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16.12.2002 | Von:
Peter Steinbach

Zur Wahrnehmung von Diktaturen im 20. Jahrhundert

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist u.a. stark durch den Gegensatz zwischen diktatorischen Systemen und demokratisch legitimierten Verfassungsstaaten geprägt worden. Die Bewertung von Diktaturen durch...

I. Das 20. Jahrhundert als das globale Jahrhundert der Diktaturen

Das 20. Jahrhundert lässt sich auch als Versuch deuten, weltweit mit diktatorischen Mitteln neue Gesellschaften zu schaffen. Entscheidend ist es ferner geprägt worden durch zwei Weltkriege, durch Verfolgungen, durch Völkermord und durch Vertreibungen, die Ausdruck des Willens zahlreicher Staaten zur ethnischen Flurbereinigung´ und Landnahme waren. Herausgefordert wurden durch Diktaturen und autoritäre Regime politische Zivilisationen, die sich zu den Prinzipien des Rechtsstaates, der Gewaltenteilung und zu den Grundrechten bekannten. Gegner der Diktaturen waren Verfassungsstaaten, die sich zu den Prinzipien der Menschenrechte bekannten und über eine funktionierende öffentliche Meinung verfügten, in der auch über Missstände aufgeklärt wurde. In der Auseinandersetzung mit Menschenrechtsverletzungen und diktatorischen Systemen sollten sich, so war die Hoffnung, Maßstäbe politischer Gesittung entwickeln.


Vor allem Europa wurde mit zwei ganz unterschiedlichen Typen antizivilgesellschaftlicher Systeme konfrontiert: dem leninistisch-stalinistischen und dem nationalsozialistischen. Beide blieben immer aufeinander bezogen und verstanden sich entweder als antimarxistisch und antibolschewistisch oder als antifaschistisch. Zugleich aber legitimierten sie sich jeweils durch einen gemeinsamen Gegner: den freiheitlichen Verfassungsstaat. Dies hatten die Vereinigten Staaten erkannt, als sie unmittelbar nach dem Ausbruch der Russischen Revolution militärisch zu intervenieren versuchten; und auch für Winston Churchill war die Eindämmung der sowjetischen Expansionsbestrebungen bereits während des Krieges gegen Hitler, der nur mit Unterstützung durch die Rote Armee gewonnen werden konnte, unbestreitbar wichtig.

Churchill hatte in den politischen Auseinandersetzungen um die britische Appeasement-Politik eine Grundhaltung entwickelt, die darauf abzielte, die Diktaturen Europas zu schwächen. Im Unterschied zum britischen Premierminister Chamberlain war für den späteren britischen Kriegspremier niemals zweifelhaft, dass weder Hitler noch Mussolini ein Partner bei der Festigung europäischer Sicherheit sein konnten. Das Abkommen, mit dem Stalin und Hitler im August 1939 die Welt überraschten und die Teilung Europas einleiteten, bereitete die Zusammenarbeit zwischen den westlichen Demokratien vor, die allerdings nur gegen die braune und nicht zugleich gegen die rote Diktatur gerichtet war.

Churchill meinte denn auch nur Deutschland, wenn er den Krieg proklamierte "gegen eine ungeheuerliche Tyrannei, die in dem finsteren, trübseligen Katalog des menschlichen Verbrechens unübertroffen bleibt". Und später in der Atlantik-Charta bekannten sich der amerikanische Präsident Roosevelt und Churchill nach der "endgültigen Vernichtung der Nazityrannei" zu einem "Frieden, der allen Nationen die Möglichkeit bietet, innerhalb der eigenen Grenzen sicher zu leben, und der allen Menschen die Sicherheit gibt, in ihren Ländern frei von Not und Furcht zu leben", ohne damit zugleich die Sowjetunion anzusprechen, die von ihnen unterstützt wurde. Das Ziel, Hitlers Diktatur mit Hilfe Stalins Diktatur zu zerstören, erschien wie der Versuch, den Teufel mit Beelzebub zu vertreiben. Es war daher nicht nur eine Folge des beginnenden Ost-West-Konflikts, wenn diese seltsame Gemeinsamkeit rasch nach dem Ende des Krieges gegen Deutschland und Japan zerbrach und in den Weltkonflikt mündete, der bald als "Kalter Krieg" bezeichnet wurde. Allerdings wurde noch lange Zeit - dies z.T. bis heute - die Wahrnehmung des kommunistischen Totalitarismus, die kritische Auseinandersetzung mit der sowjetischen Diktatur, durch jene frühere Kooperation des Westens mit ihr behindert.

