APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Hans Günter Hockerts

Zugänge zur Zeitgeschichte: Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft

VI. Geschichte als Wissenschaft

Was unterscheidet die zeithistorische Forschung von allen bisher betrachteten Zugangsweisen? Worin liegt das spezifisch "Wissenschaftliche" der Zeithistorie? Will man die Antwort in aller Kürze umreißen, so ist zunächst "der Zweifel an der Geltung von Aussagen" als "konstituierender Faktor" des wissenschaftlichen Denkens zu betonen [67] . Die Geschichtswissenschaft bezieht daher die Bedingungen des Wissens und seines Zustandekommens in die Reflexion mit ein und hat Standards eines "systematischen, regelhaften und nachprüfbaren Wissenserwerbs" entwickelt [68] . Diese wirken sich vielfältig aus: auf die Intensität der Quellenrecherche und der Quellenkritik, auf die Verfahren der empirischen Überprüfung, die Rationalitätskriterien der Argumentation, die Reichweite der Kontextbildung, die Intensität der Differenzierung und nicht zuletzt auch auf den diskursiven Charakter des Forschungsprozesses; denn jede Einzelleistung wird mit vielen Fäden der Rezeption, der wechselseitigen Kontrolle und Kritik in der Fachwelt "diszipliniert" - jedenfalls im Prinzip.

Damit sind einige Eingangsschwellen angedeutet, die den wissenschaftlichen Zugang zur Zeitgeschichte von anderen Zugängen unterscheiden, vor allem: Quellenkritik, Standpunktreflexion und Forschung als Prozess. Als quellenkritische Experten, auch als Experten der Archiv-Recherche, sind die Zeithistoriker in der Regel kaum angefochten. Sie haben zwar viel Konkurrenz bei der Vermittlung, aber wenig bei der Ermittlung historischer Tatsachen. Hier ist ihre Sachautorität groß, weil sie sich vom Vetorecht der Quellen und dem Zwang zu dokumentarischer Evidenz ableitet. Hier ist auch die fachinterne Einigungschance relativ hoch, was nicht ausschließt, dass manche Kontroverse durch die Jahrzehnte schwelt wie die um den Reichstagsbrand. - Standpunktreflexion: Damit wird die Perspektivengebundenheit jeder historischen Erkenntnis erkannt und anerkannt, gerade so aber auch die Möglichkeit eröffnet, eine Vielzahl von Blickwinkeln gegeneinanderzuhalten oder unterschiedliche Sichtweisen miteinander zu verbinden. Hier geht es nun nicht mehr um die Ermittlung historischer Tatsachen, sondern um ihre Verknüpfung und Einordnung, ihre Erklärung in größeren Zusammenhängen.

Damit öffnen sich weite Arenen für fachliche Kontroversen, da selbst die strengste historische Methode oft mehrere Möglichkeiten der Verknüpfung und Erklärung offen lässt. Daher können gedankliche Leistungen des Forschers, die für die Konstitution historischer Erkenntnis wichtig sind - wie die Art und die Weite der Kontextbildung oder die Gewichtung von Wirkungsanteilen in komplexen Wirkungszusammenhängen - strittig bleiben, ohne dass der Streit mit fachlichen Kriterien definitiv zu entscheiden ist. Anders gesagt: Forschung kann immer nur relationale Erkenntnis hervorbringen - in Relation zu dem Entwurf, in dessen Licht die Ergebnisse zum Vorschein kommen, wobei dem Entwurf immer die Begrenztheit der Forschungsperspektive anhaftet [69] .

