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Zivile oder herrschaftliche Religion?

Fundamentalismus, Religionsfreiheit und die Verantwortung des zivilen Staates

22.5.2002

I. Von der herrschaftlichen Religion zur Zivilgesellschaft



Soziale Systeme können sich nur bilden und erhalten, wenn sie bestimmte Leistungen erbringen. So müssen sie sich an äußere Anforderungen, etwa materielle Bedingungen, anpassen und die Fähigkeit entwickeln, Ziele zu verfolgen, sie müssen sich integrieren und gemeinsame latente Wertmuster erhalten. [3] Die Integration, aber auch die Erhaltung gemeinsamer Wertmuster wurden in entwicklungsgeschichtlich alten Gesellschaften in der Hauptsache über religiöse Kulturen erreicht. Diese sicherten - ausgehend von der Erfahrung der Unbeherrschbarkeit der Umwelt - gemeinsame Interpretationsmuster und Verhaltensnormen. Religion, die auf diese Weise integrativ wirkt, hat traditionell auch Herrschaftscharakter, da sich die Angesprochenen nicht nur Normen, sondern auch deren religiösen Vermittlern unterordnen. Religion ist damit in alten Gesellschaften grundsätzlich herrschend, Herrschaft grundsätzlich religiös fundiert.

Hierarchie im ursprünglichen Sinne der Priesterherrschaft [4] stößt allerdings in dem Maße an Leistungsgrenzen, wie die Integrationsansprüche wachsen. Differenziert sich eine Gesellschaft in funktionale Subsysteme wie Wirtschaft, Wissenschaft, Recht und Politik aus, so werden die Integrationsanforderungen schwieriger. Die Subsysteme kommunizieren nämlich selbstbezogen in für sie spezifischen Codes und nehmen ihre Operationen gegenseitig nur in ihren eigenen Codes oder als systemfremde Intervention in ihre Struktur wahr. Religiöse Glaubenssysteme und Rituale können zwar auch in diesem Rahmen wichtige Funktionen erfüllen. So geben sie dem Gläubigen Trost und Halt, lindern die Angst vor einer unberechenbaren Zukunft, insbesondere die Angst vor dem Tode, und tragen häufig zum sozialen Einkommensausgleich bei. Viele Leistungen, die in alten Gesellschaften allein die herrschaftliche Religion erbrachte, werden nun aber auch oder vollständig von anderen Subsystemen der Gesellschaft übernommen. So vollzieht sich Herrschaft in modernen Zivilgesellschaften vermittelt über ein speziell institutionalisiertes System demokratischer Selbstbestimmung und ein eigenständiges Rechtssystem, in denen unterschiedliche Alternativoptionen gleichberechtigt vertreten werden können und damit Pluralität möglich ist. Dieser Übergang kann zwar vorübergehend zu Integrationsproblemen führen. Im Allgemeinen aber übersteigt die Wohlfahrt moderner Zivilgesellschaften, in denen Pluralität und funktionale Differenzierung bestehen, die Wohlfahrt wenig differenzierter, religiös beherrschter Gesellschaften bei weitem.

Die wachsende gesellschaftliche Leistungsfähigkeit von Zivilgesellschaften schlägt sich zudem in wachsenden Potenzialen der Naturbeherrschung beziehungsweise der kontrollierten Umweltpflege nieder. Dies steht in zunehmend sichtbarem Gegensatz zu der religiös tradierten Vorstellung des ausgelieferten, dementsprechend hingebungsvoll gläubigen oder aber verlorenen Menschen. Schließlich entwickeln sich neben der Religion zunehmend weltliche Konkurrenzsphären kultureller Integration, so zivile Orientierungsmuster und staatlich gestützte Integrationspolitiken. Religion verliert daher im Zuge der Modernisierung im Allgemeinen ihre übergeordnet-herrschaftliche Stellung und wird zu einem Teil der pluralistischen Zivilgesellschaft, wird zivile Religion.

In Europa hat sich diese Entwicklung ausgehend von der christlich-augustinischen Gottesordnung über die Herausbildung eines eigenständigen Staates und dessen schrittweise Demokratisierung und Pluralisierung in mehr als fünfzehnhundert Jahren vollzogen. Erst seit dem späten Mittelalter differenzierte sich die zunächst nur von Mönchen getragene, religiös inspirierte Wissenschaft in eigenständige Wissenschaften aus: von der Medizin und Rechtswissenschaft bis hin zu den Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften. Mit dem Absolutismus kam ein von der Kirche weitgehend unabhängiges Staatswesen auf, und erst mit der Aufklärung, der Französischen Revolution und der neueren Ausbildung von Parteien, Verbänden, und politisch-gesellschaftlicher Öffentlichkeit entwickelte sich der demokratische Rechtsstaat. Die moderne pluralistische Zivilgesellschaft wurde also gegen viele Widerstände in einem langen und schwierigen Prozess errungen.

Angesichts dieser Entwicklung des Zivilstaats in Europa lässt sich erahnen, welche Schwierigkeiten dem Abbau herrschaftlicher Religion in jenen Teilen der Welt entgegenstehen, in denen Modernisierung als erzwungener kultureller Import aufgefasst wird oder nur partiell zustande gekommen ist. Dies gilt auch und gerade für die muslimische Welt. Der im Arabien des 7. Jahrhunderts entstandene Koran, der von allen Moslems als göttliches Buch verehrt und befolgt wird, enthält nämlich Verhaltensnormen zu vielen Lebens- und Gesellschaftsbereichen. Hierzu gehören neben Normen zum Verhalten der Gläubigen untereinander allgemeine gesellschaftliche Normen, beispielsweise zum Umgang zwischen Mann und Frau, und schließlich Gebote und Verbote im Verhältnis zu Nichtgläubigen, also zu Menschen, die sich erklärtermaßen nicht als der islamischen Religion zugehörig betrachten. Diese normativen Glaubens- und Verhaltenssätze des Koran werden durch weitere Texte mit herrschaftlich-religiösem Anspruch, insbesondere die Rechtssammlung der Sharia, ergänzt. Bei allen Unterschieden zwischen den islamischen Staaten Arabiens, anderer Teile des Nahen und Mittleren Ostens wie des Iran, Afrikas wie dort des Sudan oder des nördlichen Nigeria und des Fernen Ostens wie Indonesien und Malaysia ergibt sich damit im Islam eine grundsätzliche Spannung zwischen herrschaftlich (theokratischer) Religion einerseits und Ansätzen des Zivilstaates andererseits. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Entstehung von religiösem Fundamentalismus nicht ohne Analyse der jeweils zugrunde liegenden Religion verstanden werden kann.


Fußnoten

3.
Vgl. hierzu eine jahrzehnte lange systemtheoretische Diskussion im Anschluss an Talcott Parsons, The Social System, Glencoe, Ill. 1951; aktuell insbesondere Helmut Willke, Sys‘temtheorie I: Grundlagen, Stuttgart 1997² und Richard Münch, Die Struktur der Moderne. Grundmuster und differentielle Gestaltung des institutionellen Aufbaus der modernen Gesellschaften, Frankfurt/M. 1992.
4.
Das Wort Hierarchie setzt sich etymologisch aus den beiden Teilen hieros (altgriechisch: heilig, Priester) und archein (altgriechisch: herrschen) zusammen.