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22.5.2002 | Von:
Thomas Ahbe
Michael Hofmann

"Eigentlich unsere beste Zeit" Erinnerungen an den DDR-Alltag in verschiedenen Milieus

IV. Potenzielle Millionäre - Erinnerungen von Selbstständigen an die achtziger Jahren

Die gleichaltrigen Angehörigen des Mittelstandes haben andere Erinnerungen. Für sie waren die fünfziger Jahre wahrlich keine goldenen Jahre. Die Gesellschaftskonzeption der SED-Führung sah vor, dass der Selbstständige, der Unternehmer, ja selbst der private Kleinhändler als sozialer Typ verschwinden sollte. In der Propaganda wurden die Selbstständigen als Relikte vergangener Zeiten und als Hemmnis der "politisch-ideologischen Entwicklung" stereotypisiert. Wirtschaftlich wurde der Mittelstand in der DDR durch beschränkte Mittel- und Warenzuweisung, durch den staatlichen Durchgriff auf die Preise, Löhne und Mieten und nicht zuletzt durch die restriktive Steuerpolitik arg bedrängt. Arbeiteten im Jahr 1950 noch zwanzig Prozent der Erwerbstätigen als Selbstständige oder mithelfende Familienangehörige, waren es in den achtziger Jahren nur noch fünf Prozent. Und dennoch gibt es auch in den Erinnerungen von DDR-Mittelständlern goldene Jahre. Sie begannen Ende der siebziger Jahre. Der vorangegangene, auf die Entwicklung der Konsum- und Dienstleistungsangebote gerichtete Politikwechsel, führte auch zur Rücknahme einiger Restriktionen gegen die übriggebliebenen Selbständigen. Eine vollständige Verstaatlichung von Handwerk, Handel und Dienstleistungen hatten sie nicht mehr zu befürchten. Zudem spielten Selbstständige, Handwerker und Händler in der sich ausbreitenden Schattenökonomie eine immer wichtigere Rolle, so dass die Zahl der Selbstständigen wieder leicht anstieg. Über ihren Alltag in den achtziger Jahren erzählt Frau G., eine ehemalige Kommissionshändlerin für Obst und Gemüse:

"Wir hatten ja einen guten Stand beim Großhandel. Aber wir verließen uns nicht auf die Lieferungen. Der Peter fuhr jeden Morgen selbst in die Markthalle und holte das frische Obst und Gemüse. Da hat er immer mal was Extra besorgt. Ich hab das dann in Tüten gepackt und jeder von unserer Stammkundschaft bekam eine Tüte zugesteckt. Die wussten das schon, da hat keiner gefragt, was drin ist, alle haben sie bezahlt und sich zu Hause überraschen lassen. Die Stammkunden wussten, was sie an uns hatten. Es gab aber auch ganz unangenehme Kunden, die kamen in den Laden - der Laden war ja immer voll - und haben laut gefragt: ,Na, Frau G., ham se denn was Besonderes geliefert bekommen?' Und wenn der Laden voll war, dann wurden manchmal auch die anderen Kunden rabiat: ,Ach, hier wird wohl nur an gute Kunden verkauft?' und so. Manchmal habe ich ganz schön geschwitzt. Oder sie kamen ins Büro hinten und haben gebettelt: ,Frau G., wir haben doch Jugendweihe. Können sie mir nicht ein paar Pilze oder irgendein Edelgemüse besorgen?' Das nahm dann immer mehr überhand, zum Schluss gab es ja auch nichts mehr. Damals hatte eigentlich jeder so seine Spezialität. Der Jürgen, das war der Wirt von den ,Linden', der hat uns immer zum Spanferkelessen eingeladen. Der hatte Verbindungen zur LPG in K. und bekam immer mal ein überzähliges Ferkel ab. Montags, wenn wir den Laden zu hatten, da hatte die Gaststätte auch Ruhetag und da haben wir uns meist getroffen. Und Günther, das war der mit der Vulkanisierwerkstatt, der war Jäger. Mit dem hatten wir ja zusammen das Grundstück draußen in N. Und dort war er auch im Jagdverein. Der hatte einen Waffenschein, und manchmal durfte er das erlegte Vieh zum Eigenbedarf mitnehmen. Die Rosi hat dann draußen im Grundstück gespickten Rehrücken gemacht. Ich war berühmt für meine Mandarinentorte. Dafür nahm ich immer die Früchte aus der Büchse. Da waren die Scheiben geschält, die waren unheimlich zart. Ich habe einen Biskuitboden gebacken, nicht so hoch, Sahne drauf und dann die Mandarinen und einen Schokorücken gemacht. Und für diese Torte war ich bekannt. War eine schöne Zeit damals, eigentlich unsere beste."

