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26.5.2002 | Von:
Lars Castellucci

Zur Zukunft des "Rheinischen Kapitalismus"

VII. Hoffnungszeichen

Während die Politik im Großen noch mühsam um Strategien und verbleibende Steuerungskapazitäten ringt, verdichten sich in den überschaubaren Zusammenhängen lokaler und regionaler Initiativen bereits die Konturen einer sozial nachhaltigen Zukunftsgesellschaft.

München

In München startete 1999 ein Modellprojekt, das auf der Vorstellung der Neuen Arbeitsgesellschaft als "Zeitgesellschaft" (Gerd Mutz) beruht: das Münchner Modell. Zeit, nicht Arbeit wird als knappe Ressource der Gesellschaft angesehen. Der Zwang zur Gestaltung der Zeit und die Problematik der sozialen Integration werden verknüpft. Die Erwerbsgesellschaft soll in eine vielseitige Tätigkeitsgesellschaft mit Erwerbs-, Bildungs-, Bürger-, Familien und Eigenzeiten transformiert werden, in der Übergänge nach eigenen Bedürfnissen möglich und Brüche vermieden werden. Im Münchner Modell kooperieren eine Stiftung, die Sozialpartner, die Kommune und das Land, die Arbeitsverwaltung und Vertreter von sozialen, ökologischen und kulturellen Einrichtungen. Der Silberstreif: Wenn arbeitsmarktrelevante Akteure im Lokalen zusammenwirken, bleibt der soziale Nahbereich gestaltbar [11] .

Herzogenrath

Der Stadtteilbetrieb "Tatendrang", eine gemeinnützige GmbH, arbeitet seit 1997 mit ehemaligen und nun tariflich entlohnten Sozialhilfeempfängern. Das Projekt gründet in einem grenzüberschreitenden Austausch über Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekte in der Euregio Maas-Rhein. Stadtteilbetriebe integrieren Beschäftigungszielsetzungen und Stadt(teil)erneuerung. Von ihren Protagonisten werden sie darüber hinaus als "Strategie der Wirtschaftsförderung" empfohlen. Sie vermeiden die typischen Zielkonflikte der hergebrachten Arbeitsförderung (Strukturverbesserungs-, Existenzgründungs-, Brücken- und Schutzfunktionen), indem nicht die Vermittlung auf dem so genannten ersten Arbeitsmarkt, sondern die Bereitstellung dauerhafter Arbeitsplätze in erwerbswirtschaftlich tätigen Firmen Zielsetzung ist. "Tatendrang" ist als Dienstleistungsagentur konzipiert, die mit bestehenden Wirtschaftsbetrieben kooperiert und zur Verbesserung des Lebensumfelds im Stadtteil beiträgt [12] .

Mühlhausen

Im thüringischen Mühlhausen versucht ein Softwarebetrieb Ideen des Philosophen Frithjof Bergmann umzusetzen. New work, high-tech-self-providing und paid callings sind Elemente seiner Konzeption für eine Arbeitsgesellschaft der Zukunft. Die Neue Arbeit des Philosophen ist selbstbestimmter und mehr auf Eigenversorgung, das high-tech-self-providing, gerichtet. Für die Firma Isatech verbinden sich notwendige Flexibilität und Aufrechterhaltung eines hoch qualifizierten und motivierten Mitarbeiterstamms. Lässt die Auftragslage eine Vollbeschäftigung nicht zu, nehmen Mitarbeiter unbezahlte Freizeit in Anspruch, die sie anderweitig nutzen können. Die paid callings, Einsätze gegen Bezahlung, können der Betrieb oder die Gesellschaft in Anspruch nehmen, dann nämlich, wenn Mitarbeiter in der freien Zeit brachliegende Begabungen nutzen oder Ideen entwickeln. Oder aber sie entscheiden sich, freie Zeit zur Selbstversorgung zu nutzen und so die Einkommenslücke zu schließen [13] .

Hier entsteht, was die Berliner Republik, den Gewissheiten der Bonner Republik entwachsen, in der Mitte Europas zwischen Brüssel und Budapest, zu einer sozial inklusiven, nachhaltigen Zukunft auch für künftige Generationen beitragen kann.

Fußnoten

11.
Vgl. Gerd Mutz, Strukturen einer Neuen Arbeitsgesellschaft. Der Zwang zur Gestaltung der Zeit, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 9/99, S. 3-11.
12.
Vgl. Dieter Kalcic/Manfred Körber, Stadtteilbetriebe in der Euregio Maas-Rhein. Vorläufer, Entstehungsgeschichte, Beispiele, Ausblick, Eupen-Aachen 1998.
13.
Vgl. Helga Haas-Rietschel, Ein Philosoph in Thüringen. Wie ostdeutsche Firmen Ideen von Frithjof Bergmann umsetzen, in: Süddeutsche Zeitung vom 12./13. 12. 1998, S. V1/2.