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26.5.2002 | Von:
Ulrich Grober

Die Idee der Nachhaltigkeit als zivilisatorischer Entwurf

Halb so viel, doppelt so gut

Unter nachhaltiger Entwicklung, so hatte die Brundtland-Kommission 1987 das Grundprinzip der intergenerativen Gerechtigkeit definiert, verstehen wir eine Entwicklung, "die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse und ihren Lebensstil zu wählen" [7] . Die Formel wurde und wird vielfach zitiert. Ein wesentlicher Punkt daraus scheint mir jedoch noch immer ein blinder Fleck der Debatte zu sein: Die Brundtland-Formel hat unmissverständlich die Reflexion der Bedürfnisse und Lebensstile auf die Agenda für das 21. Jahrhundert gesetzt.

Bei der Ausarbeitung des Leitbilds kamen in den neunziger Jahren, hierzulande vor allem durch die Pionierarbeit der Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" [8] zwei Strategien ins Blickfeld: Die Effizienzstrategie zielt auf die drastische Reduzierung des Naturverbrauchs durch eine Richtungsänderung des technischen Fortschritts. Im Zentrum steht die Erhöhung der Ressourcenproduktivität um den Faktor 4, langfristig um den Faktor 10. Eine Reduzierung des Verbrauchs an natürlichen Ressourcen auf ein Zehntel ist natürlich eine gewaltige Herausforderung an Tüftler, Macher, kreative und unternehmerische Menschen. Sie bedeutet "eine neue technologische Revolution von ähnlichem Ausmaß wie die Industrielle Revolution" [9] . Trotzdem ist dieses kühne Projekt vergleichsweise wenig umstritten und inzwischen in vielen Bereichen Konsens.

Die Effizienzstrategie bildet jedoch nur eine Ebene des Übergangs zu einer nachhaltigen Entwicklung. Sie muss ergänzt und getragen werden durch eine Dimension, welche die Autoren von "Zukunftsfähiges Deutschland" beim Wuppertal-Institut Suffizienz-Strategie nannten. Hier erst geht es zentral um die bereits von der Brundtland-Kommission angesprochenen Bedürfnisse und Lebensstile, um eine neue Definition von Lebensqualität. Damit ist nun keineswegs eine Abkehr von der Vision des guten Lebens für alle vollzogen. Der Schlüssel liegt vielmehr in dem Konzept "neue Wohlstandsmodelle".

"Halb so viel, dafür doppelt so gut": Das griffige Motto des Münchner Öko-Unternehmers Karl Ludwig Schweisfurth trifft den Kern der Sache. Was er für den Konsum von Lebens-Mitteln empfiehlt, wäre auf andere Bereiche des Alltags zu übertragen. Die Suffizienz-Zivilisation fragt nach dem "rechten Maß" und nach einer Balance zwischen materiellen und immateriellen Gütern, zwischen Güterwohlstand, Zeitwohlstand und Raumwohlstand. Sie fragt, was wir wirklich brauchen. Sie hält auch Schönheit für ein Lebens-Mittel. Sie empfiehlt die Konzentration auf das Optimale, also auf das Bessere, die Qualität, das Langlebige, statt auf das Maximale. Sie benennt den Wert des Sozialkapitals und untersucht die Chancen einer neuen Mischung von Erwerbsarbeit, Versorgungsarbeit, Gemeinschaftsarbeit und Eigenarbeit. Sie wirbt für eine Kultur der Selbstbegrenzung und für die Eleganz der Einfachheit - und nimmt damit alte Denkwege einer Philosophie der Lebenskunst wieder auf.

Die "neuen Bilder des guten Lebens" haben in den letzten Jahren an Tiefenschärfe gewonnen. Daran gearbeitet haben größere oder kleinere Ideenschmieden überall im Land: die Institute in Wuppertal und Potsdam, Eurosolar in Bonn, der Kreis um die Zeitschrift "Politische Ökologie" in München, das Projekt "Ökologie der Zeit" in Tutzing, das Wissenschaftszentrum Berlin und der Lehrstuhl für Sozialökologie an der Humboldt-Universität, um nur einige zu nennen. Sie sind vernetzt, legen aber ihren jeweils eigenen Pfad in eine Zivilisation der Nachhaltigkeit. Alle sind mit feinfühligen Sensoren für unterschwellige Regungen und sich neu bildende Strömungen in der Gesellschaft ausgestattet [10] .

"Effizienz und Suffizienz" sagt Ernst Ulrich von Weizsäcker, "bilden ein Paar." [11] Von dieser Einsicht ist der gesellschaftliche und politische Mainstream noch weit entfernt. Mutmachend jedoch ist: Auf der Basis der Idee der Nachhaltigkeit ist eine Suchbewegung entstanden und sehr stark gewachsen, eine "ökologisch gesinnte Subkultur auf Weltebene" [12] (Wolfgang Sachs) mit ähnlichen Problemdefinitionen, Zielperspektiven und Reformansätzen. Es ist eine Bewegung, die Graswurzel-Initiativen und Unternehmen, Teile von öffentlichen Administrationen und wissenschaftlichen Einrichtungen umfasst und auf zahllosen Experimentierfeldern ein Kapital an Wissen und Kompetenz aufgebaut hat, das Fundament notwendiger Veränderungen ist. In der Logik des tibetischen Sprichworts wäre das gleichsam der "Wald". Die Politik wäre gut beraten, wenn sie sensibel darauf achten würde, dass der Wald wächst.

Fußnoten

7.
Zit. nach: Umweltbundesamt (Hrsg.), Nachhaltiges Deutschland, Berlin 1997, S. 4. Der Bericht, entstanden unter Federführung der norwegischen Ministerpräsidentin Gro Haarlem Brundtland, hatte den Bericht der Brandt-Kommission von 1980 zum Vorläufer. "Sustainable Development" ist also durchaus auch von Ideen der mitteleuropäisch-skandinavischen Sozialdemokratie geprägt. Der Gedanke, Armutsbekämpfung und Naturschutz zusammenzuführen, ist z. B. seit über 100 Jahren zentral für die sozialdemokratische Naturfreundebewegung in Europa.
8.
BUND/Misereor (Hrsg.), Zukunftsfähiges Deutschland. Ein Beitrag zu einer global nachhaltigen Entwicklung. Studie des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, Basel 1996.
9.
Ernst Ulrich von Weizsäcker, Die Vision von 1990, in: Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie (Hrsg.), 10 Jahre Wuppertal Institut, Wuppertal 2001, S. 5.
10.
Die genannten Ideenschmieden: Wuppertal Institut, Döppersberg 19, 42004 Wuppertal; Potsdam Institut, Telegrafenberg, 14473 Potsdam; Eurosolar, Kaiser-Friedrich-Str. 11, 53113 Bonn; Politische Ökologie, Waltherstr. 29, 80337 München; Projekt "Ökologie der Zeit", c/o Ev. Akademie Tutzing, Schlossstr. 2, 82327 Tutzing; Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), Reichpietschufer 50, 10785 Berlin; Humboldt-Universität, Landwirtschaftlich-Gärtnerische Fakultät, Invalidenstr. 42, 10115 Berlin.
11.
E. U. v. Weizsäcker (Anm. 9), S. 5.
12.
Aus einem Interview des Verf. mit Wolfgang Sachs vom Wuppertal Institut, das Anfang Juli im Magazin der TAZ erscheint.