Fünf Symbole für die Weltreligionen (v. l.) Judentum, Christentum, Hinduismus, Islam und Buddhismus

6.7.2018 | Von:
Friedrich Wilhelm Graf

Ein Kreuz. Zum aktuellen Religionsdiskurs in Deutschland - Essay

Auch lässt sich in deutschen Religionsdebatten noch immer Kulturkampfmentalität beobachten. Thomas Blume, der Generalsekretär der CSU, bezeichnete die Kritiker des Kreuz-Beschlusses als entweder "Religionsfeinde" oder "Selbstverleugner". Vielleicht müssen Politiker in Wahlkampfzeiten so denken. Aber der Eigensinn der Religion wird durch solche an Carl Schmitt erinnernde Rhetorik nur beschädigt.

Auch ein großer Text in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ), mit dem Heinrich Bedford-Strohm nach ihm widerfahrener Kritik noch einmal in die Debatte eingriff, ließ keine klare theologische Haltung erkennen. Zwar ging der Ratsvorsitzende mit ausdrücklichem Bezug auf den bayerischen Ministerpräsidenten nun zur "einseitigen Okkupation des zentralen christlichen Symbols durch die Politik" auf Distanz und betonte die Aufgabe der Kirchen, "den Sinn des Kreuzes öffentlich deutlich zu machen".[12] Aber es dürfte gerade darauf ankommen, wie dies geschieht. Bedford-Strohm wollte mit Luther die "Dinge (…) beim rechten Namen genannt" wissen. Doch auf trennscharfe theologische Begriffe verzichtete er in Sachen "Kreuz". "Es kann im Lichte von Luthers Heidelberger Disputation gerade nicht auf ein Zeichen einer erfolgreichen Kultur- und Beheimatungsleistung reduziert werden, sondern es ist mindestens genauso das Zeichen einer zum Nachdenken bringenden Infragestellung aller weltlichen Werte. Nur aus dieser theologischen Tiefe heraus kann es Zeichen einer Heimat sein, die sich im Glauben erschließt."

Das war eine nur unklare theologische Deutung des "Wortes vom Kreuz". Denn der Landesbischof bestritt nicht, dass das Kreuz das "Zeichen einer erfolgreichen Kultur- und Beheimatungsleistung" ist – man soll es nur nicht darauf "reduzieren" dürfen. Denn "mindestens genauso" – wirklich: "genauso"? – soll es als Symbol kritischer Selbstreflexion "aller weltlichen Werte" gelten können. Abgesehen von der "Werte"-Semantik überraschte es zu sehen, dass der religiöse Gehalt des christlichen Zentralsymbols mit einer behaupteten kulturellen Funktion parallelisiert und nicht einmal entschieden vorgeordnet wurde. Dabei blieb der theologische Gehalt des Begriffs der "Heimat" vage, auch wenn er, politisch sehr zeitgeistkonform, aus christologischer "Tiefe heraus" geadelt werden soll. Wie und weshalb der Glaube dazu dienen können soll, "Heimat" zu erschließen, erklärte Bedford-Strohm nicht. Offenkundig fällt es selbst führenden Vertretern der christlichen Kirchen im Lande schwer, die Botschaft des Evangeliums in prägnanten, klaren Begriffen und allgemein verständlich zu kommunizieren. Ein Redakteur der FAZ warf ihnen denn auch vor, "eher moralinsaure Glückskeks-Floskeln denn christliche Glaubensbotschaften" zu verbreiten.[13]

Politisch naiv und hilflos war der Versuch, das regierungsamtlich verordnete Aufhängen von Kreuzen in Staatsgebäuden mit einem volksmissionarischen Programm zu verknüpfen. "Wenn das Kreuz in öffentlichen Gebäuden hängt, sollte es an das Geheimnis der Erlösung durch Jesus Christus erinnern, auch an die im Glauben gewonnene Freiheit, dem Nächsten zu dienen, an die Humanität, die darin ihre größte Würdigung erhält, dass Christus für alle Menschen gestorben ist."[14] Wie der Landesbischof sicherstellen will, dass Menschen das in staatlichen Räumen hängende Kreuz bei Behördengängen als Zeichen der "Erlösung" deuten, sagte er nicht.

Gehört das "Geheimnis" des Glaubens in die Behördenräume einer Demokratie, die gerade auf politischer Transparenz gründet? Dass der aus politischen Gründen zum Kreuzestod verurteilte Jude Jesus von Nazareth "Christus" sei, ist Interpretament der nach seinem Tod an ihn Glaubenden. Dass sein Tod für "alle Menschen" heilsbedeutsam sei, ist ebenfalls ein christliches Glaubenszeugnis, wird also von vielen Menschen nicht geteilt.

Bei Paulus kann man zum Kreuz lesen, dass es den Griechen eine "Torheit" und den Juden ein "Ärgernis" sei. So überraschte es, dass die Regionalbischöfin für München und Oberbayern und Ständige Stellvertreterin des Landesbischofs, Susanne Breit-Keßler, das Kreuz Anfang Mai in ihrer Predigt zur Eröffnung der Landesausstellung "Wald, Gebirg und Königstraum – Mythos Bayern" in Kloster Ettal als ein "inklusives Symbol" bezeichnete. Das Kreuz erinnere daran, "dass der wahre Gott sich als wahrer Mensch offenbart".[15] Nun mag dies für Glaube und Hoffnung der Christen entscheidend sein. Aber es bedeutet nicht, dass sich jeder Bürger des Freistaates Bayern durch das Kreuz positiv angesprochen fühlen muss. So wies Mohamed Abu El-Qomsan, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Bayern, darauf hin, dass sich "weder Juden noch Atheisten noch Muslime" mit dem Kreuz identifizieren könnten, und verlangte, nun das Tragen von Kopftüchern im öffentlichen Dienst zu erlauben.[16] Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, erklärte es angesichts der "Mammutaufgabe Integration" hingegen für "wichtig und richtig", dass der Staat die Anerkennung von Normen und Werten einfordere.[17]

