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15.7.2002 | Von:
Sebastian Braun

Soziales Kapital, sozialer Zusammenhalt und soziale Ungleichheit

Integrationsdiskurse zwischen Hyperindividualismus und der Abdankung des Staates

II. Soziales Kapital als Fundament gesellschaftlichen Zusammenhalts

Putnams Begriff social capital wurde zunächst durch seine Studie "Making Democracy Work" bekannt. [9] In ihr geht Putnam der Frage nach, weshalb 20 Jahre nach der italienischen Verfassungsreform die neu geschaffenen norditalienischen Provinzregierungen effektiver, effizienter und bürgernäher arbeiteten als die süditalienischen. Putnam sieht die Ursachen dafür weniger im höheren Wohlstand des Nordens als vielmehr im höheren sozialen Kapital, das bei ihm dreierlei bezeichnet: erstens soziales Vertrauen; zweitens Normen der generalisierten Reziprozität (im Sinne von: "Ich helfe dir in der Erwartung, dass du mir in der Zukunft ebenso hilfst"); und drittens Assoziationen bzw. freiwillige Vereinigungen, in denen generalisierte Reziprozitätsnormen gepflegt und soziales Vertrauen aufgebaut würden.

Mit diesen Kernannahmen greift Putnam sowohl auf die klassische Demokratietheorie als auch auf Ansätze der Transaktionskostenökonomie zurück: Einerseits betrachtet er Assoziationen als Grundpfeiler und Schule der Demokratie, da man in ihnen das Einmaleins demokratischen Handelns erlerne. Andererseits würden sich in Assoziationen Normen der Reziprozität und soziales Vertrauen herausbilden, die sich als generalisierte Reziprozität und generalisiertes Vertrauen über alle gesellschaftlichen Bereiche erstreckten und damit die Notwendigkeit zur sozialen Kontrolle reduzierten. Abbau von sozialer Kontrolle hieße aber auch Reduktion von Kosten, und zwar im staatlichen ebenso wie im ökonomischen Sektor.

Weniger abstrakt formuliert bedeutet das: "Fähigkeiten und Dispositionen wie Initiative, Aufmerksamkeit, Vertrauen, Organisationsfähigkeit, egalitäre Einstellungen und Toleranz gegenüber Fremden, die im Vereinsleben erworben und verstärkt werden, verbreiten sich über ihre jeweiligen sozialen, thematischen und temporären Entstehungszusammenhänge hinaus und können einen wesentlichen Beitrag zur demokratischen politischen Kultur" und zur Performanz von Staat und Wirtschaft leisten. [10]

Im Mittelpunkt stehen dabei die "traditionellen" Assoziationen wie z. B. Sport-, Gesang-, Musik- oder religiöse Vereinigungen. Denn nur in diesen kleinen lokalen Vergemeinschaftungen, so Putnam, bestünden vielfältige "face-to-face"-Interaktionen zwischen den Mitgliedern, so dass sich identifikatorische, solidargemeinschaftliche Bindungen herausbilden würden. In der aktiven Mitgliedschaftsrolle - und nicht in "egozentrierten" Selbsthilfegruppen oder Scheckbuchmitgliedschaften - erlerne man jene Tugenden und Verhaltensdispositionen, welche die Kommunikation, Kooperation und das soziale Vertrauen innerhalb wie auch außerhalb der Assoziation erhöhten. [11] Hier entstehe und regeneriere sich soziales Kapital, denn im Unterschied zu Sachkapital würde es sich nicht durch seine regelmäßige Anwendung verbrauchen, sondern als "Nebenprodukt" gemeinschaftlichen Handelns erhöhen. Deshalb sieht Putnam in Mitgliedschaftsquoten einen zentralen Indikator zur Beurteilung des sozialen Zusammenhalts moderner Gesellschaften.

Mit diesem theoretischen Rüstzeug hat Putnam seine einflussreichen Analysen über die USA durchgeführt. Mit Hilfe von Zeitreihenvergleichen insbesondere zu Vereinsmitgliedschaften, bürgerschaftlichem Engagement und zum sozialen Vertrauen der US-Bürger versucht er nachzuweisen, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt der USA seit den sechziger Jahren erodiert sei. Hauptsächliche Ursache: die Nachkriegsgeneration der Baby-Boomer, die durch die Expansion des Fernsehens zu einer "uncivic generation" degeneriert sei.

Denn für Putnam verursachte vor allem die moderne Medienindustrie jenen Übergang von der Bürger- zur Massengesellschaft, in welcher der fernsehglotzende Konsummonade den kompetenten und engagierten Bürger ersetzt habe: "Jedes Jahr nimmt der Tod der amerikanischen Gesellschaft wieder eine Zahl engagierter Bürger weg, und die werden ersetzt durch wesentlich weniger engagierte Menschen. Wenn wir also nicht bald etwas tun, dann wird das Problem immer schlimmer werden" [12] - so Putnams moralisierende Kritik am Individualismus, der, wie er schreibt, den sozialen Zusammenhalt reduziere, Verantwortungslosigkeit fördere, Berechenbarkeit abbaue, das Gefühl der gemeinsamen Identität schwäche und damit die Fähigkeit der Gemeinschaft verringere, sich den gemeinsamen Problemen zu stellen. [13]

Fußnoten

9.
Robert D. Putnam, Making Democracy Work: Civic Traditions in Modern Italy, Princeton - New Jersey 1993.
10.
C. Offe/S. Fuchs (Anm. 7), S. 429 f.
11.
Vgl. insbesondere R.D. Putnam (Anm. 1), S. 49 ff.
12.
Robert D. Putnam, Niedergang des sozialen Kapitals? Warum kleine Netzwerke wichtig sind für Staat und Gesellschaft, Manuskript vom Symposium "denken - handeln - gestalten. Neue Perspektiven für Wirtschaft und Gesellschaft" der DG BANK am 23./24. November 1999 in Hannover, S. 8.
13.
Vgl. ders., Symptome der Krise - Die USA, Europa und Japan im Vergleich, in: Werner Weidenfeld (Hrsg.), Demokratie am Wendepunkt. Die demokratische Frage als Projekt des 21. Jahrhunderts, Berlin 1996, S. 75.