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5.1.2004 | Von:
Marcus Hoinle

Ernst ist das Leben, heiter die Politik

Lachen und Karneval als Wesensmerkmale des Politischen

Die Wesensgleichheit von Lachen und Politik

Lachen ist keineswegs unpolitisch, im Gegenteil, "humor is natural and pervasive in politics"[8]. Denn Lachen und Politik verbindet eine Art Wesensverwandtschaft: Im nach Gemeinschaft strebenden und sprachmächtigen zoon politikon spiegelt sich der gemeindebildende und kommunikative Charakter des Lachens wider. Auf dieser Basis erfüllt Lachen politikrelevante Funktionen: Es bildet temporär Gruppen von Gleichgesinnten und stärkt deren Zusammenhalt; es dient als Waffe in der politischen Auseinandersetzung (Lächerlichmachen), kann aber auch Streitigkeiten entschärfen, Aggressionen reduzieren und Spannungen abbauen und so eine Grundlage gemeinsamer Verständigung schaffen; als ein Phänomen der Öffentlichkeit transportiert Lachen nonverbal Botschaften und Sinngehalte, Meinungen und Intentionen; es stiftet zur Kritik an, indem es verborgen gehaltene Sichtweisen demaskiert, und eröffnet neue Perspektiven, da es emotional aufgeladene Situationen rationalisiert. Neben dieser emanzipativ-revolutionären besitzt Lachen jedoch auch eine konservative Funktion. Denn als eine Art Sicherheitsventil trägt Lachen zur Stabilisierung des politischen Systems bei, indem es als Akt der Zustimmung Anpassung und Sozialisation erleichtert, als Chaos wahrgenommene Zustände und selbst soziale Repressionen erträglich machen kann und, da sich im Vorgang des Verlachens die Entmachtung der Mächtigen realisiert, kurzzeitig dem Ideal der Gleichheit nahe kommt. Als ein Mittel sozialer Kontrolle sanktioniert es darüber hinaus Normabweichungen und Grenzverletzungen: Bei Fehlverhalten droht als Strafe das Aus-Lachen der Gruppe im Sinne eines Aus-der-Gruppe-Lachens.

Lachen lässt sich indes nicht nur zur Steuerung und Beeinflussung politischen Denkens, Verhaltens und Handelns instrumentalisieren. Es zeigt überdies wie ein Seismograph gesellschaftliche Veränderungen an. Eingedenk seines eruptiven Charakters, den der Volksmund in vergleichsweise drastischen Bildern körperlicher Erschütterungen zum Ausdruck bringt - "sich totlachen", "sich kranklachen", "sich kaputtlachen", "Lachkrampf" -, kann Lachen als Zeichen für das Vorhandensein und als Maßstab für die Schwere von Missständen und Umbrüchen in der Gesellschaft interpretiert werden: Gelacht wird dort, wo die vertraute Welt in Unordnung geraten und keine andere Reaktion, etwa handelnd oder sprachlich, möglich ist. Lachen gibt indes Gewissheit, jede nur erdenkliche Situation beherrschen zu können, indem es das Schreckliche und Unaussprechliche verkleinert. Es wirkt dadurch stabilisierend bei der Verarbeitung aktueller Problemlagen, für die noch keine politische Lösung gefunden ist.

Störungen der politischen Ordnung manifestieren sich gemeinhin als Wahrnehmung einer Diskrepanz zwischen den realen Gegebenheiten und den politischen Vorstellungen, Idealen, Wünschen, Bedürfnissen und Normen. Für politisches Lachen ist also die Kongruenz von Anspruch und Wirklichkeit bedeutsam: je tiefer die Kluft zwischen Sein und Sollen, desto lauter und nachhaltiger das Lachen. Vor allem in Zeiten des Wandels und der Krise verschärfen sich die Kontraste und mithin das Gelächter. Hier kommt eine weitere Analogie zwischen Politik und Lachen zum Tragen: So wie Letzteres ein historisch-situatives Phänomen ist, das je nach orts- und zeitspezifischem Profil der heterogenen Strukturen sein Gesicht verändert, kennt auch Politik aufgrund des Widerspiels konservativer und progressiver Kräfte die grundsätzliche Vorläufigkeit jeglicher Ordnung und die ländereigene Verschiedenartigkeit der politischen Systeme, Kulturen und Lachkulturen.