Jeder Zeithistoriker weiß das, aber man muss es dreimal betonen, um der missverständlichen Sprachkonvention entgegenzuwirken, die Wissenschaft sei "objektiv". Besser wäre es, den Objektivitätsbegriff aus dem Verkehr zu ziehen, jedenfalls als Imponiervokabel im Gespräch zwischen Fachmann und Laien. Man erweckt sonst die Vorstellung, die Zeithistorie könne aus dem Strom der Zeit herausspringen und ihn vom festen, eben "objektiven" Ufer aus betrachten und beurteilen. Das kann sie aber keineswegs. Sie rudert vielmehr mittendrin, verfügt freilich mit ihren methodischen Standards über einige Navigationshilfen besonderer Art. Bei aller Wertschätzung der Leistung einzelner Forscher kommt dabei dem prozessualen Charakter der Forschung grundlegende Bedeutung zu. Denn die Debatten und Kontroversen der "scientific community" sind die einzige Gewähr dafür, dass die Chancen zur wechselseitigen Kontrolle und Korrektur genutzt werden oder zumindest grundsätzlich offen bleiben. Darin liegt ein wichtiges intersubjektives Korrektiv, das freilich keine "Objektivität" verbürgt, eher eine Art Fließgleichgewicht der Disziplin.

Dieses so knapp wie nur möglich umrissene Wissenschaftsverständnis ist hinreichend abgerüstet, um übertriebene Geltungsansprüche gar nicht erst aufkommen zu lassen. Gleichwohl tritt die Geschichtswissenschaft damit in ein Spannungs- oder auch Konkurrenzverhältnis zu Zugangsweisen, die anderen Regeln folgen. Mit Hilfe einiger kontrastierender Gegenüberstellungen lässt sich die Eigenart des wissenschaftlichen Zugangs noch etwas klarer und konkreter abgrenzen.

Die am weitesten ausholende Unterscheidung stellt "memory" und "history" einander gegenüber. Damit ist einerseits das kollektive Gedächtnis als Inbegriff aller nicht wissenschaftlichen Erinnerungsweisen gemeint und andererseits die Historie im Sinne eines wissenschaftlich fundierten Geschichtsbewusstseins. Sehr zugespitzt, aber ganz vorzüglich hat neuerdings Peter Novick die Differenz bezeichnet: Das kollektive Gedächtnis sei in gewisser Hinsicht nicht nur ahistorisch, sondern sogar antihistorisch. Etwas historisch zu verstehen bedeute ja, "sich seiner Komplexität bewusst zu sein, über eine hinreichende Distanz zu verfügen, es aus mehreren Perspektiven zu sehen, die Mehrdeutigkeit (auch die moralische Mehrdeutigkeit) der Motive und Verhaltensweisen der Protagonisten zu akzeptieren". Das kollektive Gedächtnis hingegen vereinfache; es nehme die Ereignisse aus einer einzigen, interessierten Perspektive zur Kenntnis und dulde keine Mehrdeutigkeit. Außerdem nehme die Historie die zeitliche Dimension der Vergangenheit ernst, ihre "Geschichtlichkeit", die aus Bedingungen erwachsen ist, die sich von denen, die heute gelten, unterscheiden. "Das kollektive Gedächtnis hingegen hat kein Gespür für das Verstreichen der Zeit; es negiert die ,Vergangenheit' seiner Gegenstände und beharrt auf ihrer fortdauernden Gegenwart." [70]

Das enger gefasste Begriffspaar Gedächtnisfeier und Lernprozess hat Chaim Schatzker im Blick auf die Shoah erläutert. Gedächtnisfeier: darunter versteht er symbolische Akte der Trauer, rituelle Zeremonien, die vorwiegend an die Emotion appellieren. Sie überdecken oder mildern die schwer zu ertragende Wirklichkeit, entrücken sie, um sie erträglich zu machen. Sie spenden Trost angesichts der Wunden schmerzlicher Erinnerung. Grundsätzlich anders der Lernprozess: Hier dominiert die rationale, nüchterne Analyse, die methodisch kontrollierte Erklärung von Zusammenhängen; hier geht es nicht um Emotion, sondern um Kognition. Schatzker hat diese beiden Grundformen scharf voneinander getrennt. Er betont, beide seien berechtigt und notwendig, aber man dürfe sie nicht verwischen, sonst sei keiner der beiden ein guter Dienst getan [71] . Gewiss kann man darüber streiten, ob Emotion und Kognition so radikal voneinander getrennt werden können [72] . Aber in der grundsätzlichen Unterscheidung von Gedächtnisfeier und Lernprozess ist Schatzker auf jeden Fall zuzustimmen, und was er über den Lernprozess sagte, gilt erst recht für den Forschungsprozess und somit für die Abgrenzung von Gedenken und Erforschen.