Im Zuge der sich zuspitzenden Konfrontation zwischen Ost und West bildeten sich Blöcke heraus, für deren Bildung die Unterscheidung in Demokratien und Diktaturen zunehmend unwichtiger wurde. Obwohl sich die westlichen Gesellschaften zu den Prinzipien des antitotalitären, freiheitlichen Verfassungsstaates bekannten, bot die Blockbildung mit ihren peripheren militärischen Konfrontationen diktatorisch organisierten oder autoritären Regimen die Möglichkeit, unabhängig von ihrer inneren Verfassung zu politischen Bündnispartnern des Westens zu werden. Selbst Diktatoren, die wie Salazar in Portugal oder Franco in Spanien vor 1945 ideologisch mit den Achsenmächten sympathisiert hatten, wurden als wichtige Außenposten des westlichen Sicherheitssystems umworben; man brauchte ihr Entgegenkommen, um Militärbasen anzulegen. Als 1967 in Griechenland eine Militärdiktatur errichtet wurde, wurde auch hier der Verfassungsbruch und die Zerstörung der Grundrechte weitgehend akzeptiert.

Besonders deutlich zeigte sich zumal in Zeiten des Ost-West-Konflikts diese westliche Indifferenz gegenüber den Diktaturen in Lateinamerika, Afrika und Asien. Während ein Kennzeichen südamerikanischer Diktatoren ihr Bekenntnis zum Bündnis mit dem Westen war und sie auf eine enge militärische und wirtschaftliche Verflechtung mit den USA und auch der Europäischen Gemeinschaft achteten, wurden afrikanische Diktatoren im Zuge westlicher Entwicklungspolitik in der Hoffnung unterstützt, diese würden ihre Gesellschaften mit halbdemokratischen oder selbst diktatorischen Methoden politisch, kulturell und wirtschaftlich voranbringen. Man wollte in den Führungsschichten Modernisierungseliten sehen, die ihre Gesellschaften auf den Entwicklungspfad der "Westernization" brachten. Dies erwies sich in dem Augenblick als Irrtum, als sich der globale Ost-West-Konflikt in die "Dritte Welt" verlagerte und sich die dortigen Führungsgruppen zwischen einer engeren Anlehnung an die Sowjetunion oder an westliche Staaten entscheiden konnten. Nicht selten stärkten sie ihre Positionen durch eine Betonung ihrer Optionsmöglichkeiten.

Entschieden abgelehnt wurden im Westen die diktatorischen Systeme des europäischen kommunistischen Machtbereichs - zumal als sich Vertreter der Sowjetmacht mit Unterstützung ihrer angeblich "volksdemokratisch" legitimierten kommunistischen Parteigänger im Zuge der großen Aufstandsbewegungen wie 1953 in der DDR, 1956 in Polen und Ungarn, schließlich 1968 in der Tschechoslowakei gewaltsam gegen Freiheitsbestrebungen wandten. Dies bedeutete nicht, dass die westlichen Staaten die kommunistischen Diktaturen nicht formell anerkannten. Sie hielten sich an das Prinzip der Nichteinmischung in die innenpolitischen Verhältnisse. Dieses Prinzip galt als wichtige Voraussetzung für die Sicherung des Status quo, der nur auf eine nicht gewaltsame Weise - durch Verträge, Kooperation und wirtschaftliche Vernetzung - verändert werden sollte. Politischer Wandel sollte das Ergebnis von Annäherung, nicht aber von einer zugespitzten Konfrontation sein.