Insofern stellt Politik ein weites Feld an Lachgelegenheiten dar. Konstatiert wird indes gemeinhin der Rückgang politischen Humors[9] und der "Niedergang des Humors in der Politik"[10]. Die Gründe hierfür sind scheinbar schnell gefunden. Vielfach heißt es, die Deutschen, ohnehin ein "Volk ohne Witz"[11], lebten in einem gut funktionierenden politischen System mit freier Meinungsäußerung und einer Gesellschaft der Mitte ohne tief greifende Spaltung,[12] so dass sich dem politisch motivierten Lachen nicht genügend Angriffsfläche biete. Einer Demokratie, in der jener Leidensdruck fehle, der in Diktaturen vorherrsche und dort Lachen zur Herstellung von Öffentlichkeit und zum Angst- und Frustrationsabbau benötige, stünden andere Formen der Bewältigung politischer Probleme und Missstände zur Verfügung.[13] Joyce O. Hertzler hingegen meint, dass politischer Humor der Freiheit als dessen unabdingbarem Nährboden wegen gerade in Demokratien am besten gedeihe,[14] und Charles E. Schutz behauptet gar, "democratic politics is a kind of comedy"[15]. Einen dritten Standpunkt vertritt Hans Speier. Er zieht aus der Tatsache, dass politische Witze einer gewissen Zeitlosigkeit unterliegen und ungeachtet der Herrschaftsverhältnisse von Generation zu Generation in nur leicht geändertem Gewande fortbestehen, den Schluss: "Für die Lachenden spielte offenbar der Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie keine Rolle."[16]

Die unterschiedlichen Ansichten resultieren aus den paradoxen Bedingungen des Lachens. Denn das Komische, die elementare Materie des Lachens, verflüchtigt sich in der Tat aus der gewohnten Lebenswelt des Einzelnen.[17] Es entschwindet jedoch, indem es sich partialisiert und grenzüberschreitend ausweitet. Geht man davon aus, dass Lachen durch Inkongruenz und den Aufprall entgegengesetzter, strikt getrennter Sphären, Normen, Meinungen oder Weltanschauungen entsteht,[18] dass es jedoch im Zuge des Zivilisationsprozesses einerseits zu einer Ausdifferenzierung und Ausdehnung von Lebensräumen, andererseits zu einer Überlappung der Grenzzonen und Verminderung der Kontraste zwischen diesen Segmenten kam, so nehmen zwar im Laufe der Zeit die Inkongruenzen und Kollisionen zu, gleichzeitig verringern sich aber das Ausmaß der Nichtübereinstimmung sowie die Heftigkeit des Zusammenpralls.[19] Mit anderen Worten: In einer pluralistischen Demokratie erzeugt die Vielzahl der Berührungs- und Schnittpunkte mannigfaltige Konflikte, Spannungen und Normverstöße, doch diese sind im Regelfall weder total noch radikal, wie sie es in repressiven oder streng regulierten Systemen fast zwangsläufig sein müssen. Lachen büßt in einer Demokratie an funktionaler Bedeutung ein. Es ist mithin weniger aggressiv, wirkt aber auch weniger befreiend, seine Gruppenbildung ist unverbindlicher, seine Botschaft weniger eindeutig.

Man kann daher nicht pauschal von einem Rückgang politischen Humors sprechen. Vielmehr verteilen sich dessen Ziele auf eine Fülle von variablen Objekten, wodurch er beständig seine Gestalt verändert. Lachen unter totalitären Verhältnissen fokussiert hingegen eine gleichbleibend knappe Sujetmenge, etwa wenige zentrale Personen, und gründet auf dem Reiz des Verbotenen und Gefährlichen, der Lachlust wie Aufmerksamkeit steigert. In der Enge einer Diktatur treffen politische Witze, während sie in der Weite einer Demokratie, in der politischer Humor den Status des Selbstverständlichen besitzt, so dass Lachenden und ihrem Lachanlass zwangsläufig weniger Augenmerk zuteil wird, an Schärfe verlieren. Ein demokratisch geprägtes, an Normenvielfalt gewöhntes Bewusstsein baut eine erhöhte Erwartungshaltung gegenüber Phänomenen des Extremen auf. Abweichende Denk- und Verhaltensweisen integriert die demokratische Gesellschaft durch die allmähliche Ausweitung ihrer Toleranzgrenzen, so dass sie regressiven, anarchischen oder avantgardistischen Bewegungen die Spitze nimmt. Die Eingliederung ebnet die Gegensätze bis zu einem Grad ein, an dem sich Lachen nur noch stark entfunktionalisiert entzündet.

