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Von Menschen und Übermenschen

Der "Alltag" und das "Außeralltägliche" der "sozialistischen Helden"


22.5.2002
Die kulturgeschichtliche Anatomie von Propagandafiguren wie den "sozialistischen Helden" zeigt den Doppelcharakter dieser Mediatoren: Sie waren einerseits autoritäre Setzungen durch die professionellen Propagandisten der Partei.

Einleitung



Vier Tage im Juni des Jahres 1963: Eine ehemalige Textilarbeiterin und ein einstiger Gießereiarbeiter besuchen die DDR. Der 29-jährige Juri Gagarin und die 26-jährige Walentina Tereschkowa, die Eroberer des Kosmos, die Helden des Sozialismus, bereisen den Arbeiter-und-Bauern-Staat! Mit der Ankunft der "beiden sowjetischen Himmelsgeschwister", der "lebendigen Zeugen des russischen Wunders", so Walter Ulbricht, erklimmt die Propaganda schwindelnde Höhen. Bei der Triumphfahrt durch Berlin, Hauptstadt der DDR, setzt sich der Erste Sekretär zufrieden neben den Fahrer seiner offenen Staatslimousine. Endlich kann er der Bevölkerung seiner Republik etwas Großartiges vorführen, etwas, das der Westen nicht aufzuweisen hat. Die jungen, aufrecht im Fond stehenden sozialistischen Lichtgestalten sollen uneingeschränkt auf das Volk wirken. "Und es ist, als hätten sie den goldenen Glanz der Sterne in unsere . . . Hauptstadt gebracht an diesem Abend voll überschäumenden Lebens", verkündet ein Ostberliner Rundfunkreporter seinen Zuhörern. Wohin die beiden "Sowjet-Übermenschen", so "Der Spiegel", auf ihrem Weg durch "Ulbrichts Machtbereich" auch geraten, begegnen ihnen Kinder in stilisierten Raumanzügen aus Plastikfolie, hängen von Transparenten umrahmte Kosmonauten-Porträts: "Die Republik drückt sie ans Herz." [1]

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  • Die Helden des Kosmos waren den Propagandisten des Sozialismus hochwillkommen. Sie besuchten die DDR am Vorabend einer Volkskammerwahl, im fünften Jahr des Siebenjahrplanes. Es war die Zeit, in der die Propaganda durch eine allgegenwärtige Raketen- und eine ungebremste Geschwindigkeitsmetaphorik zu überzeugen suchte: Mit der so genannten Siebenstufenrakete dieser Planperiode sollte in der magisch-mythischen Zeit von sieben Jahren der Sieg des Sozialismus durchgesetzt werden. Seit dem V. Parteitag der SED waren die Bürgerinnen und Bürger aufgefordert, "planmäßig" den Aufbau des Sozialismus in der DDR mit zu gestalten. [2]

    Zu dem Zeitpunkt, als die Himmelshelden durch die DDR tourten, durfte deren Bevölkerung noch den Durchbruch des "Zeitalters des Sozialismus" für das Jahr 1965 erwarten. Mit den beiden Sowjethelden ließ sich der grenzenlose Fortschrittsoptimismus nun mustergültig personifizieren: Wenn es der Arbeiterklasse, vertreten durch die Arbeiterin Tereschkowa und den Arbeiter Gagarin, gelang - so die Argumentation der Agitatoren -, die technischen Probleme der Eroberung des Weltraums zu meistern, dann würde es der Arbeiterklasse umso sicherer gelingen, auch die sozialen Probleme auf der Erde zu lösen!

    Die vielen Menschen waren vermutlich zum Jubeln beordert, die Dramaturgie der Empfänge bis ins kleinste Detail geplant. Und dennoch: Die freudige Anteilnahme der Menge, die den beiden Sowjetbürgern in Berlin, in den Bezirkshauptstädten Suhl, Erfurt und Karl-Marx-Stadt, im erzgebirgischen Auerbach, in der Chemiestadt Wolfen sowie im Thüringer Wald mit roten Fahnen und kunstseidenen "Walja"-Tüchern vom Straßenrand zuwinkten, diese lebendige Begeisterung war nicht gestellt. Das musste auch "Der Spiegel" einräumen: Die "Gäste aus dem All" seien nicht nur die von oben verordnete "gleißende Attraktion eines Wahlwochenendes", sondern ein Phänomen, "was erkennbar eine Faszination selbst auf jene auszuüben vermag, die sonst für das Regime bestimmt kein Fenster öffnen" würden. An diesem Abend fände man das "graue Berlin hinter der Mauer", so das Hamburger Magazin, "in eine Stimmung versetzt, die mit den üblichen krampfhaften Ovationen für sozialistische Staatsgäste nichts gemein hat. Hunderttausende haben sich mit ihren Kindern an den Straßenrändern aufgestellt, um dem ersten Kosmonauten und der ersten Kosmonautin der Welt mit politischem Demonstrationsgerät, das reichlich ausgegeben worden ist, ein völlig unpolitisches Willkommen zuzuwinken." [3]

    Millionen nahmen in jenen Tagen Anteil an den Triumphfahrten der beiden Kosmoshelden, wenige Jahre zuvor waren Hunderttausende begeistert den Siegesfahrten von Gustav Adolf Schur gefolgt. Der Radrennfahrer, "Täve" genannt und 1931 als Sohn eines Heizers geboren, hatte in den fünfziger Jahren überragende Erfolge gefeiert: 1952 nahm er erstmalig an der Internationalen Friedensfahrt teil. Schur gewann die Tour in den Jahren 1955 und 1959 und holte den Titel des Weltmeisters in den Jahren 1958 und 1959. "Täve" avancierte zum umjubelten Volkshelden der DDR. Wie kein anderer verkörperte er die Losung "Vom Ich zum Wir", Abertausende schrieben ihm Postkarten und Briefe. Er unterhielt zeitweise eigens ein Büro für Öffentlichkeitsarbeit, um seine umfängliche Publikumspost zu bewältigen - ebenso wie Adolf Hennecke, der große Arbeiterheld der fünfziger Jahre, der bereits 1948 zur ersten Petitionsinstanz der jungen DDR avancierte.

