Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Ibram X. Kendi

Illusion einer postethnischen Gesellschaft - Essay

Effektive postethnische Taktik

Einige Monate nach Obamas Amtsantritt legten die Anhänger der postethnischen Theorie ihre neuen Grundregeln für das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen fest: Kritik an Millionen Schwarzen ist stets möglich, so oft man will. Das ist kein Rassendenken oder Rassismus oder Hass. Man redet nicht einmal von Rasse. Aber sobald man einen einzelnen Weißen als diskriminierend bezeichnet und kritisiert, verfällt man in rassische Kategorien, verbreitet Hassreden, ist ein Rassist. Wenn rassistische Vorstellungen schon immer den Zweck gehabt hätten, antirassistische Widerständler zum Schweigen zu bringen, damit sie nicht länger auf Rassendiskriminierung hinweisen, dann ist die postethnische Taktik vermutlich die bislang raffinierteste und effektivste.

Die Anhänger der Theorie der postethnischen Gesellschaft hatten kein Problem, die nach wie vor bestehenden Ungleichheiten zu erklären oder die anhaltende sozioökonomische Misere der Schwarzen, man gab ihnen einfach wieder einmal selbst die Schuld – bei Fox News, im "Wall Street Journal", am Obersten Gerichtshof und in den Reihen der republikanischen Abgeordneten. Rassistische Politik verteidigen, indem man Schwarze herabsetzt: Das war seit fast sechs Jahrhunderten die Aufgabe derjenigen, die rassistische Ideen in die Welt setzen, angefangen mit Gomes Eanes de Azurara, der den Handel mit afrikanischen Sklaven von Heinrich dem Seefahrer rechtfertigte. Die postethnischen Attacken lösten Gegenangriffe der Antirassisten aus, die auf Rassendiskriminierung hinwiesen, von Twitter bis Facebook, vom Hip-Hop bis zu Stipendien im Fach Black Studies, von Sendungen des Nachrichtensenders MSNBC bis zum Satellitenradio SiriusXM Progress, was dann wieder zu Gegenattacken der postethnischen Vertreter führte, die die Antirassisten als spalterisch und rassistisch bezeichneten. Die Assimilationisten standen dazwischen und betrachteten sich als die gemäßigten Stimmen der Vernunft. Sie trommelten weiter für die falsch verstandene Vorstellung, wie weit die Nation doch schon gekommen sei und wie weit sie es noch bringen werde. Die tatsächliche aktuelle Entwicklung der Fortschritte beim Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen, aber auch der Fortschritte beim Rassismus passte immer noch nicht zu ihrer Ideologie.

Unterdessen schafften es weder die Anhänger des Postethnizismus noch des Assimilationismus, all die Antirassisten zum Schweigen zu bringen, die lautstark auf Rassendiskriminierung hinwiesen. Sie schienen überall zu demonstrieren, vor allem vor Gefängnissen, wo sie gegen das kämpften, wogegen Angela Davis vier Jahrzehnte lang gekämpft hatte: gegen das rassistische Justizsystem (und den industriellen Gefängniskomplex). 2010 brachte Michelle Alexander, Juraprofessorin an der Ohio State University, ihr Buch "The New Jim Crow. Masseninhaftierung und Rassismus in den USA" heraus, das sofort ein Erfolg wurde. Darin legte sie die Rassendiskriminierung offen, die überall im amerikanischen Justizsystem zu finden war, von der Gesetzgebung bis zur Arbeit der Polizei, von den Fragen, wer verdächtigt wird, wer verhaftet, angeklagt und verurteilt wird, bis zur Frage, wer ins Gefängnis kommt. Und wenn die Schwarzen wieder aus den Gefängnissen entlassen werden, die überfüllt sind mit Schwarzen und people of color, endet diese Form der Sklaverei nur, um neuen Formen legaler Diskriminierung Platz zu machen. "Ein Vorstrafenregister erlaubt heute genau die Formen der Diskriminierung, die wir angeblich hinter uns gelassen haben – Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, bei der Wohnungssuche, in der Bildung, bei staatlichen Leistungen und bei der Arbeit der Geschworenen", schreibt Alexander. "Wer als kriminell bezeichnet wird, dem kann das Wahlrecht entzogen werden."[6]

Alexander deckte in ihrem Buch die Lüge auf, der man im postethnischen Amerika anhing. Doch nichts förderte diese Lüge deutlicher zutage als ein Vorfall, der sich am 26. Februar 2012 ereignete. George Zimmerman, Mitglied einer Nachbarschaftswache in Sanford, Florida, sah an jenem Abend einen schwarzen Teenager, Trayvon Martin, der auf ihn den Eindruck machte, er hätte etwas gestohlen. Der unbewaffnete Teenager bekam es mit der Angst zu tun und rannte weg. Zimmerman setzte sich über die Anweisungen der von ihm informierten Polizei hinweg, nahm die Verfolgung auf und erschoss den Siebzehnjährigen. Danach überschlugen sich die Ereignisse – Zimmerman schützte Notwehr vor, es gab Proteste, Zimmerman wurde verhaftet und wegen Mordes angeklagt, die Verteidigung stellte Trayvon Martin als angsteinflößenden Schläger dar, Zimmerman wurde entlastet und die Geschworenen brachten ihre rassistischen Begründungen für den Freispruch vor, während Segregationisten das Urteil bejubelten. Antirassisten waren empört, die Assimilationisten waren hin und her gerissen. Mit jedem Mord an einem Schwarzen durch die Polizei schienen die Emotionen höher zu schlagen, etwa nach dem Tod der psychisch kranken Shereese Francis in New York, der 22 Jahre alten Rekia Boyd in Chicago und der 23 Jahre alten Shantel Davis in Brooklyn – sie alle starben nur wenige Monate nach dem Mord an Trayvon Martin. Am 9. März 2013 schossen zwei Polizisten in New York siebenmal auf den 16-jährigen Kimani Gray. Die gewalttätigen Proteste, die auf Kimanis Tod – und andere Todesfälle – folgten, lösten weitere Debatten zwischen postethnischen Segregationisten aus, die die gewalttätigen "Schläger" verurteilten, den Antirassisten, die auf die rassistische Ursache der Gewalt hinwiesen, und den Assimilationisten, die ebenfalls die gewalttätigen "Schläger" verurteilten und die Diskriminierung als Ursache für ihr Fehlverhalten nannten.

Fußnoten

6.
Michelle Alexander, The New Jim Crow, New York 2010, S. 6f., S. 138, S. 214–222.
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Autor: Ibram X. Kendi für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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