Da Politik zudem ihrer Natur gemäß eng mit anderen Segmenten der Gesellschaft verflochten ist, vermengen sich die Anlässe politischen Lachens häufig mit anderen Lebenswelten des Menschen, mit Familie, Medizin, Sport, Sexualität, Kunst, Technik und Wirtschaft. Diese Tendenz zur ubiquitären Ausdehnung der Wirk- und Einflusssphären begründet neben dem kommunitären und kommunikativen Wesenszug sowie der strukturellen Polarität und Heterogenität als Entstehungsquellen und Antriebsmotoren eine dritte Gemeinsamkeit von Lachen und Politik. Wie das Politische durchdringt das Komische alle Daseinsbereiche des Menschen, so dass Lachen einerseits kaum noch Tabuschranken kennt und andererseits in erster Linie kulturell geformt sowie ob der Vielfalt der Wechselbeziehungen in zunehmend unterschiedlicher Gestalt auftritt.[20] Auf diese Weise wird die Welt zum einen beständig komischer respektive politischer, zum anderen erschwert aber die übergreifende Politisierung die Markierung des spezifisch Politischen. Folglich mangelt es weniger an politischem Humor als an der Unterscheidbarkeit des politischen Gehalts.[21] Hier zeigt sich letztendlich die Raffinesse politisch motivierten Lachens: Wir lachen vordergründig über Allzumenschliches, dahinter aber verbirgt sich eine politische Botschaft, die wir lachend akzeptieren.[22] Durch diese Doppelbödigkeit lassen sich unangenehme Wahrheiten verdeckt aussprechen, umgekehrt schließt selbst das simple Lächerlichmachen von Politikern einen kritischen Sinngehalt mit ein.

So reduziert der Lachende etwa mit dem Fingerzeig auf Eigenarten oder Defizite moralischer, geistiger und körperlicher Art die Fallhöhe des "Opfers", über dessen Schwächen und Fehler er sich erhebt.[23] Durch die "vermenschlichende Verkürzung des Abstandes von Regierenden und Regierten"[24] gelingt eine dem realen Machtgefüge nicht entsprechende Egalisierung für den Augenblick des Lachens.[25] In einer modernen demokratischen Gesellschaft sinken indes aufgrund des fortschreitenden Verlustes des Numinosen in der Politik ohnehin Respekt und Furcht vor der politischen Elite. Lachen verstärkt diese Tendenz. Idealiter kommt so auf informellem Weg eine Rückbindung des politischen Systems an die Gesellschaft, das Wachhalten der Öffentlichkeit und eine Steigerung des Engagements zustande. Wer aber mittels Auslachen die Größe der Mächtigen zu schmälern sucht, dokumentiert zugleich seine eigene Ohnmacht. Realiter werden deshalb bestehende Verhältnisse akzeptiert, gar zementiert. Indizien hierfür sind der schleichende Schwund des politischen Kabaretts, der mit der Festigung des politischen Systems der Bundesrepublik einhergeht, aber auch die der These eines Niedergangs politischen Humors widersprechende Unzahl von Witzen und Karikaturen, die Altkanzler Helmut Kohl zum Gegenstand haben.[26]

Über kaum einen Politiker der Bundesrepublik wurde so viel gelacht wie über Helmut Kohl, in Sonderheit zu Beginn seiner Amtszeit als Bundeskanzler. Die Dissonanzen zwischen einem sich volksnah gebenden "Kanzler aller Deutschen" und einem geschickten Parteitaktiker, zwischen provinzieller Ausstrahlung und staatsmännischer Amtseignung sowie zwischen der avisierten geistig-moralischen Wende und handfesten Skandalen sorgten - und sorgen - für ausreichend Lachgelegenheiten. Doch je mehr gelacht wurde, desto gefestigter präsentierte sich trotz realer Stimmverluste die Regierung Kohl. Denn die Volkstümlichkeit entschärfte die Lachattacken, indem sie einerseits die Anlässe des Lachens vermehrte, andererseits aber die Fallhöhe zum lachenden Bürger verminderte: So viel Heiterkeit war nie, wenn auch selten so flach und unverbindlich.


