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26.5.2002 | Von:
Lars Castellucci

Zur Zukunft des "Rheinischen Kapitalismus"

VI. Die Zukunft der Arbeitsgesellschaft

Wortschöpfungen gibt es in Fülle. Wieweit ist der Übergang von einer industriell geprägten Gesellschaft in eine Dienstleistungsgesellschaft gediehen; haben wir diese bereits verlassen in Richtung Wissens- oder Informationsgesellschaft, und was folgt danach? Auf Begrifflichkeiten kommt es nicht an. Wenn die Arbeitsgesellschaft eine solche ist, in der Arbeit geleistet wird, die zur Sicherstellung von sozialer Teilhabe und materiellem Auskommen beiträgt, Identität stiftet und so zu einem Lebensmittelpunkt für die Mehrheit der Bevölkerung wird oder als solcher angestrebt wird, so befinden wir uns nach wie vor in einer Arbeitsgesellschaft, auch wenn diese im Wandel begriffen ist.

Die Rede vom Ende der Arbeitsgesellschaft mag zum Schüren innergesellschaftlicher Konflikte, für Auflagenzahlen und Medienecho gut sein, mit der Lebenswirklichkeit der Menschen hat sie nichts zu tun, nicht in Europa und noch weniger an anderen Orten der Welt.

Die Massenarbeitslosigkeit in Deutschland ist kein Naturgesetz der spätkapitalistischen Wirtschaft. Ihre Bekämpfung erfolgt aber nach wie vor maßgeblich durch die traditionellen Instrumente wie Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Fortbildung, Umschulung und Vorruhestandsregelungen. Diese Instrumente waren jedoch für ganz andere Verhältnisse bestimmt, nämlich als Arbeitslosigkeit noch als vorübergehender Zustand angesehen wurde. Für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts erweisen sie sich zunehmend als ungeeignet.

Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass eine vorübergehende, über politische gesetzte Anreize herbeigeführte Verknappung auf der Angebotsseite den Arbeitsmarkt kurzfristig entlasten kann [10] . Für eine nachhaltige Verbesserung müssen allerdings weitere Maßnahmen hinzutreten. An erster Stelle steht hier die Reform des Bildungssystems, auch dahingehend, dass ein lebenslanges Lernen, das in Sonntagsreden gefordert wird, auch durch entsprechende Angebote ermöglicht werden muss.

Dänemark vermittelt die Einsicht, dass mehr Flexibilität bei einem hohen Maß an sozialer Sicherheit (flexicurity) eine Situation darstellen kann, bei der alle Beteiligten gewinnen. Und der Zustand, dass diejenigen, die Arbeit haben, meist zuviel und die anderen eben viel zu wenig haben, verweist darauf, dass eine Umverteilung der Arbeit nach wie vor auf der Tagesordnung steht und im Übrigen dort, wo sie mit mehr Flexibilität einhergeht und freie Zeit für sinnvolle Tätigkeiten verwendet wird, zu einer allgemeinen Wohlfahrtssteigerung führen kann.

Zudem wird es sich, wenn in Zukunft von Arbeit die Rede ist, nicht mehr ausschließlich, vielleicht nicht einmal mehr überwiegend, um die traditionellen und bislang von den Sozialsystemen anerkannten Formen der Arbeit handeln, sondern um die Vielzahl kulturell, persönlich oder gesellschaftlich sinnhafter Tätigkeiten. Deren kulturelle Anerkennung und die Anerkennung durch die Sozialsysteme sind nicht getrennt zu haben, sondern können sich nur wechselseitig ergeben. Die soziale und arbeitsrechtliche Absicherung der Teilzeitarbeit in Holland hat in diesem Zusammenhang Vorbildcharakter.

Fußnoten

10.
Beispiele sind etwa die dänischen Freistellungsprogramme in den neunziger Jahren.