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Verschiedene Buttons, die während des Women´s March in Washington im Januar 2018 verkauft wurden

20.4.2018 | Von:
Barbara Holland-Cunz

Was ihr zusteht. Kurze Geschichte des Feminismus

"Sortierungen" des Feminismus

Unter diesen grundlegenden Prämissen lassen sich recht differente, ja geradezu unvereinbare "Sortierungen" feministischer "Wellen" und/oder "Strömungen" verzeichnen. Tatsächlich sind die "Sortierungen" (Taxonomien) des Feminismus so zahlreich, dass hier ein knapper Blick genügen muss.

Geschichtliche Taxonomien: Neben der polaren Teilung zwischen Alter und Neuer Frauenbewegung finden sich vor allem unterschiedliche "Wellen"-Zählungen, wobei die am häufigsten verwendete eine Drei-Wellen-Vorstellung sein dürfte (erste Welle: Französische Revolution bis 1920/1930/1933; zweite Welle: Studenten- und Bürgerrechtsbewegungen bis in die 1990er Jahre; dritte Welle: bis heute); Wellen-Einteilungen spiegeln sich gegenwärtig oft auch im Bild aufeinander folgender Wenden/Wendungen (turns, beispielweise cultural turn); letztere "sortieren" allerdings meist sehr viel kleinteiliger als die Wellen-Vorstellungen.

Zweipolige Taxonomien: Die klassischen dürften sowohl die von Gleichheits- versus Differenzfeminismus als auch von modernem versus postmodernem Feminismus sein; gegenwärtig sind es vor allem die Polaritäten Essentialismus versus Konstruktivismus oder Materialismus versus Idealismus, die die Debatte bestimmen. Keine andere "Sortierung" des Feminismus ist so unmittelbar "sprechend" wie jene von Differenz- versus Gleichheitsfeminismus: Differenzfeministinnen gehen von einer sozialen oder soziobiologischen Differenz zwischen Frauen und Männern aus, Gleichheitsfeministinnen betonen ihre menschenrechtliche Ununterschiedenheit trotz gesellschaftlicher Ungleichheit. Die Unterscheidung zwischen modernem und postmodernem Feminismus bezieht sich einerseits auf eine Epochenunterscheidung (die Moderne endet je nach Perspektive irgendwann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts), andererseits auf den Status von Vernunft und Subjekt, die in Bezug auf die Moderne als ihre Hauptpfeiler diskutiert, in der Postmoderne hingegen kritisch analysiert werden. Noch komplizierter ist eine knappe Unterscheidung zwischen Essentialismus (Philosophien/Erkenntnistheorien von Wesensbestimmungen, im Feminismus oft als Biologismus verworfen) und Konstruktivismus (Philosophien/Erkenntnistheorien des gedanklichen und gesellschaftlichen "Herstellens"). Materialistischer Feminismus definiert seinen theoretischen Ausgangspunkt im Stofflichen, Dinglichen und bezieht sich nicht selten auf Marxistische Theorietraditionen; sein Gegenpart orientiert sich am Konstruktivismus und den philosophischen Ausgangspunkten der Idee und der kognitiv erzeugten Realität. Sehr verkürzt ließe sich sagen, dass innerhalb des feministischen Spektrums Essentialismus und Materialismus "Natur" zum Basalen erklären, Konstruktivismus und Idealismus hingegen von der "Kultur" aus denken.

Strömungstaxonomien: Sie unterscheiden zwischen dem radikalen und dem gemäßigten Flügel der jeweiligen Frauenbewegung oder der bürgerlichen und der proletarischen Frauenbewegung oder folgen allgemeinen Kategorisierungen der Politischen Theorie wie Liberalismus, Sozialismus, Konservatismus, Marxismus etc.

In den vergangenen drei Jahrzehnten lässt sich eine Vervielfältigung "des" Feminismus beobachten; so sind heute der Postkoloniale Feminismus und der Queerfeminismus starke politische und theoretische Strömungen; im konventionellen Feld der Politik dominieren Programme wie das Gender Mainstreaming und "femokratische" Gesetze und Institutionen auf lokaler, nationaler, transnationaler (EU) und internationaler (UN) Ebene.[8]

Die aktuelle Vervielfältigung sowohl der Strömungen als auch der Taxonomien kann kontrovers gedeutet werden. Wohlwollend betrachtet erscheint der globale Feminismus gegenwärtig so mächtig und vielfältig, dass die bisherigen "Sortierungen" nicht ausreichen, um die ganze Fülle zu erfassen. Skeptisch ließe sich jedoch fragen, ob sich allgemein geteilte Herrschaftsanalysen auflösen und Feminismus durch (oft identitätspolitisch motivierte) "Zellteilungen" krisenhaft und schwach wird. Angesichts heftiger akuter Deutungskämpfe spricht einiges für die zweite Interpretation. Eine Sehnsucht nach globaler feministischer Solidarität zeigt sich allerdings ebenso klar in den in zahlreichen Ländern veranstalteten Women’s Marches am Tag nach der Amtseinführung Donald Trumps. Schon lange ging vom Feminismus kein so starkes Zeichen mehr aus.

Der fundamentale Orientierungspunkt sämtlicher taxonomischer Versuche bleibt aber stets die Frage, ob die jeweiligen Theorien von einer essenziellen Gleichheit der Geschlechter, ihrer sozialen und/oder biologischen Differenz oder einer grundsätzlichen gesellschaftlichen Konstruktion von Geschlecht ausgehen. Kontrovers bleibt demnach die Relation zwischen Natur und Kultur in der Bestimmung der Geschlechter und Geschlechterverhältnisse (heute unter anderem diskutiert unter dem Kategorienpaar sex/gender); jede Epoche ficht diese Relation neu aus. Gegenwärtig dominiert eine konstruktivistische Kulturperspektive in der Theorie.

Fußnoten

8.
Vgl. die Überblicksdarstellungen Barbara Holland-Cunz, Die alte neue Frauenfrage, Frankfurt/M. 2003; Ute Gerhard, Frauenbewegung und Feminismus. Eine Geschichte seit 1789, München 2009; Michaela Karl, Die Geschichte der Frauenbewegung, Stuttgart 2011; Gisela Notz, Feminismus, Köln 2011; Barbara Thiessen, Feminismus: Differenzen und Kontroversen, in: Ruth Becker/Beate Kortendiek et al. (Hrsg.), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie, Wiesbaden 20082, S. 37–44; Tanja Nusser, Feminismus (radikaler Feminismus), in: Renate Kroll (Hrsg.), Metzler Lexikon Gender Studies – Geschlechterforschung. Ansätze – Personen – Grundbegriffe, Stuttgart–Weimar 2002, S. 102ff.; Therese Frey Steffen, Gender, Stuttgart 20172.
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