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16.8.2002 | Von:
Judith Butler

Zwischen den Geschlechtern

Eine Kritik der Gendernormen

Zwischen "männlich" und "weiblich" existiert eine Art Grauzone, die nicht nur in unserer Gesellschaft diskriminiert wird. Die Autorin plädiert vor diesem Hintergrund vehement für ein Aufbrechen der Geschlechternormen.

Einleitung

Unser Leben - das von Frauen und Männern - wird von Normen beherrscht. Wenn wir uns diesen widersetzen, kann es sein, dass wir herausfallen oder herausgestoßen werden. [1]


Es mag den Anschein haben, dass, wer Normierung ablehnt, dies im Namen einer anderen Norm tut. Es scheint so, dass wir, wenn wir darüber sprechen, was uns Menschen verbindet, zu welchen Formen des Sprechens oder Denkens wir Zuflucht suchen, zwangsläufig Zuflucht zu sozial etablierten Beziehungen suchen. Es handelt sich dabei um Beziehungen, die sich im Verlauf der Zeit herausgebildet haben und die uns nur dadurch ein Gefühl des "Gemeinsamen" geben, dass diejenigen Leben "ausgeschlossen" werden, die nicht der Norm entsprechen. In diesem Sinne sehen wir die Norm als das, was uns verbindet, aber wir sehen ebenfalls, dass die Norm nur durch eine Strategie des Ausschließens Einheit schafft. Es wird für uns notwendig sein, dieses Problem, dieses Doppelte der Norm, zu durchdenken. In diesem Beitrag möchte ich zunächst damit beginnen, nach denjenigen Normen zu fragen, die das Verhalten der Geschlechter bestimmen und insbesondere die Frage stellen, wie sie das Leben einschränken oder ermöglichen, wie sie im vorhinein kennzeichnen, was eine lebenswerte Existenz darstellt und was nicht.

Wie unterscheiden wir zwischen Arten von Geschlechtern, die wertvoll sind, und denjenigen, die es nicht sind? Zunächst würde ich sagen, dass es keine reine Frage der Schaffung einer neuen Zukunft für noch nicht existierende Geschlechter ist. Die Geschlechter, die ich meine, gab es seit langer Zeit, doch sie wurden nicht in die Begriffe aufgenommen, welche die Wirklichkeit abbilden. Daher geht es um die Frage, ein neues, legitimierendes Lexikon für die Geschlechterkomplexität zu entwickeln, die es immer schon gab. Aber da die Normen, welche die Wirklichkeit beherrschen, Zwischenformen nicht zugelassen haben, werden wir sie notgedrungen als neu bezeichnen.

Bevor ich fortfahre, den Doppelcharakter von Normen zu erörtern, möchte ich eine Geschichte erwähnen. Es ist bekannt, dass es eine neue und bedeutsame Bewegung von Personen gibt, die sich gegen korrigierende Genitaloperationen bei Kindern wenden. Viele Kinder - schätzungsweise zwei bis drei Prozent der Weltbevölkerung - werden mit Genitalien geboren, die nicht eindeutig als männlich oder weiblich zu identifizieren sind. Ein Fall aus der jüngsten Zeit zeigt die soziale Verwundbarkeit zwischengeschlechtlicher Menschen. Es handelt sich um einen Fall, der in den Vereinigten Staaten durch die Medien ging: um den Fall eines Jungen, der durch einen Kunstfehler bei einer Operation seinen Penis verlor, wie ein Mädchen groß gezogen wurde und die meisten seiner ersten Lebensjahre unbehaglich mit seinem weiblichen Geschlecht lebte. In der Schule hatte er immer noch den Impuls, beim Wasser lassen zu stehen, obwohl er gar keinen Penis hatte. Die Mädchen, die dies im Waschraum bemerkten, drohten ihm an, ihn zu töten, falls er damit weitermachen würde. Woher kommt diese Gewaltbereitschaft? Was ist so "schrecklich" für diejenigen, die diese Handlung bemerken? Und was ist ihr Zweck? Und wie könnte dies verändert werden?