    "Sozialistische Helden" - verweisen solch beeindruckende Akzeptanzwerte auf bloß "unpolitische" Aneignungen dieser Figuren, wie der westdeutsche Journalist im "Spiegel" mutmaßte? Oder sind diese Aneignungen, sofern sie in ihrer Oberflächenstruktur in der Tat "unpolitisch" anmuten, in einem erweiterten Sinne womöglich doch als "politische" Attribuierungen zu interpretieren?

    Sozialistische Helden [4] repräsentieren auf den ersten Blick sicherlich das Außeralltägliche: Helden wie sie gewinnen eine entscheidende Schlacht - nicht mehr auf militärischem Terrain wie ihre klassischen Vorbilder, sondern auf den Territorien des ökonomischen, sportlichen oder wissenschaftlich-technischen Fortschritts. Sie werden als Mustermenschen und damit als Idealtypen des "neuen Menschen" präsentiert. Sie sind außeralltäglich in ihrem Können, in ihren Fertigkeiten, in ihrer politischen Gesinnung und in ihrem unerschütterlichen Glauben an die Sache des Sozialismus. Schließlich repräsentieren sie das Außeralltägliche im Sinne von Max Webers idealtypischer Konzeption einer charismatischen Kommunikation: [5] Sie finden die Gefolgschaft der Vielen, weil diese sich die Helden-Botschaft aneignen, weil diese den Heldenfiguren Qualitäten zuschreiben, die in ihren Lebens- und Deutungszusammenhang integrierbar sind, kurz, weil die Vielen ihnen "Vertrauen" im Sinne von Niklas Luhmann entgegenzubringen vermögen. [6] Sozialistische Helden verkörpern jedoch nicht minder das Alltägliche; zuallererst insofern, als das Außeralltägliche nicht kontrastiv, sondern komplementär zum Alltäglichen zu verstehen ist. Der Alltag wird lebbar und strukturierbar, deutbar und bedeutsam, gerade weil es das Außeralltägliche gibt. Sozialistische Helden sind insofern Helden des Alltags, als diese Mustermenschen des Sozialismus tatsächlich aus der Menge rekrutiert und Sehnsüchte, Hoffnungen und Wünsche des Alltags der Vielen auf sie projiziert werden können. [7] Die kulturellen Dimensionen des Heldenmusters zwischen Alltäglichkeit und Außeralltäglichkeit, zwischen politischer und privater Indienststellung, sollen hier untersucht werden.


    Fußnoten

    1.
    So eine zeitgenössische propagandistische Losung. Bei der Venus steht ein Standesamt, in: Der Spiegel, Nr. 44 vom 30. Oktober 1963, S. 52 ff.
    2.
    Zu den propagierten Zeithorizonten im Gefolge des V.'Parteitages siehe: Rainer Gries, Die runden "Geburtstage". Zeitkultur und Zeitpropaganda in der DDR, in: Monika Gibas/Rainer Gries/Barbara Jakoby/Doris Müller (Hrsg.), Wiedergeburten. Zur Geschichte der runden Jahrestage der DDR, Leipzig 1999, S. 285-304.
    3.
    Der Spiegel (Anm. 1).
    4.
    Dieser Beitrag reflektiert auch die Ergebnisse der Tagung "Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR", die von den Autoren im September 2001 in Krakau ins Leben gerufen wurde. Deren Ergebnisse werden in einem Sammelband publiziert werden, der 2002 erscheint. Vgl. auch Silke Satjukow/Rainer Gries, Sozialistische HeldInnen. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR, in: L‘Homme. Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft, 12 (2001) 2, S. 335-340.
    5.
    Vgl. zur Konzeption des Charisma bei Max Weber: ders., Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 3, Tübingen 1971; ders., Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriss der verstehenden Soziologie, hrsg. von Johannes Winckelmann, Tübingen 1976; Arnold Zingerle, Theoretische Probleme und Perspektiven der Charisma-Forschung. Ein kritischer Rückblick, in: Winfried Gebhardt/Arnold Zingerle/Michael N. Ebertz (Hrsg.), Charisma. Theorie - Religion - Politik, Berlin - New York 1993, S. 249-266.
    6.
    Vgl. zur Konzeption des Vertrauens bei Niklas Luhmann: ders., Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität, Stuttgart 1989³.
    7.
    Zur Anwendung eines kulturhistorischen Ansatzes bei persuasiven Kommunikationsformen (wie der Wirtschaftswerbung, der politischen Propaganda oder der Öffentlichkeitsarbeit) siehe Rainer Gries, Propagandageschichte als Kulturgeschichte. Methodische Erwartungen und Erfahrungen, in: Deutschland Archiv, 33 (2000) 4, S. 558-570; sowie in Kürze ders., Produkte als Medien. Kulturgeschichte der Produktkommunikation in der Bundesrepublik und der DDR, Leipzig 2002 (i.ÄE.), worin ein dreidimensionales Modell solcher Kommunikationen vorgestellt wird.