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Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Jörn Leonhard

Prekäre Selbstversicherung. Die Weimarer Republik als Metapher und geschichtspolitisches Argument

Nachkriegsalarmismus

In der unmittelbaren Nachkriegszeit war die Erinnerung an die Weimarer Republik schon durch die biografische Verankerung vieler Politiker in den 1920er Jahren besonders prägend.[8] Zunächst dominierte der historisch-didaktische Versuch, aus dem Scheitern der Republik konkrete politische und zumal verfassungsrechtliche Lehren zu ziehen, die in die Ausarbeitung des Grundgesetzes für den westdeutschen Teilstaat einflossen und für die langfristige Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik an der sozialstaatlichen und föderalen Akzentuierung der Weimarer Reichsverfassung fest, standen die Fünfprozenthürde, die Mischung aus Mehrheits- und Verhältniswahlrecht, das konstruktive Misstrauensvotum und die Abdrängung plebiszitärer Elemente für eine kritische Absetzung gegenüber der ersten Republik und ihrer Unfähigkeit, stabile Mehrheiten zu produzieren.[9]

In der Zeitschrift "Die Gegenwart" formulierte der Schriftsteller und Journalist Robert Haerdter im März 1949 die Leitfrage der deutschen Nachkriegsgesellschaft: "Tatsächlich führt jede Überlegung immer wieder auf die Frage nach den Ursachen der deutschen Niederlage zurück, und diese konfrontiert uns unausweichlich immer wieder mit der Frage nach der Struktur der Weimarer Republik oder – weniger konstitutionell als politisch formuliert – mit der Gewissensfrage nach den Gründen, weshalb die Deutschen vor 1933 die Chance der Freiheit, die ihnen doch einmal gegeben war, so miserabel vertan und es dazu haben kommen lassen, dass die Misshandlung und endlich die Ausrottung der Freiheit selbst beinahe ihre bare Existenz als Volk aufs Spiel gesetzt hat."[10]

Die Schlussfolgerungen aus diesen Überlegungen mündeten in eine westdeutsche Kanzlerdemokratie, mit der man hoffte, eine Wiederholung des Katastrophenjahres 1933 unter allen Umständen zu verhindern, und diesem Ziel diente die Arbeit der Verfassungsväter und -mütter an der Funktionsfähigkeit des parlamentarischen Systems, etwa durch die reduzierten Machtbefugnisse des Bundespräsidenten, der keine Sondervollmachten wie der Reichspräsident mit seiner plebiszitär abgesicherten "Reserveverfassung" mehr haben sollte.[11] Auch die Neubegründung oder Neuentstehung milieuübergreifender Volksparteien wie der SPD oder der CDU und die Entwicklung einer demokratischen Grundüberzeugung der im Parlament vertretenen Parteien standen nach 1949 zunächst im Zeichen eines teils schrillen Alarmismus. Immer wurde daran erinnert, dass die Politiker der Bonner Republik eine Wiederholung des Weimarer "Wertrelativismus" verhindern müssten.[12]

Vor diesem Hintergrund erwiesen sich Versuche, nach 1945 direkt an die Entwicklung zwischen 1918 und 1933 anzuknüpfen, als kontraproduktiv. Im Parteiprogramm der wiedergegründeten Zentrumspartei vom Oktober 1945 war der Bezug auf die Weimarer Republik überdeutlich. Das Zentrum verwehre "seine Reihen all jenen, die aus Abneigung gegen Demokratie und sozialen Fortschritt den Untergang der ersten deutschen Republik bewirkt und dem Nationalsozialismus die Steigbügel gehalten haben (…) und reicht seine Hand all jenen, die mit ihm die zerstörte Weimarer Republik geehrt und gehütet haben".[13] Damit stellte sich die Partei als Verteidigerin der ersten deutschen Republik dar, während die neugegründete CDU dem Zentrum gerade wegen des Scheiterns der Republik Versagen vorwarf.

Das nachträgliche Bekenntnis des Zentrums half der Partei jedenfalls nicht, im Gegenteil. Für die neugegründeten Parteien der CDU und der Liberalen bildete die Abkehr von Weimar, die ausgesprochene Distanz zu den Parteien vor 1933, eine entscheidende Leitlinie. Die unterstellte oder selbst herausgestellte Nähe zur Weimarer Republik wirkte in den ersten Jahren nach 1945 auf die meisten Deutschen jedenfalls zutiefst abschreckend.

