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16.8.2002 | Von:
Christiane Thorn

Nachhaltigkeit hat (k)ein Geschlecht

Perspektiven einer gendersensiblen zukunftsfähigen Entwicklung

Wie steht es um die Perspektiven einer gendersensiblen zukunftsfähigen Entwicklung? Die Voraussetzung könnte in einer grundlegenden Transformation vieler Bereiche liegen.

Einleitung

Zehn Jahre nach der UN-Konferenz zu Umwelt und Entwicklung (UNCED) in Rio de Janeiro zieht die Konferenzkarawane der Vereinten Nationen weiter nach Johannesburg zum Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung (WSSD). In Südafrika bilanzieren die Staatengemeinschaft und internationale Umwelt-, Entwicklungs- und Frauenorganisationen die Umsetzungsergebnisse von Rio.


Transnational agierende Frauenaktivistinnen, die Nachhaltigkeit eng mit politischer Gerechtigkeit verwoben sehen, stellen vor allem die Frage, ob und inwieweit die Geschlechterperspektive systematisch in das Nachhaltigkeitsdreieck von Ökologie, Ökonomie und Soziales eingeschleust werden kann, insbesondere in die bislang abgespaltene, aber zentrale vierte Dimension von Nachhaltigkeit: die Politik. [1] Erst mit der Integration des Politischen in die Problemperspektive nachhaltiger Entwicklung eröffnet sich den beteiligten AkteurInnen eine Arena zur Verhandlung und Bearbeitung dieses magischen Dreiecks sowie zur Formulierung und zur eventuellen Ausbalancierung ihrer Ziel- und Interessenkonflikte. In dem Moment, da "gesellschaftliche Naturverhältnisse" [2] Gegenstand politischer Entscheidungen werden, gelangen auch die kontroversen Interessen- und Zielperspektiven sowie die höchst unterschiedliche Deutungs-, Handlungs- und Entscheidungsmacht der AkteurInnen in den Blick. Für die Einschätzung, ob die UN-Konferenz in Rio einem geschlechtersensiblen Nachhaltigkeitsprozess den Weg geebnet hat oder die kohärente Vernetzung von Zukunftsfähigkeit und Gender noch in weiter Ferne liegt, ist die Integration der Macht- und Herrschaftsperspektive in die Debatte unerlässlich.

Fußnoten

1.
Vgl. Claudia von Braunmühl, Nachhaltigkeit, in: Politik im 21. Jahrhundert, Frankfurt/M. 2001, S. 186 - 194, hier S. 186; Braunmühl betont, dass die Grenzen des Umweltraums politisch markiert werden und er auch noch in seiner Vernachlässigung Gegenstand politischer Entscheidungen ist.
2.
Der Begriff wurde in der sozial-ökologischen Forschung geprägt und kennzeichnet Umweltkrisen als Regulationskrisen, in denen sich ein problematisches Gesellschaft-Natur-Verhältnis niederschlägt.