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22.5.2002 | Von:
Andreas Dörner
Ludgera Vogt

Der Wahlkampf als Ritual

Zur Inszenierung der Demokratie in der Multioptionsgesellschaft

III. Wahlkampf als eine rituelle Inszenierung des "demokratischen Mythos"

Die amerikanischen Politikwissenschaftler Gabriel A. Almond und Sydney Verba haben schon in den sechziger Jahren in ihrer bahnbrechenden Studie zur "Civic Culture" den "demokratischen Mythos" als eine wichtige Komponente der Stabilität demokratischer Ordnungen herausgearbeitet. [10] Gemeint ist damit der Glaube von Bürgern wie politischen Akteuren an ein großes, noch zu erweiterndes Ausmaß von politischen Partizipationsmöglichkeiten. Wahlkämpfe, so lautet nun unsere These, sind ein zentrales Medium zur rituellen Inszenierung eines solchen Mythos in modernen Demokratien. Keine politische Ordnung, wie sie von der institutionellen Gestaltung her auch immer konstruiert sein mag, kann auf die Stabilisierung durch eine symbolische Ordnung mit Mythen und Ritualen verzichten. Wahlkämpfe als Rituale der Demokratie wirken regelmäßig an dieser Stabilisierung mit. [11]

Zunächst aber zum Begriff des "politischen Mythos": [12] Politische Mythen sind symbolgeladene Erzählungen mit einem kollektiven, auf das grundlegende Ordnungsproblem sozialer Verbände bezogenen Wirkungspotenzial: Sie integrieren und sie erleichtern politische Steuerung. Politische Mythen sind nicht wahr oder falsch. Es handelt sich um "wirksame Fiktionen" [13] , die politischen Sinnentwürfen eine besondere Evidenz verleihen. "Sinn" steht dabei für eine Perspektivierung von Welt, die Schneisen und Präferenzstrukturen in die unüberschaubaren Erfahrungsdaten einzieht und Fragen nach dem "Warum" beantwortet. Derart vermittelter Sinn macht die Welt - eine gegenwärtige oder auch eine zukünftige, noch zu schaffende Welt - verständlich. Sinn zeigt, dass etwas im Unterschied zu anderen Möglichkeiten so ist, wie es ist; er begründet, warum es so ist und versichert, dass es gut ist. Mythen sind - auch und gerade in der Moderne, wo das Politische zum Erben des Religiösen geworden ist [14] - einer der wichtigsten gesellschaftlichen Sinnstifter. Sie lindern gleichsam den "Skandal der Kontingenz" (Rüdiger Safranski) und vermitteln jedem Einzelnen das Gefühl, selbst gemeint zu sein und Bedeutung zu haben in der Ordnung der Dinge.

Mythen vermögen diese Funktion besonders dann zu erfüllen, wenn sie mit Hilfe inszenatorischer und ästhetischer Mittel gegenüber konkurrierenden Deutungsangeboten herausgehoben werden. Eine der wichtigsten Möglichkeiten, um dem Mythos eine solche überzeugende sinnliche Präsenz in der Wahrnehmungswelt der Bürger zu verschaffen, sind Rituale. Daher kommt auch dem Wahlkampf eine so zentrale Bedeutung als Ritual zu: Er verleiht dem demokratischen Mythos besondere Überzeugungskraft. Rituale sind zyklisch wiederkehrende Handlungsfolgen, die von Menschen zelebriert werden, um Sinn gemeinschaftlich erfahrbar zu machen - sei es partizipativ, indem etwa wie bei den französischen Revolutionsfesten möglichst viele Personen beteiligt werden, oder sei es als "Zuschauerritual" (Murray Edelman) in der modernen Mediendemokratie. Rituale geben Orientierungssicherheit, und sie vermitteln den Menschen das Gefühl, bei den wirklich wichtigen Dingen ihrer Bezugsgemeinschaft "dabei zu sein". Im Hinblick auf das im Mythos formulierte Sinnangebot kann man Rituale als Evidenzgeneratoren bezeichnen. Sie machen das, was der Mythos einstweilen nur behaupten kann, erfahrbar und verleihen ihm dadurch einen anderen, stärkeren Realitätsgrad.