Der Wunsch, jemanden zu töten, weil er nicht mit den Geschlechternormen konform geht, nach denen er oder sie leben "sollte", deutet darauf hin, dass das Leben selbst diese Normen verlangt. Dahinter verbirgt sich der ängstliche und starre Glaube, dass der Sinn der Welt und der Sinn des Selbst radikal untergraben werden, wenn solch einem nicht einzuordnenden Lebewesen erlaubt wird, innerhalb der sozialen Welt zu existieren. Es handelt sich um den törichten und gewaltsamen Versuch, die Ordnung wiederherzustellen und die Herausforderung abzulehnen, diese Welt als etwas anderes als etwas Naturgegebenes oder Unausweichliches neu zu denken.

Aber wenn wir uns gegen diese Gewalt wenden wollen - in wessen Namen können wir dies tun? Was ist die Alternative dazu, und welcher Wandel der sozialen Welt wird verlangt? Wir müssen verstehen, dass diese Gewalt etwas ist, das aus dem tiefen Wunsch entsteht, die binäre Geschlechterordnung als naturgegeben oder notwendig zu erhalten. Wenn jemand gegen diese Normen lebt, dann scheint die Gewalt genau aus dem Verlangen zu entstehen, dieser gelebten Opposition zu begegnen. Hierbei handelt es sich nicht einfach um einen Meinungsunterschied. Es ist vielmehr ein Versuch, auszulöschen, was die Geschlechterordnung, wie wir sie heute verstehen, ungewiss, schwach und offen für grundlegende Veränderungen macht.

Zu behaupten, Geschlecht sei eine Norm, ist nicht das Gleiche wie zu sagen, dass es normative Sichten auf Weiblichkeit und Männlichkeit gebe, selbst wenn es diese natürlich gibt. Geschlecht ist nicht genau das, was jemand "ist" oder exakt das, was jemand "hat". Geschlecht ist der "Apparat", mit dem die Erzeugung und Normierung von männlich und weiblich stattfindet - gemeinsam mit den hormonalen, chromosomalen, psychischen und performativen Zwischenformen, die ein Geschlecht annimmt. Es ist falsch anzunehmen, dass Geschlecht immer und ausschließlich die Matrix des "Maskulinen" und "Femininen" bedeutet. Wenn man die Definition von Geschlecht in seinem normativen Ausdruck zusammenfasst, festigt man damit unabsichtlich die Macht der Norm, die Definition von Geschlecht zu beschränken. Geschlecht ist der "Mechanismus", durch den Vorstellungen von maskulin und feminin geschaffen und eingebürgert werden, doch dieser könnte ebenso gut dazu dienen, solche Begriffe zu zerstören und zu beseitigen. Denn es kann sein, dass die unser Leben prägenden Normen definitionsgemäß unvollständig sind und waren. Den Begriff "Geschlecht" oder "Gender" nicht auf Männlichkeit und Weiblichkeit beschränken heißt, eine theoretische Perspektive sicherzustellen, durch die eine weitere Darstellung möglich wird. Indem sich jemand auf "Genderprobleme" oder "Gendervermischung", "Transgender" oder "Crossgender" bezieht, deutet er bereits Binarität an. Die Zusammenfassung von Geschlecht unter den Begriffen maskulin/feminin, Mann/Frau, männlich/weiblich vollzieht folglich genau die Einbürgerung, der die Vorstellung von Geschlecht zuvorkommen soll.

Demnach bedeutet ein restriktiver Diskurs über Geschlechter, in dem darauf beharrt wird, die Binarität von "Mann" und "Frau" sei die ausschließliche Möglichkeit zum Verständnis des Genderbereichs, eine regulatorische Machtanwendung, die das hegemonische Beispiel einbürgert und die Denkbarkeit und Möglichkeit seiner Unterbrechung ausschließt.