Fußnoten

8.
Charles E. Schutz, Political Humor. From Aristophanes to Sam Ervin, Cranbury, N. J. 1977, S. 45. Humor ist die Gemütsverfassung des Trotzdem, die ungeachtet aller Widrigkeiten und Erschütterungen dem Dasein komische Seiten abgewinnen kann und der Ernsthaftigkeit von Politik mit einem Lachen begegnet.
9.
Vgl. Joyce O. Hertzler, Laughter. A Socio-scientific Analysis, Jericho, N.Y. 1970, S. 213.
10.
Christian de Nuys-Henkelmann, "Ach, Schnucki (...)" Humor in der Politik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 1/1985, S. 3 - 15, hier S. 3 (Hervorhebung im Original).
11.
Otto F. Best, Volk ohne Witz. Über ein deutsches Defizit, Frankfurt/M. 1993.
12.
Vgl. Klaus Hansen, Das kleine Nein im großen Ja. Witz und Politik in der Bundesrepublik, Opladen 1990, S. 137.
13.
Vgl. ebd., S. 137ff.; vgl. auch Lutz Röhrich, Der Witz. Figuren, Formen, Funktionen, Stuttgart 1977, S. 216; Eike Christian Hirsch, Der Witzableiter oder Schule des Gelächters, Hamburg 1985, S. 252f.; Gregor Benton, The Origins of the Political Joke, in: Chris Powell/George E.C. Paton (Hrsg.), Humour in Society. Resistance and Control, London 1988, S. 33 - 55, hier S. 34; Hans-Jochen Gamm, Der Flüsterwitz im Dritten Reich. Mündliche Dokumente zur Lage der Deutschen während des Nationalsozialismus, München 1990(2), S. 190.
14.
Vgl. J. O. Hertzler (Anm. 9), S. 145. Allerdings schwinde aufgrund des wachsenden Konformismus und des sich beschleunigenden soziokulturellen Wandels, der das Gespür für die Veränderungen zerstöre, auch in Demokratien allmählich das Lachen.
15.
Ch. E. Schutz (Anm. 8), S. 37.
16.
Hans Speier, Witz und Politik. Essay über die Macht und das Lachen, Zürich 1975, S. 55. Als Beispiel führt er Witze an, die sowohl gegen Hitler und Stalin als auch gegen Willy Brandt im Umlauf waren.
17.
Infolgedessen wächst mit dem Verlangen nach Lachgelegenheiten auch der Bedarf an professionellen Spaßmachern und Possenreißern. So öffneten 1999 in Köln und Hannover Comedy-Schulen ihre Pforten, um vor allem TV-Sender mit jungen Unterhaltungstalenten zu versorgen. Bundesweit entstanden ferner so genannte "Lachclubs", in denen unter Anleitung in Gruppen gelacht werden kann. Ähnlich britischen Patienten, die eine "Humortherapie" auf Rezept erhalten, um durch Lachen den Heilungsprozess ihrer Krankheit in Gang zu setzen oder zu beschleunigen, kommt auch in der Bundesrepublik Lachen seit den späten achtziger Jahren als Mittel in der Psychotherapie zur Anwendung. Diese unterschiedlichen Beispiele machen die Bedeutung des Lachens im Alltag deutlich. Zugleich sind sie Indizien seiner Kultivierung und Artifizierung und damit des Verlustes seiner Natürlichkeit.
18.