Die Blockgrenzen waren in Mitteleuropa durch den "Eisernen Vorhang" festgelegt, aber bereits auf dem Balkan nicht klar definiert und weitgehend flexibel in der Dritten Welt, wo im Zuge der Entkolonialisierung eine Vielzahl neuer Staaten entstanden waren, die sich überwiegend als "blockfrei" bezeichneten. Die Staaten Lateinamerikas orientierten sich an den USA, bekannten sich zu den Prinzipien des Kapitalismus und organisierten sich dabei oftmals als stabile Diktaturen, die Minderheiten und Menschenrechte missachteten. Die USA intervenierten immer wieder, wenn sich einzelne Staaten Lateinamerikas aus dieser engen Bindung zu ihnen lösten; sie unterstützten Gegenbewegungen, Putsche und schließlich sogar unverhüllt diktatorische Regime wie u.a. die Herrschaft des chilenischen Diktators Pinochet und des argentinischen Militärs.

Bestimmend für den Umgang westlich orientierter Gesellschaften mit den lateinamerikanischen Diktaturen war auch der Schock über die politischen Folgen des Siegs des kubanischen Revolutionärs Fidel Castro über den korrupten Herrscher Batista. In den westlichen Medien war sein jahrelanger Kampf durchaus mit Sympathie verfolgt worden. Batista galt als Gewaltherrscher und wurde als Belastung empfunden. Was aber Ende der fünfziger Jahre wie ein vertrauter Kampf um Führungspositionen in einem kleinen lateinamerikanischen Staat begonnen hatte, entwickelte sich Anfang der sechziger Jahren zu einem nationalen Befreiungskampf mit revolutionärem Anspruch und exemplarischer globaler Bedeutung. Denn überall regten sich zu dieser Zeit antikolonialistische Befreiungsbewegungen, die sich von der wirtschaftlichen und politischen Vorherrschaft des Westens befreien wollten. Es waren Befreiungsbewegungen, die sich nicht mehr - wie noch in den fünfziger Jahren - an den Prinzipien eines gewaltlosen Befreiungskampfes orientierten. Diese hatte Mahatma Ghandi im Kampf gegen die britische Kolonialmacht propagiert und dabei westliche Rechtsvorstellungen beim Wort genommen.

Die neuen politischen Befreiungsbewegungen bekannten sich hingegen zur Anwendung von Gewalt im antikolonialen Kampf. Sie orientierten sich an den Zielen der von kommunistischer Seite unterstützten Befreiungsbewegungen und forderten schließlich sogar, den Befreiungskampf in die "Metropolen" zu tragen. Ideologisch hatten sich diese antikolonialen Befreiungsbewegungen im Zuge der Entstehung innerkommunistischer Gegensätze - Titoismus, Maoismus, Trotzkismus, Stalinismus und Kommunismus Moskauer Prägung seit der Abrechnung mit dem Stalinismus Mitte der fünfziger Jahre - in viele Richtungen differenziert, unter denen vor allem die Lehre Maos und die Praxis Castros Anhänger gewannen. Beide propagierten das Recht auf einen eigenen nationalen Weg zu Sozialismus und Kommunismus und widersetzten sich so der westlichen Modernisierungstheorie, die sich an den Verfassungszielen der liberalen Zivilgesellschaft orientierte und auf demokratische Entwicklung durch Bildung, Parteien, Verbände und gewählte Führungsschichten setzte.

Aber auch in der westlichen Perspektive traten "pragmatische" Veränderungen ein: Wurden Diktatoren in den neuen unabhängigen Staaten der "Dritten Welt" von den Regierungen der ehemaligen westlichen Kolonialmächte als Garanten ihrer wirtschaftlichen Interessen empfunden, so konnten sie mit finanzieller, wirtschaftlicher und militärischer Unterstützung rechnen. Dies galt vor allem dann, wenn die neuen Herrscher versprachen, die weitere Machtausdehnung von marxistischen Befreiungsbewegungen abzublocken. Die Abwehr des Westens gegen die kommunistische Expansion verlagerte sich so zunehmend in Kriege, die an den Peripherien der Blöcke entstanden, wurden aber - schlimmer noch - dort auch als Bürgerkriege ausgetragen.