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5.1.2004 | Von:
Marcus Hoinle

Ernst ist das Leben, heiter die Politik

Lachen und Karneval als Wesensmerkmale des Politischen

Fazit

"Sind wir hier im Karneval?"[49] In Debatten verwenden Abgeordnete des Deutschen Bundestages vielfach Begriffe aus dem sprachlichen Umfeld des Lachens, um die Seriosität der Argumentation eines politischen Gegners in Zweifel zu ziehen[50] oder dessen Glaubwürdigkeit zu untergraben[51]. Gleichzeitig greifen sie mit demselben Wortschatz Kolleginnen und Kollegen an und werfen ihnen vor, durch ihre Rede- und Verhaltensweisen im Plenum die Würde des Hohen Hauses zu verletzen.[52] Diese verbale Gratwanderung kann gelingen, da die Grenzen zwischen Ernst und Unernst auch in der Politik fließend sind. Komisches und Ernstes treten immer gemeinsam in Erscheinung, das eine ist vom anderen nicht zu trennen: "We might say that the greater the potential for conflict, the greater the comic veil."[53]

Das ändert nichts an der Tatsache, dass Politik - ebenso wie der vereinsmäßig betriebene Karneval - grundsätzlich eine ernste Angelegenheit ist. Der Verlust an Politikfähigkeit jedoch ist evident: Ausweitung der Handlungssphären, aber Einschränkung der Handlungsmöglichkeiten; steigende Erwartungshaltungen, aber Verringerung der Gestaltungskraft; steigender Problemlösungsdruck, aber Verkürzung der Halbwertzeit politischer Projekte und Maßnahmen. Lachen vermag zeitweise vom Druck zu befreien, Defizite auszugleichen und Freiräume zu schaffen. Es stärkt den Gemeinsinn, fördert Kreativität und Reformbereitschaft und baut Frustpotentiale ab. Seine therapeutische Wirkung entfaltet sich vor allem bei der Verarbeitung von Schreckensnachrichten, die auf andere Weise nicht kompensiert werden können: Humor ist, wenn man trotzdem lacht.[54]

Wer sich indes über alles und jeden lustig macht, alles irgendwie witzig findet, schwächt die Funktionen, die das Lachen für die Politik haben kann, und stärkt die Tendenz zur Karnevalisierung als Impulsgeberin der indifferent-unverbindlichen Spaßgesellschaft. Das Fortschreiten des Karnevalisierungsprozesses ist ein soziokulturelles Phänomen, das als Begleiterscheinung des öffentlichen Lebens das politische Geschehen zwar keineswegs dominiert, aber einen gut Teil der Aufmerksamkeit auf sich zieht, da es das alltägliche Routinegeschäft der Politik punktuell und situationsgebunden überlagert. Das Ausmaß der Karnevalisierung nimmt jedoch auch deshalb zu, weil das dem Politischen artverwandte karnevalistische Element seinerseits auf eine sich beständig verändernde "politische Kultur, in der medial inszenierte Emotionen, Privates und Unterhaltung immer mehr Bestandteil der Politik selbst werden"[55], reagiert. So stellt der Karneval - wie auch das Lachen - einen nicht unbedeutenden Mosaikstein dar, ohne den das aktuelle Bild der Politik unvollständig wäre.


Fußnoten

49.
So Leyla Onur (SPD) im Deutschen Bundestag, 14/133/12812 (14. Legislaturperiode/133. Sitzung/S. 12812 des Sitzungsprotokolls).
50.
"Die sogenannte ökologische Steuerreform erweist sich immer mehr als eine Lachnummer." (Peter Rauen, CDU/CSU, 14/11/659); "Sie halten hier ja eine Büttenrede! Das hat mit seriöser Auseinandersetzung nichts zu tun!" (Steffen Kampeter, CDU/CSU, 14/138/13484); "Sie vertreten hier nebulöse Konzepte und halten das sogar noch für Finanzpolitik. Da kann ich ja nur lachen!" (Antje Hermenau, Bündnis 90/Die Grünen, 14/252/25492).
51.
"Ach, Herr Poß, Sie sind ein Witzbold!" (Peter Rauen, CDU/CSU, 14/88/8138); "Herr Bosbach, Sie machen sich schon wieder lächerlich!" (Wilhelm Schmidt, SPD, 14/142/13903).
52.
"Hör mal, wir sind doch nicht im Kasperltheater!" (Wilhelm Schmidt, SPD, 14/45/3764); "Sind wir hier im Kabarett?" (Hans-Joachim Fuchtel, CDU/CSU, 14/123/11821); "Das Parlament ist keine Karnevalsveranstaltung!" (Klaus Brandner, SPD, 14/144/14139).
53.
Charles E. Schutz, Cryptic humor: the subversive message of political jokes, in: Humor. International Journal of Humor Research, 8 (1995) 1, S. 51 - 64, hier S. 54.
54.
So das Motto des Erzählbandes "Die Yankeedoodlefahrt und andere Reisegeschichten" von Otto Julius Bierbaum (1909).
55.
Hermann Strasser/Achim Graf, Schmidteinander ins 21.Jahrhundert. Auf dem Weg in die Spaß- und Spottgesellschaft?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 12/2000, S. 7 - 16, hier S. 13.