Gedächtnis- und Gedenkfeiern haben einen hohen emotionalen Gehalt. Je nach dem Charakter der Feier dominiert die Grundemotion der Trauer oder der Bewunderung, verbunden mit moralischen Wertbezügen, die in tröstender, mahnender oder preisender Absicht akzentuiert werden [73] . Daher kommen in solchen Feiern sozialpädagogische Konventionen und Sprachregeln der political correctness stark zur Geltung, auch Fragen des Stils, wie zum Beispiel der Sturz des Bundestagspräsidenten Philipp Jenningers zeigt: Am 50. Jah-restag des Pogroms vom 9. November 1938 sagte er nichts Falsches, aber er verfehlte den Ton, den die Erinnerungsvirtuosen für angemessen hielten. Er "verwechselte ein Gedenkzeremoniell mit einem historischen Kolleg" [74] ; zudem wirkte er rhetorisch ungelenk. In diesem Fall kann man sich fragen, ob das eigentlich Peinliche nicht eher die überhitzte und überzogene Reaktion der Kritiker war. Hätte Jenninger glatt und routiniert gesprochen, so hätte er sein hohes Amt behalten können.

Ein anderes Beispiel macht die Berechtigung der Abgrenzung von Gedenken und Erforschen klarer: Die jährliche Gedächtnisfeier in der KZ-Gedenkstätte Dachau ist gewiss nicht der richtige Ort, um so diffizile Fragen wie die Rolle der so genannten Funktionshäftlinge zu traktieren. Das waren Häftlinge, denen die SS-Macht über andere Häftlinge gab und die ihre Macht nicht selten schlimm gebrauchten. Solche Binnendifferenzierungen der Häftlingsgesellschaft zu erarbeiten, ebenso "ein differenzierteres Bild einer Bandbreite menschlicher Möglichkeiten auch in der schwarzen Uniform", zählt aber entschieden zu den Aufgaben der Geschichtswissenschaft [75] . Die Wirkung von Gedenkfeiern beruht großenteils auf den Regeln emotionaler Vergemeinschaftung. Hingegen zielen die Regeln der Wissenschaft auf eine methodisch kontrollierte, gewissermaßen analytisch-kalte "Distanzierung" - umso mehr, wenn der Untersuchungsgegenstand spontan zu äußerstem "Engagement" herausfordert [76] . Daher muss die Profession der Historiker auch im Blick auf den Völkermord an den Juden mit Nachdruck auf einer genauen und analytischen Durchdringung der realen geschichtlichen Zusammenhänge und insofern auf einer "Historisierung" bestehen - in deutlichem Abstand zu den Tendenzen, Auschwitz in die Sphäre des Sakralen zu rücken und als Einbruch des Absoluten in die Welt des Relativen mit quasireligiösen Zügen darzustellen [77] .

Der Grenzverlauf zwischen Historiographie und Literatur ist seit dem "linguistic turn" etwas ins Schwimmen geraten. Wir achten aufmerksamer als früher auf die Bedeutung der Sprachgebundenheit historiographischer Texte, auf ihre Durchwirkung mit literarischen Mustern und imaginativen Elementen. Aber der Parole "Auch Clio dichtet" ist doch sehr zu Recht entgegengehalten worden, dass der Historiker "einen anderen Kontrakt mit dem Leser hat als der Romancier" und sich daher "weniger Freiheiten mit dem Rohmaterial erlauben" darf [78] . Die Kategorie des Ästhetischen, die die Eigenart der Literatur ausmacht, gibt dem Schriftsteller freie Hand im Umgang mit dem Fiktionalen, während der Historiker seine empirischen Bezüge nicht erfinden darf, sondern finden muss, nämlich im oft spröden und sperrigen Quellenmaterial; obendrein hat er nur recht begrenzte ästhetische Gestaltungsmittel zur Hand, wenn er untersucht, erörtert und argumentiert. So kann die Literatur die Vorstellungskraft des Lesers viel stärker in ihren Bann ziehen als die Historiographie es vermag; aber dafür kann die Historie die Vorzüge der Wissensform der Wissenschaftlichkeit für sich geltend machen [79] .