Die goldenen Jahre, von denen Frau G. hier erzählt, blieben dennoch bescheidene Jahre. Sie berichtet von gutem Essen, Gemeinschaft und Geselligkeit mit anderen Einzelhändlern und Gewerbetreibenden und von sozialer Anerkennung durch die Stammkunden. Nicht die Anhäufung von Geld, sondern die Sicherheit und Anerkennung ist ihr Thema. Die eigene Lebenswelt wirkte jetzt endlich sicher; in den fünfziger und sechziger Jahren hatte Frau G. immer befürchtet, dass sie das Geschäft und Grundstück nicht von ihrer Tante würde erben können und stattdessen enteignet würde. Das war nun überstanden, und auch die Geschäfte selbst gingen besser. Traditionelle Muster einer harmonieorientierten Lebenswelt mit "fleißiger Arbeit", mit "gespicktem Rehrücken", "Mandarinentorte" und Geselligkeiten in der "Linde" wurden durch die politischen und ideologischen Verhältnisse nicht mehr gestört.

Vom wirtschaftlichen und finanziellen Gewinn der Selbstständigen und Kleinhändler in der DDR der achtziger Jahre erzählt Frau G. an einer anderen Stelle:

"Gegenüber Günther waren wir natürlich Waisenknaben. Der verdiente bestimmt das Dreifache. Er selbst war ja gar nicht Meister, die Geschäftsinhaberin war Rosi. Sie hatte sich 1978 selbstständig gemacht und die Reifenbude in der Langen Strasse übernommen. Damals ging das relativ problemlos. Rosi saß im Büro und Günther vulkanisierte. Es gab ja ganz schlecht Reifen, und da hat er die alten runderneuert. Am Ende der achtziger Jahre hatte er drei Gesellen und einen Lehrling. Uns ging es damals auch nicht schlecht, aber wir hatten im Geschäft ja unsere Grenzen durch den Kommissionsvertrag mit der HO [11] , wir kauften alles auf Kommission. Günther aber war richtig privat, das heißt er konnte kaufen und verkaufen soviel er wollte. Nur die Steuern waren ein Problem. Aber da hat er einiges ohne Rechnung erledigt, das ging ja bei uns nicht. 1978 hat er das Geschäft übernommen, da haben die sich gleich den Lada gekauft. Dann das Grundstück, und dort hat er ja ganz großzügig gebaut. Die standen noch viel besser da als wir. Aber er hat sich auch kaputtgeschuftet, dem haben sie doch dann zwei Drittel vom Magen herausgenommen. Aber so Anfang der achtziger Jahre, da dachten wir, der wird es schaffen, der wird Millionär."

Millionär zu werden war mit Beginn der achtziger Jahre, vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Stagnation, einer Versorgungskrise und Krise im Bereich des Handwerks und der Dienstleistungen, für die Selbstständigen wieder ein realistisches Ziel geworden - nicht eben für Frau G., die durch den Kommissionsvertrag gebremst wurde, aber für andere. Frau G. gehört ohnehin einer Generation an, der ein abgehobener Lebensstil fern gelegen hätte. Die Wertorientierung, die hier zur Geltung kommt, umschreibt Frau G. mit besser dastehen. Der Lada - ein Fiat-Modell sowjetischer Produktion -, ein eigenes Grundstück mit einem Haus, mehr war gar nicht notwendig. Der sicherheitsorientierte, traditionelle bürgerliche Lebensstil erlangte in den siebziger und achtziger Jahren mehr Geltung. Das Beharren auf Autonomie der Lebensführung, die wirtschaftliche Unabhängigkeit außerhalb der Fünfjahrpläne und politischer Leistungsbewertungen führten am Ende der DDR dazu, dass man sich nun wirklich besser dastehen sah. So wird verständlich, dass auch die Alltagserinnerungen der Selbstständigen in der DDR ihre goldenen Jahre haben.

Fußnoten

11.
HO = Handelsorganisation; staatliche Organisation des Einzelhandels in der DDR.