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15.10.2002 | Von:
Karin Gottschall
Karen Hagemann

Die Halbtagsschule in Deutschland: Ein Sonderfall in Europa?

Die Ergebnisse der PISA-Studie im Hinblick auf Kompetenzniveaus deutscher Schulen haben zu einer erneuten Diskussion um die Halbtagsschulorganisation geführt. Diese Form einer reinen Unterrichtsschule stellt eine Ausnahme in Europa dar.

I. PISA - ein lehrreiches Desaster?

"Halbtagsschule in Deutschland" - dies ist ein Thema, das noch vor einigen Jahren höchstens bei einigen Reformpädagogen und Frauenforscherinnen, vielleicht dem Familienministerium und vermutlich einigen erwerbstätigen Müttern Interesse gefunden hätte. Vor allem in den achtziger Jahren erschien das Thema Halbtagsschule mit dem dazugehörigen Gegenmodell der Ganztagsschule ideologisch belastet und allenfalls in randständigen politischen und wissenschaftlichen Diskursen relevant. Auch ein Blick über die Grenzen - gar mit der Absicht, von den europäischen Nachbarn zu lernen - war in der "alten" Bundesrepublik, die sich im Hinblick auf Bildung, Arbeits- und Sozialpolitik als "Modell Deutschland" selbst genug war, nicht sehr verbreitet.


Anfang der neunziger Jahre kam mit der Wiedervereinigung eine gewisse Bewegung in die Diskussion, zeigten doch die Probleme bei der Transformation des Erziehungssystems der DDR, dass die Ganztagserziehung Ost möglicherweise nicht nur Nachteile, sondern auch Vorteile gehabt hatte. Vor allem aber lässt die Ende 2001 veröffentliche internationale Schulstudie PISA die deutsche Halbtagsschule in einem anderen Licht erscheinen - und zwar nicht etwa in zukunftsweisendem hellen Glanz, sondern eher in rückständigem Schein. [1]


Die Ergebnisse der PISA-Studie für Deutschland sind alarmierend: In allen drei in der Studie getesteten Kompetenzbereichen (Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften) schneiden deutsche Schüler und Schülerinnen mit einem Platz im unteren Drittel im Ländervergleich schlecht ab; nur Länder wie Russland, Portugal und Brasilien liegen in der Rangfolge dahinter. Weiter legt PISA offen, dass unser Schulsystem extrem ungerecht ist; in keinem vergleichbaren Land (auch nicht, wie viele vermutet hätten, in den USA oder Irland) bestimmt die soziale Herkunft so stark den Schulerfolg wie in Deutschland. Auch mögliche Ursachen für die Leistungsunterschiede werden untersucht. Und hier, so die Schlussfolgerungen aus der Studie, schneiden Länder mit Ganztagsschulsystemen, die Unterricht und Freizeitgestaltung verbinden und nicht nur der Leistung, sondern auch dem Sozialverhalten eine hohe Bedeutung beimessen, deutlich besser ab als diejenigen, die wie Deutschland Schule auf wenige Stunden Unterricht am Vormittag konzentrieren, Leistung in den Vordergrund stellen und ausschließlich in homogenen Lerngruppen arbeiten. [2]

In der Interpretation dieser Befunde herrscht eine gewisse Einigkeit: Nicht nur nach Meinung von Eltern, Lehrern und der Medienöffentlichkeit, sondern auch nach Ansicht der deutschen Kultusminister legt PISA gewisse Schwächen unseres Bildungssystems bloß. Die Auffassungen über Reformmaßnahmen gehen dann freilich im Einzelnen sehr auseinander. Zumindest in einem Punkt scheinen Politiker aller Couleur jedoch einig: nämlich in der Orientierung auf die Ganztagsschule.

