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12.11.2002 | Von:
Wolfgang Sander

Politische Bildung nach der Jahrtausendwende

Perspektiven und Modernisierungsaufgaben

III. Schulische politische Bildung nach PISA

Der Politikunterricht befindet sich bisher eher im Windschatten der bildungspolitischen Debatte nach PISA. Die ebenfalls von der IEA (International Association for the Evaluation of Educational Achievement) fast zeitgleich durchgeführte Civic Education-Studie hat nicht nur weniger Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit gefunden, sie lässt auch vergleichsweise weniger Rückschlüsse auf die Leistungen des Fachunterrichts in der politischen Bildung zu. Sie verstärkt eher den kritischen Blick auf die Unterrichtskultur an den Schulen, indem sie ein im internationalen Vergleich deutliches unterdurchschnittliches Maß an Partizipationserfahrungen deutscher Jugendlicher in der Schule dokumentiert. [27]

Wenig beachtet worden ist in der öffentlichen Debatte bisher ferner, dass die PISA-Studie bei ihren Untersuchungen zur Lesekompetenz auch auf Material aus der politischen Publizistik zurückgreift und insofern indirekte Hinweise auf Schwächen der politischen Bildung gibt, die aber nicht gesondert analysiert wurden.

Gleichwohl zeichnet sich ab, dass sich auch der Politikunterricht in der bildungspolitischen Reformdebatte nach PISA positionieren und profilieren muss. Eine der durchaus produktiven Konsequenzen aus der PISA-Studie, die derzeit mit einer gewissen Aussicht auf Erfolg diskutiert werden, ist die Festlegung von Mindeststandards, die an bestimmten Abschnitten des Schulwesens von allen Schülerinnen und Schülern erreicht werden sollen. Für den Politikunterricht besteht hier die Gefahr, dass es Fächer erster und zweiter Klasse - mit und ohne definierte Mindeststandards - geben könnte. Es ist für das Profil des Politikunterrichts daher von einiger Bedeutung, dass auch dieses Fach in einer transparenten Weise definiert und bundesweit vertritt, was junge Menschen in der schulischen politischen Bildung mindestens gelernt haben sollen - verstanden als Erwerb von Kompetenzen und darauf bezogenes Wissen, nicht als Durcharbeiten eines Stoffkanons. In diesem Sinn ist der folgende Entwurf für Mindeststandards zu verstehen: [28]

Am Ende ihrer Schulzeit sollten junge Menschen in der politischen Bildung mindestens gelernt haben,

- Medien gezielt und kritisch für die eigene politische Information zu nutzen;

- reflektierte politische Urteile zu treffen und sie in der Konfrontation mit anderen Positionen sachlich zu begründen und zu vertreten;

- sich der eigenen Voreinstellungen und Wertmaßstäbe bewusst zu sein, von denen aus sie ihre politischen Urteilskriterien gewinnen;

- auf die eine oder andere Weise ihre politischen Positionen auch in der politischen Öffentlichkeit angemessen zum Ausdruck zu bringen;

- sich ein begründetes, aber auch durch neue Informationen veränderungsfähiges Bild von grundlegenden mittel- und längerfristigen politischen Problemlagen (Schlüsselproblemen) zu erarbeiten;

- ein reflektiertes Grundverständnis des politischen Systems, der Wirtschaftsordnung und der Gesellschaftsstruktur der Bundesrepublik Deutschland - auch in ihren historischen Bedingtheiten und ihren transnationalen Verflechtungen - zu erwerben;

- soweit sie die gymnasiale Oberstufe besucht haben: mit sozialwissenschaftlichen Texten sicher umzugehen, sich mit sozialwissenschaftlichen Theorien auseinander zu setzen und eine begründete Vorstellung von den Möglichkeiten und Grenzen sozialwissenschaftlicher Methoden zu entwickeln;

- soweit sie das berufliche Schulwesen besucht haben: ihre Berufstätigkeit und ihr berufliches Umfeld auch mit Blick auf gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge und Entwicklungen sowie unter der Frage nach möglichen Beiträgen beruflichen Handelns zur Bewältigung politischer Problemlagen zu sehen.

Die weitere Profilierung und Professionalisierung des Fachunterrichts ist die eine dringliche Aufgabe, vor der die politische Bildung in der Schule steht. Die andere stellt gewissermaßen die Kehrseite dieser Medaille dar: Politische Bildung ist mehr als ein Schulfach, sie ist auch Unterrichtsprinzip anderer Fächer und eine Dimension des Schullebens insgesamt.

Angesichts der Tendenz in der Reformdebatte, den Schulen größere Freiräume bei der individuellen Profilbildung wie der inneren Lernorganisation zuzugestehen, ergeben sich hier für die politische Bildung neue Aufgaben und Chancen: Über den Fachunterricht hinaus muss sich die Fachkultur der politischen Bildung sehr viel stärker als bisher dafür verantwortlich fühlen, innovative Modelle für fächerübergreifendes politisches Lernen und für schulische Profilbildungen mit sozialwissenschaftlich-politischen Schwerpunkten zu entwickeln.

Allerdings darf ein solches breiteres Verständnis von politischer Bildung in der Schule nicht in einen Gegensatz zu fachlicher Professionalität und zur Notwendigkeit von im engeren Sinne fachbezogenen Lernangeboten gesetzt werden. Es kann nicht übersehen werden, dass das Modellprogramm "Demokratie lernen und leben" der Bund-Länder-Kommission (www.blk-demokratie.de) genau dieser Gefahr unterliegt und sich damit um einen Teil der möglichen produktiven Wirkung für eine Verbesserung der politischen Bildung zu bringen droht. [29]

Fußnoten

27.
Vgl. Judith Torney-Purta/Rainer Lehmann/Hans Oswald/Wolfram Schulz, Citizenship and Education in Twenty-eight Countries. Civic Knowledge and Engagement at Age Fourteen, Amsterdam 2001.
28.
Vgl. W. Sander (Anm. 6), S. 169.
29.
Vgl. das dem Programm zugrunde liegende Gutachten von Wolfgang Edelstein und Peter Fauser (Heft 96 der BLK-Materialien), das auf eine schwer nachvollziehbare Weise am Fachdiskurs der politischen Bildung vorbei konzipiert wurde und den Forschungs- und Diskussionsstand der Politikdidaktik nur marginal zur Kenntnis nimmt.