Durch die Zufluchtsuche zu Normen wird der Bereich des menschlich Verständlichen eingegrenzt, und diese Eingrenzung hat Folgen für jegliche Ethik und jede Vorstellung von sozialem Wandel. Wir könnten sagen, wir müssen die Grundlagen des Menschen kennen, um so zu handeln, dass wir menschliches Leben, wie wir es kennen, schützen und fördern. Was aber, wenn genau diese Kategorien des Menschlichen diejenigen ausschließen, die innerhalb dieser Begriffe agieren sollten, welche die Arten des Argumentierens und Rechtfertigens hinsichtlich "Gültigkeitsansprüchen" nicht akzeptieren, die von den westlichen Formen des Rationalismus vorgebracht worden sind? Haben wir jemals das "Menschliche" gekannt? Und was könnte nötig sein, um sich dieser Kenntnis zu nähern? Sollten wir uns davor in Acht nehmen, es zu bald zu wissen, oder vor jeglichem endgültigen oder definitivem Wissen? Wenn wir das menschliche Feld als selbstverständlich betrachten, scheitern wir dabei, kritisch - und moralisch - über die Folgen dessen nachzudenken, dass das Menschliche geschaffen, neu geschaffen und beseitigt wird. Diese letzte Frage erschöpft nicht das Feld der Ethik, doch ich kann mir keine "verantwortliche" Ethik oder Theorie des sozialen Wandels vorstellen, die ohne sie operiert.

Entscheidend für das Projekt des Diskurses und der Politik der internationalen Menschenrechte ist, unsere Vorstellung des "Menschlichen" für eine zukünftige Formulierung offen zu halten. Anderenfalls wird - wie es derzeit geschieht - im Voraus bestimmt, was darunter zu verstehen ist: in Begriffen, die unverwechselbar westlich, sehr häufig amerikanisch, sind - und daher beschränkt. Es entsteht die paradoxe Situation, dass das "Menschliche" worum es bei den Menschenrechten geht, einerseits bereits "bekannt" und schon definiert ist. Andererseits stellt es zugleich die Basis für eine Reihe von internationalen Rechten und Verpflichtungen dar. Die Frage, wie wir von der nationalen zur internationalen bzw. der lokalen zur globalen Ebene gelangen, ist eine der Hauptfragen der internationalen Politik, doch für den internationalen Feminismus ist eine besondere Form notwendig. Bei einer antiimperialistischen oder - wenigstens - nichtimperialistischen Vorstellung von den internationalen Menschenrechten muss jedoch danach gefragt werden, was mit dem "Menschlichen" gemeint ist. Zugleich muss von der unterschiedlichen Art und Weise gelernt werden, wie es an den unterschiedlichen kulturellen Orten definiert wird. Das bedeutet, dass lokale Konzeptionen des "Menschlichen" oder vielmehr der eigentlichen Bedingungen und Bedürfnisse des menschlichen Lebens einer Neuinterpretation unterworfen werden müssen.

Ich lehne jedoch eine verkürzte, relativierende Argumentation ab. Diese Relativierung würde bedeuten, dass wir nicht von den menschlichen oder internationalen Menschenrechten sprechen können, weil es immer nur ein nationales bzw. lokales und vorläufiges Verständnis dieser Begriffe gibt und die Generalisierungen selbst dem Spezifikum der fraglichen Bedeutungen Gewalt antun. Ich glaube vielmehr, dass wir gezwungen sind, vom Menschlichen und Internationalen zu sprechen sowie insbesondere herauszufinden, wie "Menschenrechte" zu Gunsten von Frauen funktionieren oder nicht, zu Gunsten von dem, was "Frauen" sind und was sie nicht sind. Doch um so zu sprechen und sozialen Wandel im Namen der Frauen zu fordern, müssen wir auch Teil eines kritischen demokratischen Projekts sein, eines das versteht, dass die Kategorie des "Menschlichen" unterscheidend verwendet wurde und mit ausgrenzenden Zielen, dass nicht alle Menschen in diese Begriffe einbezogen wurden, dass die Kategorie "Frauen" unterscheidend und ausschließend benutzt wurde und dass nicht alle Frauen in diese Begriffe einbezogen wurden sowie dass beide Kategorien sich noch in einem Prozess befinden, auf dem Weg, unerfüllt. Das bedeutet, dass wir in der Politik einem zweifachen Pfad folgen müssen: Wir müssen diese Sprache verwenden und sie dazu verwenden, um die Berechtigung auf ein Leben unter für die Genderfrage sensiblen Bedingungen durchzusetzen. Und wir müssen unsere Kategorien einer kritischen Überprüfung unterziehen, die Grenzen ihrer Inklusivität herausfinden, ihre umfassenden Voraussetzungen, die Art und Weise wie sie ausgedehnt werden müssen, um die Verschiedenheit dessen zu umfassen, was "menschlich" und "geschlechtlich" ist.

