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22.5.2002 | Von:
Ludwig Watzal

Editorial

Seit den Terroranschlägen vom 11. September in den USA steht der "Islam" als Weltreligion zu Unrecht am Pranger. Die eigentliche Herausforderung stellt eher der Islamismus dar.

Einleitung

Die Terroranschläge des 11. September in den USA haben "den Islam" als Weltreligion zu Unrecht ins Zwielicht gebracht. Die eigentliche Herausforderung für die westlichen Zivilgesellschaften stellt jedoch der politische Islam, der Islamismus dar; mit ihm muss die Auseinandersetzung geführt werden. Ihn pauschal mit Terrorismus gleichzusetzen führt in die Irre. Zu unterschiedlich ist sein jeweiliger sozialer und politischer Nährboden. Militärische Mittel allein sind zu seiner Bekämpfung allerdings nicht hinreichend. Differenzierung tut allenthalben Not, und klare Maßstäbe im Umgang mit dem Islamismus und seinen terroristischen Varianten sind erforderlich.

In seinem Essay fordert Mohssen Massarrat eine differenzierte Analyse der politischen und ökonomischen Bedingungen im Nahen und Mittleren Osten, ohne die die extremistischen Tendenzen nicht adäquat beurteilt werden können. Der Israel-Palästina-Konflikt bildet nach Ansicht des Autors den wichtigsten Kristallisationspunkt, aus dem sich die antiwestlichen, islamistisch-fundamentalistischen Bewegungen legitimieren. Mehr Beachtung finden sollten auch die sozialpsychologischen Brüche im Transformationsprozess der islamischen Länder, die Auswirkungen der Globalisierung sowie die geostrategischen Interessen der USA, so der Autor.

Wie facettenreich der Islamismus sich darstellt, beschreibt Albrecht Metzger. Sein Plädoyer für eine differenzierte Bewertung der zahlreichen islamistischen Strömungen macht deutlich, dass dessen Reduzierung auf bloßen Terrorismus nur sehr eingeschränkt die Wirklichkeit in den islamischen Ländern widerspiegelt. Die Islamisten seien ein Spiegel ihrer jeweiligen Gesellschaften. Dies verdeutlicht der Autor am Beispiel des Libanon, Jordaniens, des Iran und Algeriens. Je demokratischer die Staaten verfasst seien, desto demokratischer verhielten sich auch die Islamisten.

Die globalen Herausforderungen durch den Islamismus werden von Dawud Gholamasad anhand einiger Thesen diskutiert. Der Islamismus sei nicht nur die Grundlage für religiösen Fundamentalismus, sondern auch ein Orientierungsrahmen einer sozialen Bewegung. Durch die Analyse der Sozio- und Psychogenese des Islamismus soll erklärt werden, warum die islamischen Aktivisten nicht mehr auf den Erlöser warten können und worin die Gründe für ihre Selbstmordattentate liegen.

Seit dem "Antiterrorkrieg" in Afghanistan haben der Islam und die islamistischen Bewegungen in den ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken wieder an Brisanz gewonnen. Uwe Halbach beschreibt die "islamische Wiedergeburt" im nachsowjetischen Raum. Regionsfremde Mächte haben zur Re-Islamisierung dieser Staaten erheblich beigetragen. Neben der Zunahme des Einflusses des politischen Islam tragen aber auch Probleme wie Drogenhandel, Terrorismus und religiöser Extremismus zur Bedrohung der Sicherheit in diesen Ländern bei.

Ein Schlüsselland zum Verständnis des Taliban-Regimes stellt Pakistan dar. Die Regierung und die starke islamistische Szene in Pakistan haben das Regime geduldet und auch unterstützt. Nach den Terroranschlägen habe der pakistanische Machthaber General Musharraf eine Kehrtwende in der Außenpolitik vollzogen und damit eine langjährige verfehlte Politik Pakistans aufgegeben, so Andreas Rieck. Welche gravierenden Auswirkungen das Taliban-Regime auf die Geschlechterpolitik in Afghanistan hatte, zeigt Renate Kreile auf. Die Autorin beschreibt in einem historischen Überblick die diversen Versuche, durch Eingriffe des Staates den tribalen und religiösen Gemeinschaften die Kontrolle über ihre Frauen zu entziehen.