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Zum Verhältnis von Wissenschaft, Technologie und Globalisierung in der arabischen Welt


22.5.2002
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gab es zahlreiche bewundernde Reaktionen in der arabischen Welt, die so viel Befremden im Westen ausgelöst haben. Allerdings sind sie keineswegs Ausdruck von Schadenfreude.

I. Einleitung



Nach den Attentaten vom 11. September 2001 gab es bewundernde Reaktionen in der arabischen Welt, die man sich im Westen schwerlich erklären konnte: Tanzten arabische Bürger wirklich aus Schadenfreude in den Straßen?Eine Diskussion über die Echtheit der Bilder, die tanzende Palästinenser in den Besetzten Gebieten zeigten, ergab, dass die Bilder zwar nach den Attentaten aufgenommen worden waren, aber in ihrer ständigen Wiederholung auf CNN zu einem verzerrten Bild der Wahrnehmung arabischer Reaktionen führte. Wurden wir nun endlich Zeugen des ,clash of civilizations'? Oder drückten die Opfer von Gewalt und Vertreibung in der Region nur ihre Hoffnung auf mehr Empathie und Mitgefühl aus?

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  • Im Folgenden soll die These ausgeführt werden, dass diese Reaktionen nach den Anschlägen darauf zurückzuführen sind, dass sich grosse Teile der arabischen Welt von Globalisierungsprozessen ausgeschlossen fühlen. Diese Position kann man durchaus begründen, wie der amerikanische Politologe Richard Falk in einem für das Verständnis des 11. Septembers unerlässlichen Beitrag über die "Geopolitik des Ausschlusses" ausführt, aber für die Bereiche Wissenschaft und Kultur kann sie zum Selbst-Ausschluss führen, da eigene Rückwirkungen auf westliche Kulturen ignoriert werden.Vgl. Richard Falk, False Universalism and the Geopolitics of Exclusion: The Case of Islam, in: Third World Quarterly, 18 (1997) 1, S. 7 - 23. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Bewunderung nicht dem terroristischen Massenmord galt, sondern der Perfektion seiner Ausführung und der medialen Bildwirkung, d. h. der Beherrschung so genannter westlicher Technologien. Die taktische Brillanz, die bewusst oder unbewusst keinem Beobachter entging und in Europa zu einigen intellektuellen Entgleisungen führte,Der deutsche Komponist Stockhausen sprach vom "größten Kunstwerk, das es je gegeben hat ... Stellen Sie sich vor, ich könnte jetzt ein Kunstwerk schaffen und Sie wären alle nicht nur erstaunt, sondern Sie würden auf der Stelle umfallen, Sie wären tot und würden wiedergeboren, weil es einfach zu wahnsinnig ist", in: Die Zeit vom 27. 9. 2001. Der französische Philosoph André Glucksmann sieht in Ben Laden eine ähnliche Figur wie Attila oder Dr. Mabuse: "Die Selbstmordpiloten, die sich über Manhattan zum Absturz bringen, bilden eine besondere Elite - wie früher die Freikorps der preußischen Offiziere oder die Zellen der Berufsrevolutionäre bei Teschernischewski und Lenin. Diese Praktiker der Apokalypse haben die surrealistische Methode zu einem Grad unerreichbarer Wirksamkeit entwickelt. Unsere Kamikaze-Piloten machen aus einem Linienflugzeug eine Atombombe - mit der Ungeniertheit, mit der Duchamp aus einem Urinoir ganz einfach dadurch ein Kunstwerk machte, dass er es in einer Galerie ausstellte." (Glucksmann, zit. in: Wolf Lepenies, in: Süddeutsche Zeitung vom 22. 3. 2002.) inkludierte die arabische Welt für einen kurzen Moment. "Its essence consisted in transforming the benign everyday technology of commercial jet aircraft into malignant weapons of mass destruction ... It involves the comprehensive vulnerability of technology so closely tied to our global dominance, pervading every aspect of our existence."Richard Falk, Fearing the Aftermath. Published on the Website of the Nuclear Age Peace Foundation. www.wagingpeace.org/articles/01.09/010917falk.htm. 2002.

    Die allgemeine Anerkennung in der arabischen Welt galt den Elitestudenten, die erfolgreich im Westen studiert hatten und offensichtlich westliche Technologien meisterten. Jemand aus der Mitte ihrer Gesellschaft war so gut integriert, dass man ihn "Schläfer" nannte. Die gesteigerte Ablehnung alles Westlichen ist die Kehrseite des Wunsches nach Integration und Teilhabe an den Verheißungen der Moderne und sogar des American Way of Life, wie man unschwer an arabischer Popkultur erkennen kann. Die arabische Bewunderung für die Attentäter mischte sich mit Äußerungen der Unterlegenheit: So wurde immer wieder betont, dass Osama Ben Laden nicht der Verantwortliche sein könne, da Muslime keinen Zugang zu den nötigen Technologien hätten (verschlüsselte Bildnachrichten via Internet; Flugsimulatoren; Transaktionen an der New Yorker Börse etc.).

