Jean-Martin Charcot, ein französischer Pathologe und Neurologe, demonstriert an der Salpêtrière die hysterische Patientin Blanche Wittman in hypnotisiertem Zustand. Gemälde von André Brouillet, 1887

8.6.2018 | Von:
Sven Stollfuß

Zwischen Stigmatisierung und Differenzierung. Krankheit in Filmen und Fernsehserien

Die Darstellung von Krankheiten in Spielfilmen und Fernsehserien kann auf vielfältige Art und Weise erfolgen,[1] zum Beispiel in Form einer mit HIV infizierten Figur in Filmen wie "Philadelphia" (USA 1993) und "Dallas Buyers Club" (USA 2013) oder eines an Krebs erkrankten Patienten in Krankenhausserien wie "Grey’s Anatomy" (USA 2005–) und "Club der roten Bänder" (Deutschland 2015–2017). Krankheit kann aber auch in Form des psychopathischen Gewalttäters und Mörders in Filmen wie "Psycho" (USA 1960) oder Fernsehserien wie "Bates Motel" (USA 2013–2017) dargestellt werden und sogar in Gestalt von durch Viren veränderten Untoten in Filmen wie "28 Days Later" (Großbritannien 2002) oder Serien wie "The Walking Dead" (USA 2010–). Dabei steht, anders als bei Dokumentationen, eine realitätsnahe Darstellung eher selten unmittelbar im Vordergrund. Spielfilme und Fernsehserien bieten vielmehr metaphorische Symbolisierungen, die bisweilen auch höchst problematische Implikationen aufweisen.

Im Filmlexikon der Universität Kiel etwa heißt es, dass "die Inszenierung der Krankheit immer davon abhängig [ist], wie tabuisiert der Diskurs über Krankheit(en) – insbesondere deren visuelle Darstellung – zur Produktionszeit eines jeweiligen Films ist".[2] Nicht selten führe dies zu stereotypisierten Überzeichnungen, für die Krankheiten als Basis klischeebeladener Zuschreibungen verwendet werden. So diene zum Beispiel die Inszenierung von sexuell übertragbaren Krankheiten wie HIV/Aids oft "zu schlüpfrigen oder klischeebeladenen Thematisierungen von (Homo-)Sexualität [oder] zur Vermittlung bürgerlicher Sexualmoral und Hygienevorstellungen".[3]

Die Frage nach der Rolle fiktionaler audiovisueller Erzählungen ist dabei insofern interessant, als Filme und Fernsehserien durch die Bilder von Kranken und ihr Erzählverläufe die öffentliche Diskussion beeinflussen. Daran anschließend ist nicht zu Unrecht eine oft negative, zu simplifizierende Darstellung kritisiert worden.

Spielfilme und Fernsehserien sind als Teil eines kollektiven kulturellen Kommunikationsprozesses vorrangig emotional und unterhaltend. Sie vermögen bei ihrem Publikum bestimmte affektiv-kognitive Zustände (wie etwa Vergnügen oder Trauer) hervorzurufen sowie gerade bei komplexen Unterhaltungsangeboten jenseits hedonistischer Aspekte auch eine emotional-bewegende, nachdenklichere Medienrezeption zu zeitigen.[4] In diesem Sinne können sie aufseiten der Zuschauenden ein (populär)kulturelles Wissen über ein Thema schaffen beziehungsweise eine gewisse Haltung zu einem Thema beeinflussen.[5]

Um dies genauer auszuführen, wird im Folgenden zunächst der kulturelle Bedeutungsrahmen reflektiert, in dem Spielfilme und Fernsehserien Krankheiten verhandeln. Daran anschließend werden innerhalb der Rezeptions- und Wirkungsdiskurse die damit verbundenen Medieneffekte wie vor allem Stigmatisierung und Diskriminierung, aber auch Komplexität und Differenzierung diskutiert. Als Beispiel dienen dabei vornehmlich die populärkulturellen Repräsentationen von psychischen Krankheiten.

Fußnoten

1.
Für einen ersten Eindruck vgl. etwa den Themenindex in Jens Eder/Ludger Kaczmarek/Hans J. Wulff, Medienwissenschaft: Berichte und Papiere, 2.2.2018, http://berichte.derwulff.de/index.pdf«.
2.
Philipp Brunner/Caroline Amann, Krankheit im Film, 30.12.2011, http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=7256«.
3.
Ebd.
4.
Vgl. u.a. Peter Vorderer/Christoph Klimmt/Ute Ritterfeld, Enjoyment. At the Heart of Media Entertainment, in: Communication Theory 4/2004, S. 388–408; Dohyun Ahn/Seung-A Annie Jin/Ute Ritterfeld, "Sad Movies Don’t Always Make Me Cry". The Cognitive and Affective Processes Underpinning Enjoyment of Tragedy, in: Journal of Media Psychology 1/2012, S. 9–18; Mary Beth Oliver/Anne Bartsch, Appreciation as Audience Response. Exploring Entertainment Gratifications Beyond Hedonism, in: Human Communication Research 1/2010, S. 53–81.
5.
An anderer Stelle (und anhand eines anderen Beispiels) habe ich dies auch als politisierendes Potenzial fiktionaler Erzählungen beschrieben. Vgl. Sven Stollfuß, Cyborg-TV. Genetik und Kybernetik in Fernsehserien, Wiesbaden 2017, hier S. 109ff.
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Autor: Sven Stollfuß für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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