Ein überwiegender Teil der neuzeitlichen Theorien über das Komische lässt sich mutatis mutandis auf diese Kernaussage zurückführen. Zum Beispiel Friedrich Georg Jünger, Über das Komische, Frankfurt/M. 1948 (Orig. 1898), S. 13: "Alles Komische geht aus einem Konflikt hervor"; Henri Bergson, Das Lachen. Ein Essay über die Bedeutung des Komischen, Frankfurt/M. 1988 (Orig. 1900), S. 32ff.: "Etwas Mechanisches überdeckt etwas Lebendiges"; Joachim Ritter, Über das Lachen, in: ders., Subjektivität. Sechs Aufsätze, Frankfurt/M. 1974 (Orig. 1940), S. 62 - 92, S. 78: Es gehe darum, "im Komischen die Identität eines Entgegenstehenden und Ausgegrenzten mit dem Ausgrenzenden herzustellen"; Helmut Plessner, Philosophische Anthropologie. Lachen und Weinen. Das Lächeln. Anthropologie der Sinne, Frankfurt/M. 1970, S. 93: Das Komische demonstriere "Gegensinnigkeit als Einheit"; Peter L. Berger, Erlösendes Lachen. Das Komische in der menschlichen Erfahrung, Berlin-New York 1998, S. 7: "Das Komische erscheint als Antithese zu den ernsten Angelegenheiten."
19.
Zum Zivilisationsprozess vgl. Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, zwei Bände, Frankfurt/M. 199720 (Orig. 1939).
20.
Vgl. Heinz Otto Luthe, Komik als Passage, München 1992, S. 189. Neue Ausdrucksformen des Lachens entstanden im 20. Jahrhundert beispielsweise durch Kino und Fernsehen (slapstick, screwball, sitcom).
21.
Dass es in politischen Witzen oft mehr um Privates denn um die große Politik geht, konstatiert beispielsweise L. Röhrich (Anm. 13), S. 209.
22.
Der Spott über Rudolf Scharpings bedächtige Sprechweise oder seine Stürze vom Fahrrad ist über die allgemein-menschliche Schadenfreude hinaus erst in zweiter Linie in seiner politischen Relevanz erkennbar, etwa als subkutaner Hinweis auf die vermutete Nicht-Befähigung, hohe Partei- oder Staatsämter zu bekleiden. Ebenso wenig deutlich ist folgender Witz, in dem zunächst die zwischenmenschliche Komponente einer ehelichen Beziehung im Vordergrund steht: Hannelore Kohl zu ihrer Freundin: "Ich habe eine alte Hölderlin-Ausgabe für meinen Mann bekommen." Darauf die Freundin: "Guter Tausch!" Unterschwellig klang vor der Bundestagswahl 1998 zudem der Aufruf zur vermeintlich überfälligen Abwahl eines verbrauchten Kanzlers ("alte Hölderlin-Ausgabe") durch Veränderung der Mehrheiten an. Auf einer weiteren Ebene erscheint Kohl kontrapunktisch zu Hölderlin als wenig intelligent und ungebildet.
23.
Das Sich-lustig-Machen über die Defizite anderer Menschen ermöglicht es uns, das Bild, das wir von uns selbst haben, zu filtern und uns selbst als gesunde und schöne Menschen zu sehen. Wir übertragen die potenziellen Absonderlichkeiten unseres Körpers und Geistes auf den Verlachten, vgl. Maurice Lever, Zepter und Narrenkappe. Geschichte des Hofnarren, München 1983, S. 86.
24.
Chr. de Nuys-Henkelmann (Anm. 10), S. 4.
25.
So auch K. Hansen (Anm. 12), S. 88; ähnlich H. Speier (Anm. 16), S. 38, und Ch. E. Schutz (Anm. 8), S. 44.
26.
Die zahllosen Kohl-Witze erzeugten ihrerseits Meta-Witze, also Witze über Kohl-Witze: Als sich Kneipenbesucher Zahlen zurufen - "100", "120", "180", "200" -, fragt einer am Tresen: "Was ist denn mit denen los? Streiten die über's Tempolimit?" - "Nö, die streiten, wer von ihnen die meisten Kohl-Witze erzählen kann!". Zit. in: Andreas Schmidt, Politische Autorität im Witz. Zur Grundlage der Prävalenz als Agens des politischen Witzes in der Bundesrepublik Deutschland inklusive eines Forschungsberichts, Darmstadt 1988, S. 161.