    Nicht nur in islamisch geprägten Gesellschaften haben die technologischen Innovationen des 20. Jahrhunderts Misstrauen und Verunsicherung hervorgerufen. Weltweit wird Wissenschaft als ein Phänomen wahrgenommen, das nach Hobsbawm vier Gefühlsvarianten hervorruft: Wissenschaft sei unverständlich; ihre praktischen (wie auch moralischen) Folgen seien unvorhersehbar und wahrscheinlich katastrophal; sie fördere die Hilflosigkeit des Individuums und untergrabe Autorität; und sie sei von Natur aus gefährlich, weil sie die natürliche Ordnung der Dinge durcheinander bringe.Vgl. Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 1999, S. 654. Ängste dieser Art haben ihren ganz rationalen Hintergrund im Gebrauch und Missbrauch der Errungenschaften moderner Wissenschaft im 20. Jahrhundert. Sie gehen einher mit Fortschrittsgläubigkeit und blindem Vertrauen in die Verbesserung der Lebensqualität durch moderne Technologien. Der Westen ist Vorbild und Abschreckung zugleich, seine Technik und die von ihr geförderte Globalisierung haben das Potenzial, zu befreien und zu unterjochen. Wer die Debatte um Globalisierung in der arabischen Welt verfolgt, erkennt schnell, dass keinesfalls allein islamische Fundamentalisten Globalisierung als Exklusion aus der Weltgesellschaft verstehen.Vgl. hierzu Samir Amin/Burhan Ghaliun, Kultur der Globalisierung und Globalisierung der Kultur (arabisch), Damaskus 1999; Center for Arab Unity Studies (CAUS), Strategie zur Entwicklung und Perfektionierung der Wissenschaften der arabischen Welt (arabisch), Beirut 1989; Sherif Hetata, Dollarization, Fragmentation, and God, in: Fredric Jameson/Masao Miyoshi (Hrsg.), The Cultures of Globalization, Durham 1998, S. 273 - 290; Ossama al-Kholy (Hrsg.), Die Araber und Globalisierung (arabisch), Beirut 1998; Gamil Mattar, Globalisierung,... Unausweichliches und Dummheiten (arabisch), in: Standpunkt (arabisch), Nr. 9, Juli 1999, S. 46 - 52.

    Der Tübinger Politologe Martin Beck begründet den Widerstand der Staatseliten gegen Globalisierungsprozesse als rationale Entscheidung, da diese so ihre Machtstellung sichern wollen, die bei einer Teilnahme am System der Globalisierung (Demokratisierung von Information, Technologie und Finanzen) verloren ginge.Vgl. Martin Beck, Globalisierung als Bedrohung: die Globalisierungsresistenz des Vorderen Orients als Ausdruck rationaler Reaktionen der politischen Eliten auf die neuen Entwicklungen im internationalen System, in: Henner Fürtig (Hrsg.), Islamische Welt und Globalisierung. Aneignung, Abgrenzung, Gegenentwürfe, Würzburg 2001, S. 53 - 85. Unterhalb der Schicht der Staatselite gibt es jedoch gesellschaftliche Gruppen, die von dieser negativen Entscheidung betroffen sind und die für sie keine rationale Option darstellt: Für Natur- und Sozialwissenschaftler führt die Isolation von freiem Informationsfluss sowie offenem Dialog zu einer Marginalisierung, die ihre eigene Position schwächt. Ihre Forschung kann nur in geringem Maße auf weltweiten Forschungsergebnissen aufbauen. Ihre Ergebnisse und Theorien werden selten in internationalen Foren diskutiert und finden so wenig Möglichkeiten der Kommentierung oder Korrektur, geschweige denn der Verbreitung.

    Die Diskussion um die Übernahme moderner Technologien als eines der drei Kernstücke von Globalisierung ist stark geprägt von Fragen nach Identität, Selbstbestimmung und Abgrenzung, denn Wissenschaft und Forschung sind kulturelle Lernprozesse. Innovationen hängen nicht nur von den zur Verfügung stehenden Forschungsressourcen ab, sondern ebenso vom soziokulturellen Umfeld. Technologietransfer bedeutet nicht nur den Verkauf bestimmter Anlagen und Maschinen, sondern in erster Linie den Transfer von Wissen. Mit ihm kommen Menschen, die dieses Wissen vermitteln sollen und ihre eigenen Wertvorstellungen mitbringen. So sind die ausländischen Ingenieure, die in saudischen Ölraffinerien arbeiten, der Gesellschaftsmehrheit genauso ein Dorn im Auge wie die amerikanischen Soldaten und Soldatinnen samt ihrer Militärpriester und -rabbis, die seit dem Zweiten Golfkrieg in Saudi-Arabien stationiert sind.

    Die Debatte um Wissenschaft, Globalisierung und Technologietransfer geht zumeist von einem sozio-zentrischen Technologieverständnis aus, d. h., die Gesellschaft formt ihre Technologie und die Technologie formt ihre Gesellschaft. So führte Ali Eddin Hillal Dessouki aus, dass Technologie ein soziales Produkt sei, das man nicht von einer Gesellschaft in die andere transportieren könne. Folglich solle man nicht von ,Technologietransfer' sprechen, sondern von ,Technologieanpassung'. Essentiell für einen erfolgreichen Transfer von modernen Technologien seien informelle Formen des Transfers wie Konferenzen, Publikationen oder der Austausch von Wissenschaftlern und Experten untereinander.Vgl. Ali Eddin Hillal Dessouki, Politische und soziale Aspekte von Technologietransfer in der arabischen Welt (arabisch), in: Die arabische Zukunft (arabisch), 3 (1982) 37, S. 108 - 114.