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10.6.2002 | Von:
Rainer Freitag-Wirminghaus

Zentralasien und der Kaukasus nach dem 11. September: Geopolitische Interessen und der Kampf gegen den Terrorismus

V. Der Krieg gegen den Terror und Ölinteressen

Haben die USA besondere Energieinteressen in Afghanistan, und hat dies die Entscheidung, dort zu intervenieren, beeinflusst? Bedenkt man, dass die US-Regierung von früheren Repräsentanten der Ölindustrie geführt wird, liegt es nahe anzunehmen, dass dementsprechende Überlegungen das strategische Denken beeinflussen. Dies zum hauptsächlichen Antrieb für die Antiterrormaßnahmen zu erklären verkürzt allerdings das komplexe Geschehen auf die Dimensionen eines "great game" mit dem Charakter eines Nullsummenspiels. Ebenso naiv ist es anzunehmen, die geopolitischen und geoökonomischen Überlegungen spielten keine Rolle. Vielleicht kann man sich darauf einigen, dass diese Interessen die Entscheidung leichter gemacht haben.

Wie lassen sich die US-Interessen skizzieren? Zunächst einmal gilt es für die USA zu verhindern, dass der Großteil des Öls und Gases aus dem Kaspischen Becken über russische Pipelines fließen wird. Aus diesem Grund hält Washington auch weiterhin an der politisch wichtigen, wirtschaftlich aber umstrittenen Pipeline von Baku über Georgien in die Türkei fest. Sie steht aus strategischen Gründen im Zentrum der US-Vorstellung eines Transportkorridors in Ost-West-Richtung als Rückgrat der "Neuen Seidenstraße"; für Aserbaidschan stellt sie das Symbol der Loslösung von Russland dar. Für eine Pipeline über Iran, für die sich einige - auch amerikanische - Ölgesellschaften eingesetzt haben, ist die Zeit noch nicht reif. Dem Ziel einer Diversifizierung eines Pipelinesystems würde man am ehesten nahe kommen, wenn Pipelines über Afghanistan verwirklicht werden könnten, ist es doch wahrscheinlich, dass der zukünftige Markt für das kaspische Öl eher Südostasien als Europa sein wird. Auf längere Sicht braucht das Kaspische Becken eine Route, die zu den asiatischen Märkten führt, sei es über Iran oder Afghanistan.

Die Verhandlungen der US-Ölgesellschaft Unocal über eine Gaspipeline für das turkmenische Erdgas über Afghanistan nach Pakistan hatten schon 1995 begonnen. Als die Taliban 1996 die Macht in Kabul übernahmen, wurde spekuliert, dass sie von Pakistan auch deshalb unterstützt wurden, um eine solche Pipeline zu sichern. Von einer einzigen Administration versprach man sich die Realisierung eher als von einem in verschiedene Herrschaftsgebiete aufgeteilten Land. Auch die USA dachten ähnlich; Unocals Pipelinepläne hatten Vorrang vor etwaigen Bedenken über den Charakter der Taliban. Washingtons Verhalten gegenüber den Taliban wurde durch die Energiepolitik bestimmt. Da diese Unocal favorisierten, wurden sie zunächst nicht kritisiert. 1997 wurde mit den Taliban ein Abkommen über das 890 Meilen lange Pipelineprojekt "Centgas" unterzeichnet. Erst Kampagnen gegen Unocals Politik bewirkten im Dezember 1998, dass die Gesellschaft ihr Vorhaben einstellte.

Zurzeit verhält sich Unocal abwartend und dementiert erst einmal etwaige neue Absichten mit der Begründung, dass die Gesellschaft ihre Aktivitäten woandershin verlegt habe. Der turkmenische Präsident Nijasow möchte dagegen das Pipelineprojekt wieder aufnehmen. Eine Realisierung würde Russland vor die Konsequenz stellen, einen Teil des turkmenischen Erdgases zu verlieren. Dieses fließt fast ausschließlich nach Norden und bringt Transitgebühren ein, bzw. man kann es teurer verkaufen. Die Kontrolle über Zentralasien wird schwächer, wenn Afghanistan zu einer Alternative für einen Exportausgang der kaspischen Energieressourcen werden würde. Wenn Russland das nicht verhindern kann, wird es zumindest eine Beteiligung daran anstreben.

Kann Russland bei der Ausbeutung der Öl- und Gasvorräte des Kaspischen Beckens zum Rivalen der USA werden? Oder kann sich die Rivalität am Kaspischen Meer, die sich über Jahre hinweg entwickelt hat, im Zuge der Ereignisse zu einer viel versprechenden Kooperation wandeln? Die Gegebenheiten haben sich in letzter Zeit ein wenig zugunsten Russlands verschoben. Zweifel an der Entwicklung am Kaspischen Meer hatte es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben. Jetzt sind die Sicherheitsbedenken wieder gestiegen, nicht zuletzt aufgrund der permanent instabilen Situation in Georgien. Das Kaspische Meer wird nicht den Nahen Osten ersetzen können. Eine Reihe von noch unerschlossenen Quellen in Südamerika und Afrika, die mögliche Rückkehr Iraks auf den Ölmarkt geben den Ölgesellschaften eine Fülle von neuen Möglichkeiten. Mehr als die Hälfte ihres Öls beziehen die USA bereits aus der westlichen Hemisphäre.

Eine verbesserte Beziehung Russlands zum Westen macht es auch für den Westen als Energiequelle interessanter. Experten sagen voraus, dass Russlands Ölproduktion in den kommenden Jahren weiter ansteigen wird. Mit der Verbesserung von Russlands Image, seinem wirtschaftlichen Aufschwung und bei unverändert instabiler Lage im Südkaukasus könnten die multinationalen Gesellschaften ihre langfristigen Exportstrategien überdenken und mehr auf Russland setzen. Das heißt nicht, dass die bereits begonnenen Pipelineprojekte hinfällig werden. Die Ölgesellschaften denken in langfristigen Kategorien, ihre kaspischen Projekte sind auf 30 Jahre veranschlagt. Neue Möglichkeiten der Kooperation könnten die USA in einigen Fragen der Pipelinepolitik zu Kompromissen veranlassen. Sie werden jedoch erst dann einen Zugang nach Süden zulassen, wenn die Route Baku-Ceyhan gesichert ist.

Ein wirtschaftlich gestärktes Russland als alternativer Energielieferant besonders für Europa ist durch die Beteiligung Russlands an der Antiterrorismus Kampagne näher gerückt. Putins langfristiges strategisches Denken wird sich auszahlen und Russland nicht nur für Europa, sondern auch für die südkaukasischen Staaten wieder attraktiver machen. Letzteres könnte sich beschleunigen, wenn es den Vertretern des russischen Energiekomplexes gegen den Widerstand der beharrenden Kräfte gelingt, sich auch an Projekten wie der Pipeline Baku-Ceyhan zu beteiligen. Die russische Ölgesellschaft Lukoil, die solches angekündigt hat, ist auf dem Weg zu einem global player. Mit einer Beteiligung könnte sich Putin weitere Konzessionen der USA verschaffen. Generell gesehen haben die Terroranschläge und die damit verbundene Unsicherheit die kurzfristigen Erwartungen der Ölgesellschaften in der Kaspischen Region gesenkt, längerfristig hoffen sie auf Verbesserung ihrer Perspektiven durch die gleichzeitige Steigerung des amerikanischen Engagements und der russischen Kooperationsbereitschaft.