Als die Konferenz der Vereinten Nationen vor einigen Jahren in Peking zusammenkam und wir einen Diskurs über die "Menschenrechte von Frauen" führten, kam dies manchen paradox vor. Doch was war bzw. ist damit gemeint? Damit ist gemeint, dass das "Menschliche" abhängig davon ist - dies in der Vergangenheit war und in der Gegenwart weiterhin ist -, eine veränderliche und eingeschränkte Bevölkerung zu bestimmen, die Frauen einschließen mag oder nicht. Gemeint ist, dass Frauen eigene spezifische Menschenrechte haben, dass die Bedeutung von "menschlich", wenn wir über das Menschlich-Sein von Frauen nachdenken, vielleicht etwas anderes ist als das, was "menschlich" bedeutet hat, als es etwas mutmaßlich Männliches war. Es bedeutet auch, dass diese Begriffe unterschiedlich in Beziehung zueinander stehen und definiert werden. Und: Es wäre sicherlich eine ähnliche Argumentation im Hinblick auf Rasse möglich. Welche Bevölkerungen haben sich als "menschlich" qualifiziert und welche nicht: Wie lautet die Geschichte dieser Kategorie? An welchem Punkt dieser Geschichte stehen wir?

Wenn wir aber in diesem Kontext über richtige und falsche Handlungsverläufe entscheiden wollen, wäre es unerlässlich zu fragen: Welche Formen der Gemeinschaft wurden geschaffen, und im Rahmen welcher Gewalttätigkeiten und Ausschlüsse wurden sie geschaffen? Welche Mittel müssen wir denjenigen Menschen innerhalb der menschlichen Gemeinschaft zur Verfügung stellen, die bislang nicht als Teil des erkennbar "Menschlichen" betrachtet werden? Dies ist die Aufgabe einer radikalen demokratischen Theorie und Praxis, mit dem Ziel, die Normen auszuweiten, um vormals geächteten Gemeinschaften lebensfähiges Leben zu ermöglichen.

Leben bedeutet, ein Leben politisch zu leben, in Beziehung zur Macht, in Beziehung zu anderen, in den Handlungen Verantwortung für eine kollektive Zukunft zu übernehmen. Jedoch heißt die Übernahme von Verantwortung für eine Zukunft nicht, ihre Richtung vollständig im Voraus zu kennen, da die Zukunft, insbesondere die Zukunft mit und für andere, eine bestimmte Offenheit und Unwissenheit erfordert. Und sie impliziert auch, dass ein gewisser Wettkampf stattfinden wird und muss. Er muss sein, damit Politik demokratisch wird. In der Demokratie wird nicht mit einer Stimme gesprochen, die Klänge sind dissonant, und dies ist notwendig. Demokratie ist kein vorhersehbarer Prozess, sie muss durchlebt werden, wie man durch eine Leidenschaft durchgehen muss. Es kann also sein, dass das Leben selbst aufgekündigt wird, wenn über den "richtigen" Weg im Voraus entschieden wird, wenn wir vorschreiben, was für jeden richtig sein soll. Es mag sein, dass das "Richtige" und "Gute" darin besteht, offen gegenüber den Spannungen zu bleiben, unter denen die meisten unserer grundlegenden Kategorien stehen, die Unwissenheit im Kern unseres Wissens und unserer Bedürfnisse zu kennen sowie bei den Wettkämpfen, die wir miteinander ausfechten müssen, "Lebenszeichen" zu erkennen.

Fußnoten

1.
Übersetzung des englischsprachigen Textes: Dagmar Schittly, Bonn.