APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Horst Groschopp

Breitenkultur in Ostdeutschland

Herkunft und Wende - wohin?

IV. Adoption bürgerlicher Kulturarbeit in der Arbeiterbewegung

Die "klassische" Organisation der Arbeitermänner im 19. Jahrhundert wurzelte in ihrer Lebensweise und bewegte sich außerhalb von Familie und Fabrik zwischen Bierabend und Bildungsverein. Schon vor der Jahrhundertwende setzten Veränderungen in Richtung von mehr Privatheit ein. Arbeiter besaßen nun vielfach Familie, Wohnung und Heimat. Die politische Arbeiterbewegung suchte deshalb nach Alternativen, die Organisationen auch unter den neuen Umständen zu erhalten und auszubauen: Wesentlich hieraus ist das Bedürfnis entsprungen, eigene soziokulturelle Vorfeldorganisationen zu schaffen. Kulturvereine der verschiedensten Art entstanden, und die Volkshaus-Idee wurde aufgegriffen - übrigens auch mit einer stark freidenkerischen Note: das Volkshaus als Kirchenersatz.

Die eigenen Vereine gestatteten ein weitgehend "kommerzfreies" geselliges Leben und den Besuch künstlerischer Veranstaltungen. In harter Konkurrenz mit dem Angebot des entstehenden Freizeitmarktes und den zahlreichen Einrichtungen von Kirchen, "Volkswohl"-Vereinen und anderen Organisationen bildete jedes "Verkehrslokal der modernen Arbeiterbewegung" eine Art Oase eigener Kommunikation.

Der sozialdemokratische Zentrale Bildungsausschuss (Vorsitz: Heinrich Schulz, in den Zwanzigern in der SPD auch für Kultur und Bildung zuständig; Stellvertreter 1914: Wilhelm Pieck, später erster Präsident der DDR) lehnte sich in seinen Vorstellungen weitgehend an damalige Volksbildungsbestrebungen an. Er sah sich als Bewahrer bürgerlich-humanistischer Kultur. Hauptgegner wurde die entstehende Massenkultur. Der Bildungsausschuss förderte deshalb die Schaffung von Veranstaltungen, die denen von Volkswohl ähnelten, die aber politisch als eigene "Erziehungsinstitute" galten. Es gab - bis zur Errichtung der NS-Herrschaft - Dichterabende, musikalische Veranstaltungen, Rezitations- und Kunstabende, Feiern im künstlerischen Rahmen sowie Lieder- und Märchenabende für Kinder sowie eine umfängliche Arbeiterkulturbewegung, organisiert in Form von Vereinen und Verbänden.

Außer diesen Angeboten fanden in den Volkshäusern der Arbeiterbewegung oder gemieteten Sälen Gewerkschafts- und Stiftungsfeste, Maifeiern, Kinder-, Frühlings-, Sommer-, Herbst-, Winter-, Weihnachts-, Oster- und Pfingstfeiern sowie Tanzvergnügen statt, und ebenso Vorträge, Jugendweihen, Namensgebungen, Musik-, Kunst- und Theaterabende, Blasorchester- wie Kammerkonzerte. Die spätere Angebotsstruktur in der DDR ist hier erkennbar und auch personeller Einfluss von SPD-Kulturpolitikern der Zwanziger auf die SED besonders in der Zeit zwischen 1946 und 1948 nachweisbar.

1931 unterhielt die Arbeiterbewegung 166 Volks- und Gewerkschaftshäuser. Davon hatten 145 eigene Immobilien und 21 gepachtete Gebäude, 129 waren mit Gewerkschafts- und anderen Büros ausgestattet, 113 besaßen Versammlungssäle, 139 Restaurants, 40 Herbergen und 34 sogar Hotels. Überhaupt erlebten die Arbeiterbewegungskultur und die Arbeiterkulturbewegung in den Zwanzigern eine Hochzeit, die später nie wieder erreicht werden konnte. Es versteht sich, dass diese Erfolge auch dem Einfluss zu verdanken waren, den sozialdemokratische Politiker in den Kommunen besaßen. Daraus wuchs die Idee, das Gemeinwesen im Allgemeinen und der Staat im Besonderen solle sich dieser Aktivitäten annehmen und sie alimentieren, wie er auch die Theater und Bibliotheken aus öffentlichen Mitteln finanziert.