APUZ Dossier Bild

22.5.2002 | Von:
Gert-Joachim Glaeßner

Sicherheit und Freiheit

In derzeitigen öffentlichen Debatten ist der Begriff Sicherheit eine zentrale Kategorie. Darüber wird manchmal vergessen, dass er auch vor dem 11. September 2001 eine besondere Rolle gespielt hat.

Einleitung

Sicherheit ist ein Grundbedürfnis des Menschen und ein klassisches Kollektivgut. Die Bewahrung oder Wiederherstellung von Sicherheit hat im Wertehaushalt der Bevölkerung einen hohen Stellenwert. Angesichts des rasanten sozialen und politischen Wandels drückt der Wunsch nach Sicherheit zugleich eine elementare Hoffnung moderner Gesellschaften aus. In öffentlichen Debatten und in der politischen Auseinandersetzung ist der Begriff Sicherheit eine zentrale Kategorie. In der modernen Welt ist es die staatliche Ordnung, der vor allem und in erster Linie die Aufgabe zufällt, die Sicherheit ihrer Bürger zu gewährleisten. Nicht erst seit dem 11. September 2001 ist die Sicherung des inneren und äußeren Friedens die vornehmste Aufgabe des Staates und der politischen Institutionen.

  • PDF-Icon PDF-Version: 79 KB





  • Damit könnte es sein Bewenden haben, wäre da nicht ein Problem, das uns allen in den letzten Monaten wieder bewusst geworden ist. Ebenso alt wie die Sicherheit gewährleistende Funktion des Staates ist auch die Furcht vor seiner Macht. Sicherheit und Freiheit der Bürger befinden sich stets in einem Spannungsverhältnis - auch in demokratischen Verfassungsstaaten. Sicherheit hat einen Preis: Wir geben ein erhebliches Maß an individueller Freiheit her und unterwerfen uns - mehr oder weniger freiwillig - allen möglichen Regeln, Vorschriften und Einschränkungen in der Erwartung, dafür Sicherheit zu gewinnen.

    In seiner 1929 entstandenen Schrift "Das Unbehagen in der Kultur" hat Sigmund Freud den Verzicht des Einzelnen auf uneingeschränktes Ausleben der eigenen Triebe und Freiheitsmöglichkeiten zugunsten von Gemeinschaftsregeln, Recht und anderen normativen Vorgaben und Regeln als wesentliches Merkmal moderner Zivilisation dargestellt. Was der Einzelne dafür gewinne, sei Sicherheit: "Der Kulturmensch hat für ein Stück Glücksmöglichkeit ein Stück Sicherheit eingetauscht." [1]

    Wie aber steht es um das Spannungsverhältnis von Sicherheit und Freiheit? Welche Bedeutung haben Sicherheit, Unsicherheit und Vertrauen (in Sicherheit) in modernen Gesellschaften, und welche Rolle kommt ihnen bei der Gestaltung der gesellschaftlichen und politischen Ordnung zu, nachdem überkommene Normen und Regeln, die tradierten, Sicherheit gewährenden oder zumindest versprechenden Konzepte obsolet geworden sind oder versagen und die alten Ordnungskonfigurationen ihre Bindekraft verlieren? Was kann Sicherheit in einer multipolaren, durch wachsende Unübersichtlichkeit bestimmten internationalen Ordnung bedeuten? Dies sind nur einige der Fragen, mit denen sich eine sozialwissenschaftliche Betrachtung des Sicherheitsproblems konfrontiert sieht.

    Im Folgenden werde ich zuerst dem Bedeutungsgehalt des in der öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte häufig pejorativ besetzten oder normativ überlasteten Begriffs Sicherheit nachgehen, um danach der Bedeutung von Sicherheit als zentraler Wertorientierung in den verschiedenen Sphären der Gesellschaft und im politischen Raum nachzuspüren. In einem weiteren Schritt wird die Rolle des Staates bei der Gewährleistung von Sicherheit und Ordnung beleuchtet, um dann abschließend, am Beispiel der Debatte über "innere Sicherheit", auf einige politische Implikationen eines umfassenden Sicherheitsverständnisses hinzuweisen.

    Fußnoten

    1.
    Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, in: Kulturtheoretische Schriften, Frankfurt/M. 1974, S. 243.