Michael Brenner, der Inhaber des Lehrstuhls für jüdische Geschichte der Münchner Universität, widersprach ihr indirekt, indem er in der SZ die vielfältigen Diskriminierungserfahrungen beschrieb, die seine Kindheit und Jugend als Jude in der Oberpfalz geprägt hatten. In seiner Kritik der verlogenen "Konstruktion vom christlich-jüdischen Abendland" erinnerte er daran, dass das Kreuz für Juden immer "auch ein Symbol" war, "das während vieler Jahrhunderte für Intoleranz, Verfolgung und Bekehrungseifer stand".[18] Weil es "doch einzig und allein das Symbol der christlichen Glaubensgemeinschaften" sei, wirke es auch heute noch exkludierend. "Alle anderen, egal ob sie unter dem Kreuz gelitten haben oder nicht, können sich von diesem Symbol nicht miteingeschlossen fühlen. Eine ‚identitätsstiftende, prägende Wirkung‘, wie Markus Söder sie sieht, hat das Kreuz für Juden, Muslime und Atheisten nun einmal nicht. Es macht sie zu Außenseitern. Vielleicht gehören sie ja auch ein bisschen dazu, aber eben nicht ganz."

"Ich freue mich darüber, wenn politisch Verantwortliche sich bewusst unter das Kreuz stellen", erklärte Regionalbischöfin Breit-Keßler. Doch ob ein Politiker ein frommer Protestant sein will und andere Politikerinnen ihr Leben als gute Katholikinnen führen wollen, stand im Streit um den Kreuz-Erlass nicht zur Debatte. Vielmehr ging es um die Frage, ob der freiheitliche Verfassungsstaat, der sich um seiner religiös-weltanschaulichen Neutralität willen mit keiner Religion und Weltanschauung identifizieren darf, in Bayern aus welchen Gründen auch immer die Mehrheitsreligion symbolpolitisch privilegieren darf.

Diese Frage wurde auch von Verfassungsrechtlern kontrovers diskutiert. Der einstige Verfassungsrichter Udo di Fabio erklärte den Kreuz-Erlass in der "Zeit" für verfassungskonform und wies darauf hin, "dass viele Menschen islamischen Glaubens und auch manche Atheisten ihre Kinder gerne in konfessionelle Kindertagesstätten oder Schulen schicken": "Vielleicht ist für sie ein Kreuz beim Betreten einer öffentlichen Behörde eher Beruhigung denn Provokation."[19] Der Würzburger Rechtsprofessor und Autor eines jüngst erschienenen, viel diskutierten Buches über die religiös-weltanschauliche Neutralität des modernen Verfassungsstaates,[20] Horst Dreier, erklärte den Erlass der Bayerischen Staatsregierung hingegen für verfassungswidrig.[21] Dieter Grimm, der als Bundesverfassungsrichter das Karlsruher Kruzifix-Urteil von 1995 entscheidend geprägt hat,[22] stimmte dem entschieden zu – mit der bemerkenswerten These, dass der Versuch der Bayerischen Staatsregierung, "gern von den kirchlichen Legitimitätsressourcen" zu zehren, für die Kirchen gefährlich sei: "Die Kirchen können bei dieser Umarmung nur verlieren."

Dies dürfte in der Tat die entscheidende Frage sein: Tut es dem Christentum im Lande gut, wenn sich der Staat seines Zentralsymbols bedient? Oder wird durch inflationäre Aufhängung das Kreuz nur entwertet? Selbst in den Religionsdebatten, wie sie in den Kirchen und sonstigen Religionsgemeinschaften Deutschlands geführt werden, wird diese Frage nur sehr selten gestellt. Dies tut dem öffentlichen Diskurs über die neue Vielfalt der Glaubensweisen im Lande nicht gut.

Fußnoten

12.
Hier und im Folgenden Heinrich Bedford-Strohm, Den Sinn des Kreuzes öffentlich machen, in: FAZ, 7.5.2018, S. 7.
13.
Reinhard Müller, Es ist ein Kreuz, in: FAZ, 28.4.2018, S. 1.
14.
Bedford-Strohm (Anm. 12).
15.
Für den Text der Predigt siehe http://www.samerbergernachrichten.de/landesausstellung-in-ettal-predigt«.
16.
Siehe dazu Gschwendtner/Schneider (Anm. 5).
17.
Ebd.
18.
Hier und im Folgenden Michael Brenner, Fremd im Freistaat, in: SZ, 5./6.5.2018, S. 45.
19.
Udo di Fabio, Gott steht im Grundgesetz, in: Die Zeit, 3.5.2018, S. 4.
20.
Horst Dreier, Staat ohne Gott. Religion in der säkularen Moderne, München 2018.
21.
Ders., Verstößt das Kreuz in bayerischen Behörden gegen das Grundgesetz? Eine kurze verfassungsrechtliche Prüfung, in: Die Welt, 30.4.2018, S. 21
22.
Andreas Zielcke, "So verstehe ich das Grundgesetz". Interview mit Dieter Grimm, in: SZ, 17.5.2018, S. 13.
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Autor: Friedrich Wilhelm Graf für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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