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5.1.2004 | Von:
Marcus Hoinle

Ernst ist das Leben, heiter die Politik

Lachen und Karneval als Wesensmerkmale des Politischen

Die Gemeinsamkeiten von Karneval und Politik

Gruppenbildung, kommunikativer Charakter, strukturelle Polarität und Heterogenität sowie Ubiquität stellen nicht nur die Eckpunkte der Wesensgleichheit von Lachen und Politik dar, sie schaffen zudem die Voraussetzung dafür, dass Karneval im 19. Jahrhundert zu einem Vehikel für die Verbreitung politischer Inhalte werden konnte (Politisierung des Karnevals) und das politische Geschehen heute bisweilen karnevaleske Züge annimmt (Karnevalisierung der Politik). Entstehung und Verlauf dieser Entwicklungslinien basieren auf grundlegenden Gemeinsamkeiten von Karneval und Politik, die ihrerseits aus der Geistesverwandtschaft des Lachens und der Politik hervorgehen: Das sind

die für eine aktive Teilnahme am Geschehen keineswegs zwingende, aber das Zusammengehörigkeitsgefühl festigende, Eliten herausbildende und die Vergabe von Machtpositionen regelnde Mitgliedschaft in Karnevalsvereinen respektive Parteien und Verbänden;

das auf Unterhaltung, Überzeugung und Zustimmung abzielende Sprechen coram publico in der Bütt oder am Rednerpult; der politische Aschermittwoch, an dem derbe Sprüche nicht nur erlaubt, sondern geradezu erwartet werden, ist gewissermaßen eine Verlängerung des Karnevals in den politischen Alltag hinein;

das Denken in polaren Schemata (hoch-niedrig, Leben-Tod, Geist-Körper respektive links-rechts, progressiv-konservativ, arm-reich, Regierung-Opposition, Freund-Feind);

das Überschreiten von Grenzen und die Tabulosigkeit bei der Themenwahl; idealiter werden in der Politik auch randständige Problemfelder angesprochen, und marginalisierten Personen und Gruppen, die in der öffentlichen Diskussion keine Stimme haben, wird repräsentativ eine Stimme verliehen.

Karneval ist die spielerische Gefährdung der rationalen Ordnung, die reglementierte Störung des öffentlichen Lebens. Sein subversives, anarchisches Potential erinnert stets an die mögliche Katastrophe, zeigt die Brüchigkeit des soziokulturellen und politischen Systems auf und ermahnt damit zu Disziplin im Alltag. Zum Wesen des Karnevals gehört daher das Bewusstsein von Veränderung, Erneuerung und Vergänglichkeit. Analog wird Politik von der Relativität jeder Herrschaft bestimmt. Vor allem in einer Demokratie ist nichts von Dauer, konstitutiv sind hingegen Wechsel und Ablösung. Andererseits bilden beide Gesetzmäßigkeiten und Konventionen heraus, um Kontinuität im Wandel zu gewährleisten. Vornehmlich Institutionen und Akteure (Elferrat, Karnevalsprinz, Funkenmariechen respektive Parlament, Abgeordnete, Kanzler, Präsident), Zeitpunkte und -räume (11.11., 11.11 Uhr und Rosenmontag respektive Legislaturperiode, Neujahrsansprache) und ritualisierte Abläufe (Ordensverleihung, Zeremonien, Bräuche respektive Amtseid, Haushaltsdebatten, Wahlen) geben Karneval und Politik eine feste Struktur und formen den Erwartungshorizont des Publikums.

Zudem finden beide in der Öffentlichkeit, in Sälen und auf Plätzen, statt und bedürfen daher neben verbaler Artikulation insbesondere der Visualisierung, Symbolisierung und theatralischen Inszenierung (Kostüme, Masken, Narrengericht respektive Flaggen, Parteifarben, Wahlkämpfe). Auf der karnevalistischen und politischen Bühne verbinden sich Präsentation und Repräsentation auf ganz spezifische Weise: Die Sündenbockfunktion des Narren spiegelt sich in der Stellvertreterrolle des Politikers wider, die ihn für alle Missstände in der Gesellschaft verantwortlich und - ob zu Recht oder Unrecht - a priori des Lügens, der Faulheit, der Bereicherung, der Bestechlichkeit und der Inkompetenz verdächtig macht. Überdies verkörpern Politiker das öffentliche Gewissen, das sie durch echte oder inszenierte Empörung und Betroffenheit entlasten: "Unsere Politiker tragen den Ernst als Maske, um uns den Ernst der Lage zu ersparen."[27] Ihr Engagement für das Gemeinwesen befreit den Einzelnen von Eigeninitiative und einer über punktuelle Ad-hoc-Aktivitäten hinausgehenden Mitwirkung sowie von konstantem Entscheidungs- und Handlungsdruck, indem sie im Auftrag des Wählers stellvertretend Probleme angehen und - wie dies auch Komödianten, Komiker und Kabarettisten für ihr Publikum tun - Konflikte bewältigen. Damit vermag der Bürger quasi per Stimmabgabe die eigene Unvollkommenheit, seine Ängste und Hoffnungen auf den Repräsentanten zu projizieren und sich zumindest eines Teils seiner Verantwortung für die Gesellschaft zu entledigen.

Wird die Leistung der politischen Repräsentanten als defizitär wahrgenommen, äußern sich Unzufriedenheit und Protest unter anderem in politischen Demonstrationen. Diese ähneln in gewisser Weise Karnevalsumzügen: Beide stellen stabilisierende Faktoren dar, indem sie als Großveranstaltungen zur Kanalisierung einer Massenhandlung beitragen und sich als Ventil für emotional aufgeladene Stimmungen eignen. Fahnen, Parolen, Schlagwörter, Symbole und Kleidung sind gleichsam Masken, die den Einzelnen in eine Gruppe Gleichgesinnter einbetten und seine Rolle auf der politischen Bühne festschreiben. Durch das Anlegen solcher Masken repräsentiert der Träger die Gemeinschaft, für deren Ziele er kämpft.


Fußnoten

27.
Norbert Bolz, Schock des Weltterrors. Wider die Pathosformel der Neuen Ernsthaftigkeit, in: Frankfurter Rundschau vom 6.11. 2001, S.17.