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31.10.2002 | Von:
Dietrich Jung

Religion und Politik in der islamischen Welt

II. Die ideale islamische Gemeinde von Medina

Nicht nur im Denken vieler zeitgenössischer Islamisten repräsentiert die religiöse und politische Führungsrolle des Propheten Muhammad das Ideal einer Einheit von Politik und Religion im Islam. So hatte Fritz Steppat bereits 1965 behauptet, dass die Stiftung der islamischen Religion von Anfang an die Gründung eines Staates bedeutet habe, da der Prophet bei seiner Übersiedelung von Mekka nach Medina (622) auch eine politische Rolle übernommen habe. Damit waren, so die Argumentation, in der frühislamischen Gemeinde von Medina religiöse Offenbarung und politische Herrschaft miteinander verbunden. [4] Als Prophet und Staatsmann vereinte Muhammad religiöse und politische Funktionen auf sich, und das medinensische Gemeinwesen repräsentierte daher auch das Ideal einer islamischen Ordnung.

Ein kurzer Blick auf die medinensische Epoche zeigt, wie in der Frühphase des Islam eine in die Krise geratene tribale Ordnung durch die religiöse Vergemeinschaftung der islamischen Offenbarung und das damit verbundene Charisma des Propheten in einer Form stabilisiert wurde, die in einigen Punkten über das tribale Gewohnheitsrecht, die so genannte Blutrache, hinausging. [5] Mit den politischen Organisationsprinzipien moderner Staatlichkeit jedoch hatte die Organisation der frühislamischen Gemeinde nichts gemein. Die politischen und religiösen Funktionen des Propheten können nur im Rückblick differenziert werden. In der segmentierten tribalen Gesellschaft zur Zeit des Propheten bildeten sie aber eine selbstverständliche Einheit. Muhammad war kein frühislamischer Staatsmann, sondern übernahm die für arabische Stammesgesellschaften klassische Rolle eines "Schiedsrichters", dem es gelang, die verfeindeten Stämme Medinas in einer relativ losen Konföderation zu einen.

Als Muhammad im Jahre 622 mit seiner Gefolgschaft Mekka verließ, befanden sich die Stämme in Medina in einem Zustand permanenter gewaltsamer Konflikte. Die Bevölkerung Medinas setzte sich aus heterogenen, inzwischen sesshaften tribalen Gruppierungen zusammen. Im Konflikt um knappe Ressourcen, vor allem fruchtbares Land, versagte das Ordnungsprinzip der Blutrache und führte zu einer Spirale der Gewalt unter einer sesshaften Bevölkerung, "die dem Teufelskreis von Rache und erneuter Vergeltung nicht ausweichen konnte" [6] . In dieser Krisensituation erschien Muhammad, der sich in Mekka trotz aller Anfeindungen standhaft und unbeugsam gezeigt hatte, als geeignete Person, die Rolle eines Schiedsrichters zwischen den medinensischen Stämmen zu übernehmen.

Wie Muhammad in dieser Rolle Streitschlichtung und religiöse Offenbarung verknüpfte, ist in den medinensischen Suren des Korans dokumentiert. Darüber hinaus ist ein Bündnisvertrag überliefert, der bald nach der Ankunft Muhammads zwischen den Stämmen Medinas geschlossen wurde. Dieser Bündnisvertrag dokumentiert den Versuch, eine neue Konföderation in Medina zu begründen und damit den inneren Frieden in der Oase wiederherzustellen. Dabei wurden zum Großteil klassische tribale Regelungen übernommen. Drei Bestimmungen wichen aber von den Prinzipien der Blutrache ab: Zum ersten wurde die Verfolgung von Verbrechen nicht mehr allein als Angelegenheit der geschädigten Familie, sondern als eine Aufgabe der gesamten Gemeinschaft definiert. Zum zweiten wurde die Loyalität gegenüber der Familie dem Rechtsanspruch der Gemeinde untergeordnet. Schließlich wurde der Frieden der Gemeinschaft auch gegenüber äußeren Feinden über bestehende Familien- und Sippenbande gestellt. Diese Bestimmungen können dahin gehend gedeutet werden, dass sich in Medina eine Verschiebung "politischer Loyalität" von der erweiterten Familie hin zur Religionsgemeinschaft abzeichnete. Muhammad gelang es somit, den "anarchischen Charakter" der Blutrache zu zähmen, die innere und äußere Sicherheit Medinas zu garantieren und die verfeindeten Sippen mittels einer religiösen Klammer in einer neuen Konföderation zu einen.

Diese kurze Analyse der sozialen Ordnung von Medina unterstreicht, dass von Muhammad als Staatsmann auch im weitesten Sinne nicht gesprochen werden kann. Nicht mit der Errichtung eines Staates, sondern einer Stammeskonföderation mit einem hohen Maß an Autonomie der tribalen Einheiten muss sein Wirken verbunden werden. Eine Stammeskonföderation, die mit dem Propheten, Gott und dem Islam eine neue, die tribale Segmentierung überlagernde symbolische Ordnung erhielt. Deren Festigkeit sollte sich in der folgenden Zeit unter Beweis stellen. Mehr noch, von der frühislamischen Gemeinde in Medina nahm ein islamisches Patrimonialreich seinen Ausgang, dessen Einheit auf weiträumigen Handelsbeziehungen mit Arabisch als lingua franca und auf einer urbanen, synkretistischen und doch relativ homogenen Kultur beruhte. Der in Medina in Gang gesetzte politische Prozess gelangte aber nie auch nur in die Nähe einer Form staatlicher Herrschaft, die sich auf ein legitimes Monopol physischer Gewaltsamkeit stützte. Im Gegenteil erwiesen sich die wenigen, eine Mischung tribaler und charismatischer Elemente widerspiegelnden politischen Strukturen der Zeit des Propheten schon von Beginn an als zu defizitär, um mit ihrer Hilfe ein islamisches Staatswesen zu errichten.

Fußnoten

4.
Vgl. Fritz Steppat, Der Muslim und die Obrigkeit, in: Zeitschrift für Politik, 12 (1965) 4, S. 319.
5.
Ich stütze mich hierbei im Wesentlichen auf die Arbeiten von Albrecht Noth, Früher Islam, in: Ulrich Haarmann (Hrsg.), Geschichte der arabischen Welt, München 1987, und R. B. Serjeant, Studies in Arabian History and Civilisation, Nachdruck, London 1981.
6.
Gerhard Endress, Einführung in die islamische Geschichte, München 1982, S. 95.