In der Tat legen die Ergebnisse von PISA nahe, dass sich der Ganztagsschulbetrieb von Halbtagsschulen nicht nur in der Frage der in der Schule verbrachten Zeit unterscheidet, sondern mit weiteren vorteilhaften Strukturmerkmalen einhergeht: So sind Ganztagsschulsysteme in der Regel weniger selektiv, d. h., sie kennen weder "Sitzenbleiben" noch frühe und dauerhafte Kanalisierungen der Schüler in unterschiedliche Schultypen. Weiter, so wissen wir aus der ländervergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung, weisen Länder mit Ganztagsschulsystemen höhere Frauenerwerbsquoten auf. [3]

Wenn also nun die Diskussion um die Halbtagsschule neu eröffnet und der Handlungsbedarf unumstritten ist, was spricht dann gegen zügige Reformen? Tatsächlich sind Reformen in diesem Feld aus verschiedenen Gründen nicht so einfach zu bewerkstelligen. Nicht nur, weil die aktuelle Einigkeit im Hinblick auf die Ganztagsschule möglicherweise mehr von wahltaktischen Erwägungen als von nachhaltigem Reformwillen getragen ist. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass die Halbtagsschule in Deutschland eine vergleichsweise lange historische Tradition hat. Forderungen nach Einführung von Ganztagsschulsystemen hat es schon seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts gegeben, in den Reformpädagogikbewegungen des Kaiserreichs und der Weimarer Republik wie auch in der Gesamtschulbewegung in den fünfziger und sechziger Jahren der alten Bundesrepublik. Diese Reforminitiativen konnten sich nie flächendeckend durchsetzen, und dies, so die hier vertretene These, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass das Halbtagsschulsystem in Deutschland eng mit weiteren Strukturmerkmalen des deutschen Sozialstaats verknüpft ist, die bisher nicht nachhaltig in Frage gestellt wurden. Dies sind erstens die politisch getrennten Zuständigkeiten für Kinderbetreuung und Bildung, zweitens der verfassungsrechtlich festgelegte Vorrang der Familie bei der Kindererziehung, drittens die Dreigliedrigkeit des Schulsystems und viertens die unterschiedlichen Professionalisierungsgrade und Statusdifferenzen zwischen den Berufsgruppen der Lehrer und der Erzieher (vgl. die Abb.).

Das Halbtagsschulsystem in Deutschland ist sozusagen zentraler Bestandteil einer soziopolitischen und soziokulturellen Gesamtkonstellation, die sich vom Kaiserreich Ende des 19. Jahrhunderts bis in das wieder vereinigte Deutschland zum Ende des 20. Jahrhunderts fortgesetzt hat. [4] Dies soll im Folgenden mit einem Blick auf die historische Entstehungskonstellation verdeutlicht werden. In einem weiteren Schritt geht es um gesellschaftliche Herausforderungen und Reformmaßnahmen im wieder vereinigten Deutschland. Zum Schluss komme ich auf die Debatte um die Ergebnisse der PISA-Studie zurück und frage nach Kurzschlüssen und Veränderungspotenzialen in der gegenwärtigen Diskussion.

Fußnoten

1.
Insbesondere der historische und zeitgeschichtliche Teil beruht auf den Forschungen und dem Habilitationsvortrag von Karen Hagemann. 1‚Bei der Untersuchung handelt es sich um die bisher umfassendste internationale Schulstudie. Beteiligt sind 32 Staaten, darunter 28 OECD-Staaten; getestet wurden 15-jÌhrige SchÏler und SchÏlerinnen in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Dabei kam es weniger auf Faktenwissen als auf Anwendungsbezug und alltÌgliche ProblemlÎsungskompetenz an. FÏr den internationalen Vergleich waren aus Deutschland in der ersten Testrunde 5 000 SchÏler aus 219 Schulen einbezogen; eine weitere, nur auf Deutschland bezogene Stichprobe umfasst mehr als 5 000 SchÏler aus 1 466 Schulen und ermÎglicht einen Vergleich zwischen den einzelnen BundeslÌndern. Vgl. Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.), Pisa 2001, Opladen 2002, S. 15Äff.
2.
Vgl. Deutsches PISA-Konsortium, ebd.
3.
Vgl. Gerhard Bosch, Auf dem Weg zu einem neuen NormalarbeitsverhÌltnis? VerÌnderung von ErwerbsverlÌufen und ihre sozialstaatliche Absicherung, in: Karin Gottschall/Birgit Pfau-Effinger (Hrsg.), Zukunft der Arbeit und Geschlecht. Diskurse - Entwicklungspfade - Reformoptionen, Opladen (i.ÄE.).
4.
Vgl. Karin Gottschall, Erziehung und Bildung im deutschen Sozialstaat. StÌrken, SchwÌchen und Reformbedarfe im europÌischen Vergleich, ZeS-Arbeitspapier 9, Bremen 2001.