Was die Frage der Darstellbarkeit historischer Stoffe in den audiovisuellen Medien betrifft, so sind die Formen der Erprobung und die fachlichen Debatten noch sehr im Fluss. Der Diskussionsstand lässt sich daher kaum in wenigen Sätzen umreißen, zumal der Dachbegriff des Audiovisuellen sehr verschiedenartige Genres umfasst, mit weitem Pendelschlag zwischen Nonfiction und Fiction und mit jeweils eigenen Regeln der Produktion und Rezeption: von der betont lehrhaften Dokumentation über Mischformen des "infotainment" bis zum anspruchvollsten künstlerischen Experiment [80] . Die Präsentation historischer Stoffe in Tönen und bewegten Bildern bietet bestechende Möglichkeiten, die kein gedruckter Text erreichen kann. Aber das geschriebene Wort - mitsamt dem "Fußnotenkeller" (Ulrich Raulff) - ist aufnahmefähiger als zum Beispiel das Fernsehen, wenn es um Geschichte als Wissenschaft geht. Die Divergenz wächst in dem Maße, in dem das Fernsehen sich an ein breiteres Publikum richtet, dessen Aufmerksamkeit in jedem Augenblick neu erobert sein will, weil es sonst gelangweilt "zappen" würde. Die ZDF-Sendereihe "Hitlers Helfer", der es 1998 gelang, pro Sendung bis zu acht Millionen Zuschauer an den Bildschirm zu binden, hat daher sowohl die enormen Popularisierungschancen als auch genrespezifische Verzerrungsgefahren besonders deutlich gemacht [81] .

Hierzu zählt die Tendenz zur Emotionalisierung, verbunden mit der Illusion, man sei dem historischen Geschehen ganz nah und könne es gewissermaßen sinnlich begreifen. Bilder und Töne, zumal bewegte Bilder und musikalische Effekte, haben eine große sinnliche Evidenz. Sie löschen Distanz, erwecken den Eindruck des authentischen Erlebens, so als sehe man mit den eigenen Augen, "wie es eigentlich gewesen ist". Was auf der Leinwand und dem Bildschirm vorkommt, muss visualisierbar sein. Aber das Auge ist, mit den Worten des Kunsthistorikers Willibald Sauerländer, des Menschen "verführbarster Sinn", und ihm bleibt vieles verborgen, was für die historische Erkenntnis unabdingbar ist: Begriffe, Kategorien, komplexe Erklärungen. Hier könnten Kommentare, verbale Erläuterungen helfen, aber des Gedankens Blässe schadet dem dramatisch bewegten, farbigen Bild und drückt auf die Quote. "Wie wird man ein Kriegsverbrecher?", fragt eine Stimme aus dem "Off" in "Hitlers Helfer" und gibt die Antwort im Stakkato: "Indem man einem Tyrannen folgt." Eine solche Pseudoerklärung vermittelt noch nicht einmal in homöopathischer Dosierung, was sich mit der Lektüre von 23 Seiten Wissenschaftsprosa über Hitlers charismatische Herrschaft fundiert erschließen ließe [82] . Übrigens ließ auch "Schindlers Liste", der gefeierte Film, die Leute aus dem Kino gehen, "ohne in irgendeiner Weise über den historischen Zusammenhang belehrt zu sein" [83] .

