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20.4.2018 | Von:
Barbara Holland-Cunz

Was ihr zusteht. Kurze Geschichte des Feminismus

Recht auf sexuelle, reproduktive und geschlechtliche Selbstbestimmung

Für unkonventionelle Freiheiten in Liebe, Sexualität und Mutterschaft treten vor der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur wenige Feministinnen offen ein, und kaum eine engagiert sich so unbeugsam wie die Sexualreformerin, Pazifistin und Radikale Helene Stöcker (1869–1943). Für Stöcker gehört es zu den Rechten, ja gar den Pflichten von Frauen, ihre Freiheit in Liebe, Sexualität und Mutterschaft zu realisieren und sich weder an bürgerlichen noch an gemäßigt-feministischen Konventionen zu orientieren. Die biografisch-politische Aufgabe besteht vielmehr in der Realisierung aller Potenziale; Würde bedeutet für Stöcker nicht konventionelle Seriosität, sondern die Pflicht zu Autonomie und Entfaltung in der persönlichen Lebensführung.[15] Stöcker verbindet nur ein Aspekt mit den Gemäßigten: Emphase für das angebliche Wesen der Frau, ihrer besonderen Denkart und emotionalen Konstitution.

Mit Ausnahme de Beauvoirs erscheint die radikal verstandene Freiheit zu liebender und sexueller Selbstbestimmung erst wieder im Feminismus der Neuen Frauenbewegung. Betty Friedan (1921–2006) geißelt die Mystifizierung von Weiblichkeit, Shulamith Firestone (1945–2012) ruft zu einer kulturellen Revolution auf, Gena Corea (*1946) benennt die Gefahren der Gen- und Reproduktionstechnologien, Mary Daly (1928–2010) plädiert für lesbischen Separatismus, Butler analysiert die gesellschaftlichen Konstruktionsbedingungen von Geschlecht und Begehren. In diesem Themenfeld meint patriarchale Herrschaft heute die systemische Verweigerung frei gewählter Vorstellungen über die persönliche Identität und Lebensführung sowie die "sanfte Gewalt" zugewiesener Biografien.

Im Kontext des Selbstbestimmungsdiskurses analysieren Theoretikerinnen heute weitere Herrschaftsverhältnisse und entwürdigende Beschränkungen der Autonomie: im postkolonialen Diskurs, prominent artikuliert durch Gayatri Chakravorty Spivak (*1942), im religionskritischen Diskurs, vertreten durch islamische Feministinnen wie Fatima Mernissi (1940–2015), Nawal El Saadawi (*1931) und Shirin Ebadi (*1947). Intersektionalität ist die aktuell bedeutende Kategorie, um die Komplexität von Herrschaft auch zwischen Frauen zu markieren; ihre differenten Positionen überlagern und durchkreuzen ein gemeinsames Unterworfensein.

Feminismus und Antifeminismus – nicht erst heute

Feministische Ansprüche haben sich strukturell verändert, aber noch längst nicht erledigt. So auffällig der Wandel erscheinen mag, so bedrückend sind die Kontinuitäten. Je nach Perspektive könnte frau sich am bislang Erreichten erfreuen oder verzweifelt auf den noch langen Weg zur gleichen Freiheit blicken. Auf keinem der hier skizzierten Felder ist das Ziel erreicht. Noch ernüchternder wird die Diagnose, wenn die eben genannten "Kreuzungen" verschiedener Ungleichheiten in den Blick kommen. Hier steht die feministische Theorie noch am Anfang.

Das zeitgenössische Erstarken des "Antigenderismus" im Rechtspopulismus, die eklatanten anti- und postdemokratischen Ressentiments in vielen Demokratien und die multiplen globalen Krisenlagen bezogen auf Krieg, Armut und Naturzerstörung fordern feministische Theoretikerinnen heute massiv heraus. Doch Antifeminismus und Rückschläge sind in der Geschichte der Frauenfrage nichts Neues. In regelmäßigen Abständen werden Backlashes beklagt, der Tod des Feminismus oder seine vollständige Neuerfindung ausgerufen. Susan Faludi (*1959) hat 1991 umfassend diskutiert, dass und wie Angriffe auf emanzipatorische Fortschritte den raffinierten Versuch darstellen, frauenpolitisch erkämpfte Siege in Unglück bringende Niederlagen umzudeuten. Frauen wird suggeriert, dass ihr Fortschritt eigentlich einsam und unglücklich macht.[16] Faludi deutet diese Umdeutung so: "Es handelt sich um einen Präventivschlag, der die Frauen weit vor der Ziellinie stoppt."[17]

Der Antifeminismus gehört zum Feminismus gleichsam als andere Seite dazu. Die Angriffe von außen provozieren allerdings nach innen nicht selten Forderungen nach einer kritiklosen Vergemeinschaftung – eine Art feministische Burgmentalität, in der politische und politiktheoretische Debatten zum Schweigen gebracht werden. An die Stelle einer radikalen oder liberalen Allianzpolitik, die im Streit die Chance für Vielfalt und Stärke sieht, tritt dann Vereinheitlichung, die nachhaltig schwächt; statt gelebter Solidarität entstehen repressive Pseudosolidarisierungen. Für eine Theorie/Politik, deren würdigstes Ziel seit über 200 Jahren Demokratisierung heißt, sind undemokratische Binnenstrukturen eine Form der Selbstentwürdigung.

Sehr viel ließe sich von Lorde oder hooks lernen, die ihre Kritik am weißen Feminismus mit dem Plädoyer für einen würdevollen, schmerzvoll-offenen Austausch verbinden. Audre Lorde schreibt: "Nicht der Ärger anderer Frauen wird uns zerstören, sondern unsere Weigerung, anzuhalten, auf seinen Rhythmus zu hören, in ihn einzutauchen, um aus ihm zu lernen …".[18] Denn es muss auch im Feminismus gelten, dass der andern abgegolten wird, was ihr zusteht.

Fußnoten

15.
Vgl. Helene Stöcker, Die Liebe und die Frauen, Minden 19082 (1893ff./1906).
16.
Vgl. Susan Faludi, Die Männer schlagen zurück. Wie die Siege des Feminismus sich in Niederlagen verwandeln und was Frauen dagegen tun können, Reinbek 1993 (1991).
17.
Ebd., S. 23.
18.
Audre Lorde, Vom Nutzen unseres Ärgers, in: Dagmar Schultz (Hrsg.), Macht und Sinnlichkeit. Ausgewählte Texte von Adrienne Rich und Audre Lorde, Berlin 1983 (1981), S. 97–108, hier S. 104.
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Autor: Barbara Holland-Cunz für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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