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15.7.2002 | Von:
Sebastian Braun

Soziales Kapital, sozialer Zusammenhalt und soziale Ungleichheit

Integrationsdiskurse zwischen Hyperindividualismus und der Abdankung des Staates

III. Soziales Kapital als Basiselement sozialer Ungleichheit

Dreht man die beiden Worte in Putnams Erfolgsbegriff um und spricht sie französisch aus, dann befindet man sich unversehens in einer anderen Welt: Capital social ist jenseits des Rheins Bestandteil eines breiten öffentlichen Diskurses über wachsende soziale Ungleichheiten und Deklassierungen, die den sozialen Zusammenhalt moderner Gesellschaften massiv gefährdeten.

Hintergrund dieses Diskurses bildet die mittlerweile klassische Gesellschaftstheorie von Bourdieu, die längst zur "culture générale" im französischen Bildungssystem gehört. Bourdieus Thema sind die Mechanismen der Erzeugung und Erhaltung gesellschaftlicher Strukturen durch das Handeln der Menschen in der alltäglichen sozialen Praxis.

Um diese Mechanismen zu analysieren, führt Bourdieu den Kapitalbegriff in unterschiedlichen Erscheinungsformen ein. Neben dem ökonomischen Kapital (Geld, Landbesitz etc.) und dem kulturellen Kapital (Diplome, Zeugnisse, kognitive Kompetenzen etc.) unterscheidet er das soziale Kapital. Letzteres entstehe durch ständige "Beziehungsarbeit" und umfasse all jene Ressourcen, die aus einem Netz dauerhafter Beziehungen, gegenseitigen Kennens und Anerkennens resultieren; "oder, anders ausgedrückt, es handelt sich dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen" [14] .

Bourdieu entwirft soziales Kapital also nicht wie Putnam als kollektives Gut von Gesellschaften, sondern als individuelle Ressource. [15] Diese Ressource konzipiert er auf theoretischer Ebene als eigenständige Kapitalsorte. In der sozialen Wirklichkeit käme soziales Kapital aber nur gemeinsam mit den beiden anderen Kapitalsorten vor. Da es stets in Verbindung mit dem verfügbaren ökonomischen und kulturellen Kapital und deren Ungleichverteilung zwischen den Individuen wirke, trage soziales Kapital immer auch zum Erhalt oder zur Verstärkung sozialer Ungleichheiten bei.

In zweifacher Hinsicht, so Bourdieu, bestehe aber prinzipielle Gleichwertigkeit zwischen den drei Kapitalsorten: Zum einen dienten sie alle dazu, die soziale Position des Einzelnen in der Hierarchie der gesellschaftlichen Klassen zu erhalten oder zu verbessern. Zum anderen ließen sich die Kapitalsorten ineinander umwandeln. So könne z. B. das erworbene Bildungskapital in Berufspositionen und damit in ökonomisches Kapital umgewandelt werden. Ökonomisches Kapital ließe sich wiederum in Geld umtauschen oder in Eigentumsrechten festschreiben. Darüber hinaus könne es die beiden anderen Kapitalsorten verstärken, etwa das soziale Kapital, da derjenige, der das notwendige Geld besitze, auch über ein umfangreiches Beziehungsnetz verfüge. Kurzum: Bourdieu versucht "die Gesetze zu bestimmen, nach denen die verschiedenen Arten von Kapital (oder, was auf dasselbe herauskommt, die verschiedenen Arten von Macht) gegenseitig ineinander transformiert werden" [16] .

Exemplarisch dafür stehen Bourdieus Arbeiten über die Eliten Frankreichs, die über informelle und fest etablierte Assoziationen verfügen wie die Eliten in keinem anderen Land der westlichen Welt. [17] Hoher Korpsgeist, fast identische Königswege im Bildungssystem und eine ähnliche soziale Herkunft zumeist aus der "Bourgeoisie" erhalten die homogene, sich selbst reproduzierende Elite, die über politische Zugehörigkeiten hinaus Klassencharakter annimmt. [18]

Das soziale Kapital einer solchen Elite manifestiert sich nicht nur in Förderungs- und Solidaritätsverpflichtungen oder im abgestimmten Ausschluss Gruppenfremder. Es trägt auch dazu bei, Transaktionskosten in Staat und Wirtschaft zu senken. Denn innerhalb des Eliten-Netzwerks erzeugt es Vertrauen, das unabhängig von der jeweils bekleideten Spitzenposition als Loyalitätsgarantie dient. Außerhalb des begünstigten Netzwerks kann dieses soziale Kapital aber auch Misstrauen erzeugen; denn die Grenze sozialen Kapitals wird durch normative Regeln und den öffentlichen Diskurs gezogen, der in Gefälligkeitsbanknoten, Vetternwirtschaft oder Seilschaften eine Verletzung universaler Normen sieht, die schlimmstenfalls in Korruption endet. [19]

Ganz in diesem Sinne haben Erwin und Ute Scheuch mit ihrer Analyse des wieder hochaktuellen "Kölner Klüngels" den Eliten in Deutschland ein Denkmal gesetzt [20] - "Cliquen" und "Connections", die seit den neunziger Jahren abermals die gesellschaftspolitische Diskussion prägen. Denn die hohe Empfindlichkeit in Medien und Öffentlichkeit gegenüber der Vorteilsnahme in den Topetagen von Politik und Wirtschaft resultiert nicht zuletzt aus dem verbreiteten Misstrauen in der Bevölkerung, dass das Leistungsprinzip gerade von denjenigen unterlaufen wird, die versprechen, dass man durch mehr Leistung seine individuelle Lage und das hinkende Wirtschaftswachstum verbessern könne. Das Stichwort der "politischen Verdrossenheit" entstand nicht zufällig in einer Zeit, als sich die Skandale um die Kohls, Landowskis und Rüthers im Zeitraffertempo aneinander reihten. [21]

Fußnoten

14.
Pierre Bourdieu, Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: Reinhard Kreckel (Hrsg.), Soziale Ungleichheiten, Sonderband 2 der Sozialen Welt, Göttingen 1983, S. 190 f.
15.
Auf die grundlegenden theoretischen Schwächen in Putnams Entwurf von sozialem Kapital als kollektivem Gut kann hier nicht weiter eingegangen werden. Vgl. dazu Sebastian Braun, Putnam und Bourdieu und das soziale Kapital in Deutschland. Der rhetorische Kurswert einer sozialwissenschaftlichen Kategorie, in: Leviathan, 29 (2001), S. 337 - 354.
16.
P. Bourdieu (Anm. 14), S. 184.
17.
Vgl. Pierre Bourdieu, La Noblesse d'Etat. Grandes écoles et esprit du corps, Paris 1989.
18.
Vgl. Sebastian Braun, Elitenrekrutierung in Frankreich und Deutschland, Köln 1999.
19.
Vgl. Anna Maria Dederichs, Das soziale Kapital der Leistungsgesellschaft. Emotionalität und Moralität in "Vetternwirtschaften", Münster u. a. 1999.
20.
Erwin K. Scheuch/Ute Scheuch, Cliquen, Klüngel und Karrieren. Über den Verfall der politischen Parteien, Reinbek 1992.
21.
Vgl. dazu Michael Vester u. a., Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung, Frankfurt/M. 2001, S. 100 ff.