Zur Emotionalisierung gesellt sich die Personalisierung. Das bewegte Bild braucht Aktion, und da Strukturen nicht handeln können, sieht man handelnde Personen. Dieses Darstellungsprinzip ist natürlich ganz legitim. Wer wollte es dem Publikum verargen, dass es die Personalisierung als die eingängigste und interessanteste Form der Welterfassung schätzt? Die Zeiten, in der bestimmte historiographische Denkschulen meinten, immerzu menschenleere Strukturlandschaften entwerfen zu müssen, sind glücklicherweise vorbei. Aber Fernsehproduktionen im Stil von "Hitlers Helfer" schneiden die Handlungen von ihren Bedingungen ab, um sie leichter servieren zu können. Strukturen und Prozesse sind weitaus schwerer zu visualisieren als Ereignisse und Handlungen. Der Zwang zum Bild bringt es daher mit sich, dass Fernsehdokumentationen generell dazu neigen, die Fülle der nicht an Personen gebundenen Bedingungsfaktoren weniger zu belichten oder gar auszublenden. So werden zum Beispiel institutionelle Zusammenhänge selten hinreichend erklärt, obwohl sie die Verhaltensmöglichkeiten der Menschen oft mehr beeinflussen, als es die individuelle Moral oder die individuelle Absicht tut. Auch bei der Auswahl der Zeitzeugen, die im Fernsehen zu Wort (oder zu einigen Satzschnipseln) kommen, rangiert "human touch" nicht gerade selten vor der Aussagekraft.

Wie die Sendereihe "Hitlers Helfer" verdeutlicht, folgen Wissenschaft und Mediengesellschaft verschiedenen Regeln und Routinen. Dass diese nicht nur divergieren, sondern geradezu konfligieren können, hat in jüngster Zeit die Goldhagen-Debatte verblüffend klar gemacht. Fast lupenrein haben sich in der Goldhagen-Debatte die Meinungen geschieden "zwischen Kennern der Materie einerseits und andererseits den Medien und denjenigen, die ihre Informationen weitgehend durch die Medien beziehen". Je besser die Historiker mit der Materie vertraut waren, um so schärfer fiel in der Regel die Kritik aus, in der deutschen Fachwelt nicht weniger als in der internationalen [84] . Die fachliche Kritik war im Grunde niederschmetternd, aber das tat dem überwältigenden Medienerfolg des jungen amerikanischen Politologen, dem triumphalen Erfolg seiner Tournee und dem reißenden Absatz seines Buches keinen Abbruch. Umgekehrt fehlte dem thematisch ganz ähnlich gelagerten, indes wissenschaftlich vorzüglichen Buch von Christopher Browning [85] die Brisanz für eine Mediendebatte: Hier gab es keine massive PR-Kampagne, keine Nachrichtenfaktoren, keine plakativ versimpelte These; hier wurde weder das Sensationsbedürfnis gereizt noch die Glaubensbereitschaft eines willigen Publikums getroffen, das - quasireligiös berührt - Goldhagens Buch wie einen Ablass kaufte [86] .

Spricht hier der nörgelnde Neid einer Zunft, deren eigene Mittel - Abhandlungen, Monographien, Quelleneditionen und dergleichen - für das breite Publikum ungeeignet sind? Man möge mich nicht missverstehen. Die abgrenzenden Überlegungen sollen keineswegs den Eindruck erwecken, als hätten die Zeithistoriker die Seriosität in Erbpacht, während alle anderen, zumal die massenmedialen Vermittler der Zeitgeschichte, mit dem Makel der Unseriosität leben müssten. Dem wäre zweierlei entgegenzuhalten. Zunächst: Auch in den heiligen Hallen der Fachwissenschaft kann "gemogelt und geschlampt, getürkt und gebogen" werden [87] . Jedem Forscher können Fehler unterlaufen, jeder trägt selber "Primärerfahrung" im Gepäck, viele beziehen geschichtspolitische Positionen, und nicht wenige drängen sich auf die Kanzeln der Erinnerungskultur und sehnen sich nach einem Fernsehauftritt oder doch wenigstens einer Taschenbuchausgabe. Wenn die spezifische Leistungskraft der Fachhistorie hervorgehoben wird, so ist - wie oben dargelegt - auch nicht so sehr der einzelne Forscher gemeint, vielmehr der Prozess der Forschung, der von den kritischen Debatten der "scientific community" getragen wird und die Chance zur Selbstkontrolle und Selbstkorrektur stets offen hält.

