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5.6.2002 | Von:
Frank Bertsch

Staat und Familien Familien- und Kinderarmut in Deutschland

Familien verantworten Lebensentwürfe und Alltagsbewältigung selbstständig, sind jedoch keineswegs autonom. Die benötigten Rahmenbedingungen sind nicht hinreichend gegeben. Es gibt in Deutschland einen breiten unteren Rand von prekären Lebenslagen von Familien.

I. Familien als Träger des Gemeinwesens

Familien haben viele Gesichter. Je nach der Perspektive werden sie sehr unterschiedlich wahrgenommen. In ihrer Bedeutung für das Gemeinwesen sind sie anders zu beschreiben als aus persönlichen Erfahrungen und Empfindungen.


Familien bilden eine Reihe kleiner leistender Gemeinschaften in "Familiennetzen", die ihre Lebensentwürfe in der Generationenfolge selbst verantworten und ihren Alltag selbst bewältigen. Sie agieren selbstständig, sind jedoch keineswegs autonom. Sie erbringen unter dem Einsatz ihrer humanen und materiellen Ressourcen Leistungen, wobei sie die sie umgebenden privaten und sozialen, marktlichen und kommunalen Infrastrukturen nutzen. Familien erbringen für ihre Kinder Leistungen der Betreuung, Erziehung und Bildung und haben zugleich einen zunehmenden Bedarf an externer Ergänzung und Unterstützung. Sie prägen spezifische Haushalts- und Lebenstile aus und passen diese an veränderte Lebensbedingungen an. Sie entwickeln sich in der Kontinuität lebenslanger Prozesse. In ihren Lebensläufen entstehen Brüche und Neuorientierungen. Ihre Lebensentwürfe sind offener, flexibler und vielfältiger geworden, zugleich aber risikoreicher und weniger stabil. [1]

Piorkowsky umreißt die Funktionen der Familienhaushalte (privaten Haushalte) sehr prägnant. "Private Haushalte, insbesondere Familienhaushalte, sind in mehrfacher Hinsicht die grundlegenden Subsysteme von Wirtschaft und Gesellschaft: Sie sind Anbieter von Produktionsfaktoren und Nachfrager von Konsumgütern sowie Produzenten personaler Pflege- und Versorgungsleistungen für die Haushaltsmitglieder, sie treffen Entscheidungen über die Familienbildung und den Generationenverbund sowie über die Bildung von Human-, Geld- und Sachvermögen, sie sind primäre Sozialisationsinstanzen für die nachwachsende Generation und Stätten der Alltagskultur sowie Elemente basaler politischer Strukturen und Prozesse. Insofern sind Privathaushalte die wirkliche Grundlage von Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur und entscheidende Träger regionaler wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung." [2]

Auf der einen Seite sind Familien für eine selbstverantwortende Gesellschaft, für eine marktwirtschaftliche Verfassung und für einen demokratischen Staatsaufbau konstitutiv. Auf der anderen Seite erfordern ihre Existenzbedingungen die Ausbildung einer Kultur- und Sozialstaatlichkeit, die Strukturen mit der Emanzipation der Frauen nachhaltiger abstimmt, die Leistungsentfaltung der Familienhaushalte fördert und Kindern und Jugendlichen gleiche Bildungschancen sichert. Die Erfüllung des freiheitlichen Gesellschaftsvertrags beruht auf einer Balance effizienter gegenseitiger Leistungsbeiträge. Das Niveau der Beiträge ist auf beiden Seiten entwicklungsfähig. Eine Balance ist noch längst nicht erreicht. Verbessert werden muss vor allem das Qualitätsmanagement der Gesellschaftspolitik.

Fußnoten

1.
Vgl. Elfter Kinder- und Jugendbericht, Bericht der Sachverständigenkommission über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland, Vorabdruck des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), Berlin 2002, B.II.1.1.1 Familiale Lebensformen heute, S. 204 ff.
2.
Vgl. Michael-Burkhard Piorkowsky, Präventive Einkommens- und Budgetberatung. Das Bundes- und Landesmodellprojekt in Rostock - Evaluationsbericht, Deutsche Gesellschaft für Hauswirtschaft (Hrsg.), Materialien Band I, Bonn 2000, S. 40.