Vor diesem Hintergrund kann man nun genauer beleuchten, wie Wahlkämpfe als rituelle Inszenierungen des demokratischen Mythos fungieren. Welche Geschichte erzählt dieser Mythos im Kern? Ungeachtet zahlreicher Varianten, die durch Unterschiede im politischen System, vor allem aber auch verschiedene politisch-kulturelle Traditionen und historische Erfahrungshintergründe bedingt sind, enthält die Erzählung im Wesentlichen folgende Elemente: Eine politische Gemeinschaft bestimmt zur Lösung jeweils anstehender Probleme regelmäßig die besten, klügsten, ehrlichsten und engagiertesten Mitglieder dazu, über kollektiv verbindliche Entscheidungen die Geschicke der Stadt, des Landes oder der Nation zu lenken. Die Kandidaten für die Leitungspositionen sind zwar durch unterschiedliche Weltbilder und Interessen - mitunter auch durch Eigeninteressen - gesteuert, aber im Großen und Ganzen steht doch das Gemeinwohl als Zielsetzung fest.

Da die Wahlen in regelmäßigen Abständen stattfinden, können die Bürger als Wähler zu diesen Terminen über die bisher erbrachten Leistungen der Gewählten befinden. War die Leistung gut, werden sie in Amt und Mandat bestätigt. War die Leistung hingegen schlecht, ja sind die Gewählten sogar bewusst vom Pfad der Tugend abgewichen und haben Eigeninteressen in den Vordergrund gestellt, können sie durch sofortige Abwahl gestraft werden. Auf diesem Wege ist regelmäßige Kontrolle gewährleistet, und die direkt gewählten Amts- bzw. Mandatsträger richten sich schon aus eigenem Überlebensinteresse nach den Wünschen und Bedürfnissen der Wähler aus.

Die eigentlichen "Helden" in diesem demokratischen Mythos, diejenigen, auf die es wirklich ankommt, sind folglich die Wähler. Denn deren rationale Wahl ist es letztlich, von der das Wohlergehen der Gemeinschaft abhängt. Der Wähler ist und bleibt der Souverän, dessen Souveränität sich gerade dadurch ausdrückt, dass am Wahltag "abgerechnet" wird. Wahlen gelten also im demokratischen Mythos als adäquater Ausdruck der Volkssouveränität. Mit der Zuordnung dieser verantwortungsvollen Rolle ist ein Appell des Mythos verbunden: "Du, Wähler, musst zur Wahlurne gehen, um deine Souveränität auszuüben; und du musst durch aufmerksames Beobachten und Bilanzieren auch die Rationalität deiner Wahl sicherstellen."

Die regelmäßige rituelle Inszenierung dieses Mythos erfolgt im Wahlkampf. Hier versuchen Parteien und Kandidaten überzeugend deutlich zu machen, dass es tatsächlich auf den Wähler als Souverän der demokratischen Ordnung ankommt. Man buhlt um seine Zustimmung, man präsentiert sich als kompetent und sympathisch, man versucht, attraktive Corporate Designs und Lifestyle-Optionen zu präsentieren. Indem man den Wähler umwirbt, ihm das Rollenangebot des politischen Souveräns an der Wahlurne schmackhaft macht, ihm Feel-Good-Qualitäten vermittelt, lässt man den Sinn des demokratischen Mythos erfahrbar werden. Die Bürger fühlen in einem solcherart geführten Wahlkampf tatsächlich, dass sie wichtig sind, und sie empfinden sich so als unverzichtbaren Bestandteil der politischen Ordnung.

Das gesamte politische System zeigt sich in der rituellen Inszenierung des Mythos als voll funktionsfähig: Die politischen Akteure erscheinen kompetent, handlungsfähig, moralisch integer und engagiert, "modern" und zukunftsfähig, vor allem aber: gemeinwohlorientiert. Die politischen Institutionen funktionieren in diesem Bild reibungslos. Und die Wähler sind sich ihrer Verantwortung für das Gemeinwesen bewusst, indem sie nicht nur zur Wahl gehen, sondern dort auch stets die "richtige" Entscheidung treffen.