Sodann geht es auch nicht darum, den anderen Instanzen und Formen der Repräsentation von Geschichte ihre jeweils spezifische Legitimität zu bestreiten. Jede Zugangsweise hat ihre besonderen Möglichkeiten und Grenzen, jede kennt eigene Zwecke und Erfordernisse. Wir haben es also mit einem Ensemble relativer Autonomie zu tun, das auf Unterscheidungen beruht, aber auch Austausch und produktive Konkurrenz ermöglicht. So hat die zeitgeschichtliche Forschung, indem sie einen Fundus kritisch geprüften Wissens erarbeitet und bereit stellt, eine ganz unentbehrliche Servicefunktion für alle anderen Bereiche, denn diese sind durchwegs eher Vermittler und Verwender als Zulieferer des empirisch kontrollierten Wissensspeichers. Daneben hat die Zeithistorie die Aufgabe, den öffentlichen Gebrauch der Geschichte kritisch zu begleiten. Erinnerungsvielfalt heißt nicht, alles für erlaubt zu erklären. Die Fachkompetenz kann dazu beitragen, dass Pluralität nicht zur Beliebigkeit verkommt, und sie muss dazu beitragen, "Geschichtslegenden, auch politische Mythologeme, die in der Öffentlichkeit in Geltung sind, kalt und entschieden zu entlarven" [88] .

Die Zeithistoriker haben laut zu widersprechen, wenn sie im öffentlichen Gebrauch der Geschichte Unverantwortliches wahrnehmen, wie etwa den Missbrauch ihrer Forschungsergebnisse oder die Verdrehung von Tatsachen - oder auch verheerende Missgriffe in einer schlampig gemachten Ausstellung [89] . Umgekehrt bedürfen die Ergebnisse der zeithistorischen Forschung in der Regel der Vermittler und Übersetzer, wenn sie einem größeren Publikum nahe gebracht werden sollen. Insofern sind die Historiker gut beraten, wenn sie auf solche Experten zugehen und die Zusammenarbeit mit ihnen suchen.

