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26.5.2002 | Von:
Lars Castellucci

Zur Zukunft des "Rheinischen Kapitalismus"

II. Entstehung und Leistungen des Rheinischen Kapitalismus

Die Industrialisierung hatte im Verlauf des 19. Jahrhunderts ein bis dahin ungekanntes, von Menschen produziertes Ausmaß an sozialen Verwerfungen hervorgebracht. Was mit dem Verweis auf Arbeitszeiten bis zu 17 Stunden, Kinderarbeit, kärgliche Wohnverhältnisse und Hungersnöte nur unzureichend umschrieben ist, ging als die Soziale Frage in die Geschichtsbücher ein. Vom Elend waren Massen betroffen, deren Zahl mit dem Bevölkerungswachstum weiter anstieg und die sich zunehmend in den Städten konzentrierten. Wirtschaftskrisen und Geldentwertung verschlechterten ihre Situation noch weiter. Gleichzeitig schwanden traditionelle Bindungen im familiären oder lokalen Umfeld. Gewerbefreiheit und Verstädterung entzogen den bestehenden grundherrlichen, kommunalen, kirchlichen, betrieblichen oder genossenschaftlichen Systemen der Fürsorge zunehmend die Basis. Vor den Risiken des Alters, der Krankheit, Invalidität und Arbeitslosigkeit schützte, zugespitzt formuliert, nur die geringe Lebenserwartung. Diejenigen, welche die wirtschaftlichen Erfolge teilweise unter Gefahr für Leib und Leben hervorbrachten, hatten an den Früchten ihrer Arbeit kaum Anteil. Wenn Ausbeutung ein Missverhältnis zwischen eigener Leistungserbringung und daraus sich ergebendem Vermögensvorteil bezeichnet, dann waren sie die Ausgebeuteten. Die Soziale Frage jener Zeit lautete: Wie kann man die Ausbeutung dieser Menschen verhindern?

Beantwortet wurde sie mit einer Sozialreform von oben, als (gegen die Arbeiterbewegung gerichteter) Versuch, die "innere Einheit" des Reiches herzustellen. In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde Deutschland so zum "Pionier staatlicher Sozialpolitik". Sozialpolitik war zugleich Herrschaftstechnik. Sie stand in der Tradition eines paternalistischen Staatsverständnisses und grundherrlicher Fürsorgevorstellungen.

Der Weg, der mit der Sozialgesetzgebung im Kaiserreich eingeschlagen wurde, erfuhr eine Verstetigung selbst in wirtschaftlich angespannten Zeiten, ohne die sozialen Folgen jedoch ausreichend mildern zu können. Nach den Erfahrungen von Weimar und der folgenden NS-Diktatur galt es schließlich, Demokratie und soziale Wohlfahrt so zu verknüpfen, dass ein erneutes Ausbrechen von Hass und Gewalt keinen Rückhalt in der Bevölkerung mehr würde finden können. Auf der Grundlage des wesentlich auf Alfred Müller-Armack zurückgehenden Konzeptes der Sozialen Marktwirtschaft entfaltete sich nach dem Zweiten Weltkrieg ein (Sozial-)Staatsverständnis, das dem kapitalistischen Wirtschaftssystem seine spezifische, "rheinische" Ausprägung verlieh. Der (Sozial-) Staat der Sozialen Marktwirtschaft setzt dem Markt einen Rahmen. Bürgerinnen und Bürger werden mit den großen Lebensrisiken nicht alleine gelassen. Solidarität wird (über Sozialversicherungen und Steuerprogression) organisiert und jedem im Wege der Sozialhilfe ein Auskommen zugesichert.

Der Rheinische Kapitalismus erlebte Zeiten, in denen er aufgrund seiner Erfolge bei Wachstum, Beschäftigung und Preisstabilität weithin als Modell gepriesen wurde. Aus dem Massenelend während der Industrialisierung und der Nachkriegszeiten war zwar zu keiner Zeit "Wohlstand für alle" geworden. Doch erwuchs eine breite Mittelschicht, welche die junge Demokratie stützte. Die Soziale Frage schien "gelöst" [2] .

Fußnoten

2.
Vgl. Volker Hentschel, Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1880-1980, Frankfurt/M. 1983; Manfred G. Schmidt, Sozialpolitik in Deutschland. Historische Entwicklung und internationaler Vergleich, Opladen 1998².