Für die SPD bestand nach 1945 die wichtigste Lehre aus dem Scheitern der Weimarer Republik vor allem in der nicht gelösten sozialen Frage, die im Grundgesetz nicht die Aufmerksamkeit erhielt, die die meisten Sozialdemokraten angestrebt hatten, um die Wiederholung einer Katastrophe wie 1933 zu verhindern. Der SPD-Abgeordnete Georg Diederichs betonte entsprechend Anfang 1949 vor dem Parlamentarischen Rat in Bonn: "Letzten Endes – das darf ich zum Schluss zu all den Argumenten sagen, die hinsichtlich des Versagens der Weimarer Republik angeführt worden sind – ist es die Nichteinlösung der sozialen Frage gewesen, die entscheidend zum Scheitern von Weimar beigetragen hat (…). Wir wissen ganz genau, dass all diese sozialen Probleme in unserem heutigen Grundgesetz nicht verankert sind." Die historische Perspektive erlaubte es, die Aufgaben des neuen Parlaments mit einer besonderen Bedeutung zu versehen.[14]

Die Omnipräsenz des Weimar-Vergleichs, die dauernde Bezugnahme auf die erste Republik und ihre Hypotheken, mochte historische Orientierung vermitteln, doch sie belastete die deutsche Nachkriegsgesellschaft auch. Die zum Teil einseitige Fixierung darauf, sich von Weimar abzugrenzen und die Gefährdungen einer Demokratie und des parlamentarischen Verfassungsstaates zu betonen, verstellte vielen Deutschen den Blick auf die nach 1945 grundlegend veränderten politischen und sozialen Bedingungen. Die Gefahr einer negativen Kontinuität oder gar einer Wiederholung, die sich mit der Präsenz Weimars in der neu entstehenden politischen Kultur Westdeutschlands verband, provozierte bei vielen Deutschen heftige Abwehrreaktionen und vertiefte das Misstrauen gegenüber der neuen Demokratie der Bundesrepublik. Die Weimarer Republik war aus dieser Perspektive keine abgeschlossene Geschichte, sondern reichte unmittelbar in die Gegenwart hinein. Zugleich fehlten in der Bundesrepublik zunächst positive Erfahrungen mit der neuen Demokratie, die den alarmistischen Blick auf die Kontinuität der Gefährdungen hätten eindämmen oder gar durchbrechen können.

Als der Historiker Karl Dietrich Bracher 1955 seine Studie über die "Auflösung der Weimarer Republik" publizierte, konstatierte er kritisch, dass es "kaum eine Maßnahme" gebe, "kaum eine Diskussion, kaum ein Werturteil im Bereich der gegenwärtigen Politik, die nicht auf das Beispiel der Weimarer Republik hin bezogen und an ihren ‚Lehren‘ gemessen werden".[15]

Fußnoten

8.
Vgl. Jürgen Falter, Kontinuität und Neubeginn. Die Bundestagswahl 1949 zwischen Weimar und Bonn, in: Politische Vierteljahresschrift 3/1981, S. 236–263.
9.
Vgl. Dietmar Schirmer, Ist Bonn Weimar ist Berlin? Die Weimarer Republik als symbolisches Dispositiv der deutschen Nachkriegsdemokratien, in: Friedrich Balke/Benno Wagner (Hrsg.), Vom Nutzen und Nachteil historischer Vergleiche. Der Fall Bonn – Weimar, Frankfurt/M. 1997, S. 125–146, hier S. 131f.
10.
Robert Haerdter, Courage, Furcht und Konventionen, in: Die Gegenwart 5/1949, S. 5f., hier S. 5, zit. nach Sebastian Ullrich, Im Schatten einer gescheiterten Demokratie. Die Weimarer Republik und der demokratische Neubeginn in den Westzonen 1945–1949, in: Heinrich August Winkler (Hrsg.), Griff nach der Deutungsmacht. Zur Geschichte der Geschichtspolitik in Deutschland, Göttingen 2004, S. 185–208, hier S. 185.
11.
Vgl. Friedrich Karl Fromme, Von der Weimarer Verfassung zum Bonner Grundgesetz. Die verfassungspolitischen Folgerungen des Parlamentarischen Rates aus Weimarer Republik und nationalsozialistischer Diktatur, Tübingen 1960; Peter Unruh, Weimarer Staatsrechtslehre und Grundgesetz. Ein verfassungstheoretischer Vergleich, Berlin 2004.
12.
Vgl. Ullrich (Anm. 10), S. 206.
13.
Zit. nach Ossip Flechtheim (Hrsg.), Dokumente zur parteipolitischen Entwicklung in Deutschland seit 1945, Bd. 2, Berlin 1963, S. 244.
14.
Deutscher Bundestag/Bundesarchiv (Hrsg.), Der Parlamentarische Rat 1948–1949. Akten und Protokolle, Bd. 9: Plenum, München 1996, S. 368.
15.
Karl Dietrich Bracher, Die Auflösung der Weimarer Republik. Eine Studie zum Problem des Machtverfalls in der Demokratie, Düsseldorf 19845, S. XXI.
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Autor: Jörn Leonhard für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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