122.
65.
Vgl. Friedrich F. Kahlenberg, Wissenschaftlicher Informationswert und ökonomische Voraussetzungen zeitgeschichtlicher Quelleneditionen, in: L. Gall/R. Schieffer (Anm. 20), S. 113-128.
66.
Hermann Lübbe, Die Gegenwart der Vergangenheit. Kulturelle und politische Funktionen des historischen Bewusstseins, Oldenburg 1985, S. 13.