APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Ulrich Grober

Die Idee der Nachhaltigkeit als zivilisatorischer Entwurf

Tiefe Wurzeln

". . . deep within our human spirit there is an innate ability to live sustainably with nature", schrieb Prinz Charles [2] . Die von ihm angesprochene "angeborene Fähigkeit", nachhaltig mit der Natur umzugehen, wohl auch eine mitgedachte ungestillte Sehnsucht, im Einklang mit ihr zu leben, wäre ein tragfähiges Fundament. Gewiss, die konkurrierenden Entwürfe einer globalisierten Konsumgesellschaft sind durchaus erfolgreich. Der infantile Wunschtraum vom immerwährenden Schlaraffenland hat ebenfalls tiefe Wurzeln in unserer Kultur und wird in einem fulminanten Bilder-Feuerwerk der Werbung ständig aktualisiert. Aber ist dieses Modell wirklich so attraktiv und so stabil, wie es scheint?

Hier seien nur einige Gegentendenzen genannt: Hartnäckig hält sich nicht nur in der älteren Generation die Abneigung gegen die "Wegwerfgesellschaft". Die Bereitschaft, beim Recycling mitzumachen, der Wunsch, sich mit langlebigen Gebrauchsgütern zu umgeben, ist ungebrochen. Naturbelassene Materialien werden sowohl bei den Lebensmitteln als auch bei der "zweiten Haut", der Kleidung, und der "dritten Haut", den eigenen vier Wänden, als schöner und gesünder, als "vollwertig" empfunden. Plastik und Synthetik sind mit dem Makel der Minderwertigkeit, des nicht Echten, Natürlichen behaftet. Die Atomenergie wäre ein weiteres Beispiel. Sie ist einer Mehrheit mehr denn je unheimlich. Der Gedanke, dass in Gestalt des Atommülls jahrtausendelang in den Endlagern Zeitbomben ticken, ist schwer erträglich. Die Kraft der Sonne, die auf der Haut zu spüren so wohltuend ist, direkt für die Energiegewinnung zu nutzen, ist dagegen vielen eine höchst verlockende Alternative. Schließlich: In der flexiblen neuen Jobgesellschaft des Informationszeitalters häufen sich gerade bei den Erfolgreichen die burn-out-Syndrome. Die Notwendigkeit, andere Arten der Zeitverwendung in die Abläufe des Alltags zu integrieren, wird unabweisbar. Und wenn es nur die Auszeit eines "sabbaticals" sein kann.

Die Moderne mit ihrer ungebrochen gewaltsamen Dynamik, ist letztlich nicht lebbar. So Wilhelm Schmid, der Philosoph aus Berlin, der an einer Erneuerung der "Lebenskunst" arbeitet [3] . Hier liegt - so scheint mir - die innere Logik der langen Kette von GAUs, Krisen und Schockwellen in unserer Gegenwart. Hier liegen aber auch die großen Chancen für eine andere Moderne verborgen. Um es mit der Metaphorik eines tibetischen Sprichworts zu sagen: "Ein Baum, der fällt, macht mehr Krach als ein Wald, der wächst." Immer wenn marode Baumriesen (wie z. B. die industriemäßig betriebene Landwirtschaft) zu Boden krachen oder ihnen zumindest Kronenteile wegbrechen, gewinnt der Wald Licht und Raum für seine Verjüngung. Aus den elementaren Bedürfnissen der Gesellschaft und aus einem um sich greifenden "Unbehagen in der Kultur" (Freud) heraus wachsen vielgestaltige und vielfältige Lösungen. Diese müssen sich allerdings gegen die Verheißungen der Reklamebilder durchsetzen. Das ist ihre Reifeprüfung.

Fußnoten

2.
Charlie Pye-Smith/Grazia Borrini Feyerabend, The Wealth of Communities, London 1994, Vorwort von HRH The Prince of Wales, S. VIII.
3.
Vgl. Wilhelm Schmid, Schönes Leben? Einführung in die Lebenskunst, Frankfurt am Main 2000.