Nochmals sei an dieser Stelle daran erinnert, dass die Verwendung des Mythenbegriffs nicht automatisch mit der Unterstellung verbunden ist, es handele sich um trügerische Illusionen. Politiker wie Bürger wissen zwar, dass die politische Realität in ihrem grauen Alltag oft dem erzählten Ideal nicht entspricht. Dennoch trägt der Mythos Wahrheit in sich, indem er rituell vorführt, wie es funktionieren kann, wie es funktioniert hat und wie es auch in Zukunft durchaus häufig wieder funktionieren wird.

Die Qualität der Inszenierung sowie die Fähigkeit der politischen Akteure, ästhetisch ansprechend aufzutreten, Feel-Good-Stimmung zu verbreiten und den Erlebniswert des Rituals zu steigern, sind also wichtige Komponenten bei der stabilitätssichernden Funktion des Wahlkampfs. Nur dann, wenn das Publikum die Inszenierung auch als gelungen wahrnimmt, kann der Sinn des Mythos evident werden. Natürlich sind an diesem Prozess nicht nur die politischen Akteure und ihre politikberatenden Helfer beteiligt, sondern auch die Medien mit ihrer Berichterstattung. Würden sie den Wahlkampf ignorieren oder den rituellen Prozess ständig mit kritisch-desillusionierenden Kommentaren stören, wäre auch die Funktionsfähigkeit des Ganzen gefährdet. Ein gewisses Maß an kritischer Distanz gehört zwar zur Rolle der Medien; Fundamentalkritik oder Dauerdistanz jedoch würden den rituellen Prozess stark beeinträchtigen.

Nun können freilich jederzeit Brüche und Diskrepanzen zwischen dem Sinngehalt des Mythos und seiner rituellen Inszenierung einerseits sowie der erfahrbaren politischen Realität andererseits aufkommen. Wo die Alltagserfahrung zum außeralltäglich ästhetisierten Sinnangebot des Wahlkampfes in zu starke Diskrepanz gerät, da drohen Enttäuschung, Politikverdrossenheit und langfristig auch eine Destabilisierung der Ordnung als Ganzes. Letztlich müssen beide Dimensionen: die Inszenierung und der Transfer des mythischen Sinns in die erfahrbare Wirklichkeit zumindest in einem gewissen Ausmaß gewährleistet sein, damit die Funktionsfähigkeit der repräsentativen Demokratie gewahrt bleibt. Ein effektiver bzw. ein im wertrationalen Sinne "guter" politischer Alltag ist ebenso wichtig wie das Gelingen der außeralltäglichen Inszenierung. Fällt eine der Komponenten aus, steht das Gemeinwesen vor ernsthaften Problemen.

Fußnoten

10.
Gabriel A. Almond/Sydney Verba, The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in Five Nations, Princeton, N.ÄJ. 1963, S. 481.
11.
Der Zusammenhang von Ritual und Mythos wird systematisch auch von Murray Edelman, Politik als Ritual (Anm. 9), entwickelt, allerdings stets mit einer ideologiekritischen Engführung, die wichtige Aspekte dieser symbolischen Dimension von Demokratien ausblendet.
12.
Zur Theorie des politischen Mythos siehe grundlegend Herfried Münkler, Siegfrieden, in: ders./Wolfgang Storch, Siegfrieden. Politik mit einem deutschen Mythos, Berlin 1988, S. 49-142; Andreas Dörner, Politischer Mythos und symbolische Politik. Der Hermannmythos: zur Entstehung des Nationalbewusstseins der Deutschen, Reinbek 1996.
13.
Jeanne Hersch, Mythos und Politik, in: Kurt Hoffman (Hrsg.), Die Wirklichkeit des Mythos, München-Zürich 1965, S. 86.
14.
Vgl. Thomas Nipperdey, Der Mythos im Zeitalter der Revolution, in: Dieter Borchmeyer (Hrsg.), Wege des Mythos in der Moderne. Richard Wagners "Ring des Nibelungen", München 1987, S. 96-109.