Palmen im Sturm. Hurrikan Irma trift auf die US-Küste bei Palm Beach/Florida, 10.09.2017.

18.5.2018 | Von:
Gabriele Dürbeck

Das Anthropozän Erzählen: fünf Narrative

Konzept und Periodisierung

Obgleich das Konzept des Anthropozän im Jahr 2000 in der Wissenschaft etabliert worden ist, gibt es bereits im späten 19. und 20. Jahrhundert eine Reihe von Vorläuferkonzepten wie die "era anthropozoica" (1873, Antonio Stoppani), das "psychozoic era" (1877, Joseph Le Conte), die Rede vom "Menschen als einem geologischen Agenten" (1913, Vladimir I. Vernadsky) oder die Idee eines "anthropogene" (1922, Alexei Pavlov), eines "anthrocene" (1992, Andrew C. Revkin) beziehungsweise eines "Anthropozoikum" (1995, Hubert Markl).[8]

Seit 2009 berät eine 38-köpfige interdisziplinär zusammengesetzte Anthropozän-Arbeitsgruppe der International Commission on Stratigraphy (ICS) unter der Leitung des Paläobiologen Jan Zalasiewicz darüber, das Anthropozän als neue geologische Epoche auszurufen. Auch wenn eine endgültige Entscheidung und die vollständige wissenschaftliche Absicherung der Hypothese durch robuste stratigrafische Daten, das heißt den Nachweis menschlicher Spuren in den geologischen Gesteinsschichten, noch ausstehen, wurde im August 2016 ein erster Meilenstein erreicht. Auf dem 35. Kongress der Geological Society wurde mit einer klaren Mehrheit der Arbeitsgruppe verkündet, dass wir uns jetzt im Anthropozän befinden.[9] Prominente Wissenschaftler weisen dieser Hypothese einen vergleichbaren Stellenwert zu wie Galileis kosmologischer Revolution, Darwins Evolutionstheorie oder Freuds Psychoanalyse.[10]

Auffallend ist, dass in einem Großteil der Publikationen eine Datierung des Beginns der neuen geologischen Epoche erörtert wird. Nicht durchgesetzt hat sich die Annahme, das Anthropozän bestehe seit der neolithischen Revolution vor rund 11.700 Jahren. Die drei derzeit meistdiskutierten Marker für den Beginn der neuen Erdepoche sind: a) das Jahr 1610 aufgrund der bereits ein Jahrhundert nach der Eroberung Nord- und Südamerikas massiven Veränderungen des Landes;[11] b) die Erfindung der Dampfmaschine durch James Watt um 1784 und die dadurch ausgelöste Industrielle Revolution im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert;[12] und c) der "Eintritt ins Nuklearzeitalter" mit der Phase der Hochindustrialisierung nach Ende des Zweiten Weltkrieges, die wegen der exponentiell ansteigenden sozioökonomischen Trends auch als "great acceleration" bezeichnet wird.[13] Letzteres wird von Naturwissenschaftlern als die überzeugendste Datierung angesehen.[14]

Neben dem Niederschlag von radioaktivem Material in der Atmosphäre infolge von Atomwaffentests gehören unter anderem der weltweite Gebrauch von synthetisierten Düngemitteln, die Ausbreitung von Aluminium, Schwermetallen, Technofossilien und Plastik, besonders in Form von Mikroplastikteilchen, die die regionalen Gewässer und Weltmeere verschmutzen und in die Nahrungskette gelangen, zu weiteren Faktoren, die nach Tausenden von Jahren noch in den Sedimenten nachweisbar sein werden. Die geologische Datierung des Anthropozän auf die Zeit der signifikanten "großen Beschleunigung" seit 1950 wird mit dem Ruf nach einem verantwortungsvollen Handeln verbunden. Doch besteht eine bedeutende Lücke zwischen dieser recht abstrakten Verantwortung für eine unüberschaubare Zukunft und der Mobilisierung von Individuen, Gruppen, Staaten oder gar einer Weltgemeinschaft.

Bemerkenswert ist nun, dass das Anthropozän in den wissenschaftlichen Texten und Medien häufig als ein Narrativ präsentiert wird, also als eine Erzählung mit Protagonisten, Ereigniskette und Plot mit Ursache-Wirkungs-Verhältnissen sowie einer spezifischen räumlichen und zeitlichen Struktur, die der Sinnstiftung dienen. Der Protagonist dieser Geschichte ist durchaus ungewöhnlich – es ist nämlich die menschliche Spezies. Damit erscheint das Anthropozän als ein Narrativ, das erstens die Menschheit als geophysikalische Kraft begreift, zweitens eine tiefenzeitliche Zeitdimension aufweist, drittens eine planetarische Perspektive auf die globale Umweltkrise wirft, viertens eine Nicht-Trennbarkeit von Natur und Kultur annimmt und fünftens daraus eine ethische Verantwortung des Menschen für das Erdsystem ableitet.

Fußnoten

8.
Vgl. ebd., S. 311.
9.
Vgl. Damian Carrington, The Anthropocene Epoch: Scientists Declare Dawn of Human-Influenced Age, in: The Guardian, 29.8.2016.
10.
Zum Beispiel Will Steffen et al., The Anthropocene: Conceptual and Historical Perspectives, in: Philosophical Transactions of the Royal Society A 369/2011, S. 842–867, hier S. 862; Bruno Latour, Agency at the Time of the Anthropocene, in: New Literary History 45/2014, S. 1–18, hier S. 3f.
11.
Vgl. Simon L. Lewis/Mark A. Maslin, Defining the Anthropocene, in: Nature 519/2015, S. 171–180.
12.
Vgl. Paul J. Crutzen/Will Steffen, How Long Have We Been in the Anthropocene Era?, in: Climatic Change 3/2003, S. 251–257.
13.
Vgl. Jan Zalasiewicz, Die Einstiegsfrage: Wann hat das Anthropozän begonnen?, in: Jürgen Renn/Bernd Scherer (Hrsg.), Das Anthropozän, Berlin 2015, S. 160–180.
14.
Vgl. Will Steffen et al., The Trajectory of the Anthropocene: The Great Acceleration, in: The Anthropocene Review 1/2015, S. 81–98.
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Autor: Gabriele Dürbeck für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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