Fußnoten

67.
Vgl. Jörn Rüsen, Historische Vernunft. Grundzüge einer Historik I: Die Grundlagen der Geschichtswissenschaft, Göttingen 1983, S. 88. Zu den postmodernen Anfechtungen der historischen "Normalwissenschaft" vgl. Geschichte schreiben in der Postmoderne. Beiträge zur aktuellen Diskussion, hrsg. von Christoph Conrad und Martina Kessel, Stuttgart 1994; vgl. ferner Richard J. Evans, Fakten und Fiktionen. Über die Grundlagen historischer Erkenntnis, Frankfurt/M. - New York 1998.
68.
W. Hardtwig (Anm. 49), S. 7.
69.
Vgl. H. G. Hockerts (Anm. 25), S. 11.
70.
P. Novick (Anm. 37), S. 14 f. (in Anlehnung an den französischen Soziologen Maurice Halbwachs).
71.
Vgl. Chaim Schatzker, Die Rezeption der "Shoa" durch das israelische Bildungswesen und die israelische Gesellschaft, in: Wolfgang Scheffler/Werner Bergmann (Hrsg.), Lerntag über den Holocaust als Thema im Geschichtsunterricht und in der politischen Bildung, Berlin 1988, S. 77-85; Chaim Schatzker/Dieter Schmidt-Sinns, Judentum und Israel in der politischen Bildung, hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2000.
72.
Dazu grundsätzlich und aufschlussreich: Luc Ciompi, Die emotionalen Grundlagen des Denkens. Entwurf einer fraktalen Affektlogik, Göttingen 1997.
73.
Eine tragfähige Klassifikation von Formen und Stätten des Gedenkens bietet Thomas Hertfelder, Vom Nutzen und Nachteil einer Heuss-Gedenkstätte in Stuttgart. Das Theodor-Heuss-Haus im Kontext der deutschen Gedenkstättenlandschaft, in: Jahrbuch der Liberalismus-Forschung, (1997), S. 205-222.
74.
P. Reichel (Anm. 41), S. 318.
75.
Vgl. Lutz Niethammer, Häftlinge und Häftlingsgruppen im Lager, in: Ulrich Herbert u. a. (Hrsg.), Die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Entwicklung und Struktur, Bd. 2, Göttingen 1998, S. 1046-1060.
76.
Vgl. M. Pollak (Anm. 32); grundlegend Norbert Elias, Engagement und Distanzierung. Arbeiten zur Wissenssoziologie I, hrsg. und übersetzt von Michael Schröter, Frankfurt/M. 1983.
77.
Vgl. Sybille Steinbacher, Darstellungen und Quellen zur Geschichte von Auschwitz, in: H. Möller/U. Wengst (Anm. 28), S. 265-280. - Zu Abgrenzungen und Verflechtungen anderer Art, nämlich der zeitgeschichtlich fundierten Gerichtsbarkeit angesichts von Regierungskriminalität und "crimes against humanity", vgl. Norbert Frei u. a., Geschichte vor Gericht. Historiker, Richter und die Suche nach Gerechtigkeit, München 2000.
78.
Ruth Klüger, Gedichtete Geschichte: Fakten und Fiktionen, in: Intentionen - Wirklichkeiten. 42. Deutscher Historikertag 1998. Berichtsband, München 1999, S. 316-327, Zitat S. 323.
79.
Zum Verhältnis zwischen Historie und Literatur vgl. Hartmut Eggert u. a. (Hrsg.), Geschichte als Literatur. Formen und Grenzen der Repräsentation von Vergangenheit, Stuttgart 1990.
80.
Einführend Guido Knopp/Siegfried Quandt (Hrsg.), Geschichte im Fernsehen. Ein Handbuch, Darmstadt 1988. Vgl. als einschlägiges Periodikum: Rundfunk und Geschichte, 26 (2000). Sehr anregend Rainer Rother (Hrsg.), Bilder schreiben Geschichte: Der Historiker im Kino, Berlin 1991; vgl. auch F. Bösch (Anm. 1).
81.
Vgl. einerseits den Totalverriss von Frank Schirrmacher, Hitler, nach Knopp, in: FAZ vom 18. April 1998, andererseits Guido Knopp, Zeitgeschichte im ZDF, in: J. Wilke (Anm. 57), S. 309-316.
82.
Vgl. M. Rainer Lepsius, Das Modell der charismatischen Herrschaft und seine Anwendbarkeit auf den "Führerstaat" Adolf Hitlers, in: ders., Demokratie in Deutschland. Soziologisch-historische Konstellationsanalysen. Ausgewählte Auf-sätze, Göttingen 1993, S. 95-118.
83.
Wie Fritz Stern in einem Interview mit dem Spiegel, 41/1999, S. 300, zu Recht betont.
84.
Vgl. Ruth Bettina Birn /Volker Riess, Das Goldhagen-Phänomen oder: fünfzig Jahre danach, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 49 (1998), S. 80-95, Zitat S. 81; Johannes Heil/Rainer Erb (Hrsg.), Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit. Der Streit um Daniel J. Goldhagen, Frankfurt/M. 1998.
85.
Christopher Browning, Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die "Endlösung" in Polen, Reinbek 1993.
86.
Mit der Formulierung "Ablassfunktion" spitzte Christian Meier als Rezensent einen Gedanken von A. Assmann/U. Frevert (Anm. 40), S. 283/289, zu, in: Neue Zürcher Zeitung vom 3. 2. 2000.
87.
Wie schon Wolfgang Benz, Zeitgeschichte und Fernsehen, in: Studienkreis Rundfunk und Geschichte, 12 (1986), S. 41-54, Zitat S. 45, wusste.
88.
Hans Peter Schwarz, Warum eine Festschrift?, in: H. Möller/U. Wengst (Anm. 28), S. 15-25, Zitat S. 21.
89.
Vgl. Bogdan Musial, Bilder einer Ausstellung. Kritische Anmerkungen zur Wanderausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944", in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 47 (1999), S. 563-592.