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10.6.2002 | Von:
Ludwig Watzal

Editorial

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben zu fundamentalen Veränderungen in den internationalen Beziehungen geführt. Oberste Priorität hat die Bekämpfung des Terrorismus.

Einleitung

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben zu fundamentalen Veränderungen in den internationalen Beziehungen geführt. Oberste Priorität hat die Bekämpfung des Terrorismus. Die von den USA initiierte "Allianz gegen den Terror" bereitet sich nach der Niederschlagung des Taliban-Regimes und des Terrornetzwerkes von Osama Bin Ladens Al-Qaida auf neue Einsätze vor. US-Präsident George W. Bush hat von einer "Achse des Bösen" - Irak, Iran und Nordkorea - gesprochen. Auch Deutschland ist Mitglied dieser "Anti-Terror-Allianz". Mit dieser "Beilage" möchte die Redaktion ihren LeserInnen eine Region nahebringen, die durch die Ereignisse des 11. September ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit gerückt ist und die für die meisten Menschen bisher eher als verschlossen und mysteriös galt. Die Ereignisse in Zentralasien haben auch Auswirkungen auf die westliche Sicherheit.

Eine Region, welche die internationalen Veränderungen am stärksten tangiert haben, sind die Länder Zentralasiens. Die einzig übrig gebliebene Weltmacht USA hat sich auf dem Territorium ihres ehemaligen Widersachers Russland festgesetzt. Wie Rainer Freitag- Wirminghaus betont, geht es den USA hier nicht um Demokratie und Menschenrechte, sondern um Terrorbekämpfung. Der Autor verweist aber auch auf die geostrategischen und geoökonomischen Interessen der USA in Zentralasien, insbesondere auf die Bedeutung des kaspischen Öls. Im Einzelnen beschreibt Freitag-Wirminghaus die Interessenlagen der zentralasiatischen Staaten, Russlands, des Irans und der Türkei. Der gemeinsame "Kampf gegen den Terror" habe zu einer engen Kooperation zwischen Russland und den USA geführt, obwohl durch die Aufkündigung des ABM-Vertrages seitens der USA auch wieder Ernüchterung eingetreten sei.

Unter der Oberfläche einer harmonischen Zusammenarbeit gibt es jedoch weiterhin große Differenzen in der Bewertung politischer Sachverhalte zwischen Russland und den USA. Martin Malek beschreibt die durchaus gegensätzlichen Positionen beider Staaten in Bezug auf Iran und den Irak. Für Russland gehören beide Länder nicht zur "Achse des Bösen", sondern zu den potenziellen wirtschaftlichen und politischen Partnern. Kritische russische Stimmen gebe es gegen die Militärpräsenz der USA in Zentralasien. Russland versuche aus den Terroranschlägen vom 11. September 2001 aber auch Kapital zu schlagen, indem es seinen Krieg gegen das tschetschenische Volk als Beitrag zum Kampf gegen den Terrorismus darstelle.

Immer wieder werden die Ölinteressen der USA für ihr Engagement in Afghanistan als Begründung angeführt. Friedemann Müller relativiert diese These in Bezug auf die wirkliche Bedeutung des Landes für die Erschließung des kaspischen Öls. Es gebe in der Tat Zusammenhänge zwischen dem Anti-Terror-Krieg und weltwirtschaftlichen Interessen: der Weltölversorgung, doch seien diese Verbindungen anders zu erklären als durch den Kampf um Einflusszonen in der Region. Anhand umfangreicher Daten zeigt der Autor die Bedeutung der zentralasiatischen Öl- und Erdgasreserven für den Weltrohstoffmarkt auf. Neben Russland und den USA solle auch Europa stärker seine Interessen in dieser Region formulieren.

Durch die Herrschaft der Taliban in Afghanistan bekam das Land das Image eines zutiefst fundamentalistischen Landes. Ein Eindruck der nach Ansicht von Matin Baraki trügt. Der Islamismus habe in Afghanistan keine Tradition und sei Produkt des Bürgerkrieges, so der Autor. In dem Beitrag wird die Entwicklung des Landes von der Republik bis zum islamischen Staat differenziert dargestellt.