Fünf Symbole für die Weltreligionen (v. l.) Judentum, Christentum, Hinduismus, Islam und Buddhismus

6.7.2018 | Von:
Gert Pickel

Säkularisierung, Pluralisierung, Individualisierung. Entwicklung der Religiosität in Deutschland und ihre politischen Implikationen

Religiosität ist die individuelle Ausprägung des Religiösen. Ihre Verteilung in einer Bevölkerung gibt Auskunft über die soziale Bedeutung von Religion in einer Gesellschaft sowie über ihre aktuelle gesellschaftliche Tiefenwirkung. Struktur und Verteilung von Religiosität sagen auch etwas über die Legitimität von religiösen Gemeinschaften aus. So kann etwa eine Kirche als Sozialform des Religiösen über kurz oder lang nur dann gesellschaftliche Bedeutung besitzen, wenn Gläubige mit Bezug zu ihr existieren und sie eine hinreichende Zahl an Mitgliedern repräsentiert.

Diese Wendung führt direkt zum ersten großen Trend der religiösen Entwicklung in der deutschen Nachkriegszeit:[1] Nach einer beachtlichen Rückkehr der Deutschen in die Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg setzte in den späten 1960er Jahren ein beständiger Prozess der Entkirchlichung ein. Festgemacht wird dieser an einem stetigen Absinken der Mitgliederzahlen der beiden christlichen Großkirchen und einem Rückgang der Teilnahme an insbesondere gemeinschaftlichen religiösen Praktiken wie dem sonntäglichen Gottesdienstbesuch. Dieser Prozess setzt sich bis heute fort, sodass seit einigen Jahren die Konfessionslosen die größte "weltanschauliche" Gruppe in Deutschland sind.

Zu dieser Entwicklung hat auch die Wiedervereinigung 1990 beigetragen. So waren zum Zeitpunkt des Beitritts der DDR zum Bundesgebiet drei Viertel der Ostdeutschen konfessionslos.[2] Diese Ausgangslage veränderte nicht nur die religiöse Zusammensetzung im wiedervereinigten Deutschland, sondern führte auch zu zwei religiös höchst unterschiedlichen Gebieten: In Westdeutschland besteht bis heute allen Abbruchsentwicklungen der dortigen christlichen Kirchen zum Trotz eine "Kultur der Konfessionszugehörigkeit", während in Ostdeutschland eine "Kultur der Konfessionslosigkeit" anhält.[3] Diese Unterscheidung übersteigt aufgrund ihrer kognitiven Verwurzelung strukturelle Verteilungsdifferenzen der Religiosität zwischen dem evangelisch geprägten Norddeutschland und dem katholischen Süddeutschland genauso wie zwischen großstädtischen und ländlichen Gebieten.

Dennoch haben die Kirchen in Deutschland insgesamt nach wie vor eine breite kulturelle Präsenz, und auch 2018 sind noch etwa zwei Drittel der Deutschen Mitglied in einer Religionsgemeinschaft (Abbildung 1). Allerdings befinden sich darunter immer mehr Angehörige verschiedener Ausrichtungen des Islams sowie orthodoxe Christen. Diese Feststellung verweist auf religiöse Pluralisierungsprozesse, den zweiten großen Trend in der Entwicklung der Religiosität in Deutschland, der im öffentlichen Diskurs unter dem Stichwort "Rückkehr der Religionen" weitaus präsenter ist als die fortschreitende Säkularisierung.[4]

Religiöse Zugehörigkeiten in der deutschen Bevölkerung in Prozent (© Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften Köln, Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (Allbus).)

Mit Blick auf die beiden vergangenen Jahrzehnte tritt noch ein weiterer Trend hinzu, sodass sich die Entwicklung der Religiosität in Deutschland als Zusammenspiel dreier ungleichgewichtig starker Prozesse zusammenfassen lässt, auf die ich im Folgenden eingehen möchte: Säkularisierung, religiöse Pluralisierung und religiöse Individualisierung. Diese Entwicklungen sind keine deutsche Besonderheit. Sie passen sich in vergleichbare, allerdings in ihrer Stärke variierende Entwicklungen der Religiosität in Westeuropa und vielen Ländern Osteuropas seit 1989 ein.[5]

Fußnoten

1.
Siehe auch Thomas Großbölting, Der verlorene Himmel. Glaube in Deutschland seit 1945, Göttingen 2013; Heiner Meulemann, Nach der Säkularisierung. Religiosität in Deutschland 1980–2012, Wiesbaden 2015.
2.
Vgl. Detlef Pollack, Kirche in der Organisationsgesellschaft. Zum Wandel der gesellschaftlichen Lage der evangelischen Kirchen in der DDR, Stuttgart–Berlin–Köln 1994; Monika Wohlrab-Sahr/Uta Karstein/Thomas Schmidt-Lux, Forcierte Säkularität. Religiöser Wandel und Generationendynamik im Osten Deutschlands, Frankfurt/M.–New York 2009.
3.
Gert Pickel, Atheistischer Osten und gläubiger Westen? Pfade der Konfessionslosigkeit im innerdeutschen Vergleich, in: ders./Kornelia Sammet (Hrsg.), Religion und Religiosität im vereinigten Deutschland, Wiesbaden 2011, S. 43–78, hier S. 44.
4.
Vgl. etwa Friedrich Wilhelm Graf, Wiederkehr der Götter. Religion in der modernen Kultur, Bonn 2004; Martin Riesebrodt, Rückkehr der Religionen. Fundamentalismus und der "Kampf der Kulturen", München 2000.
5.
Vgl. Detlef Pollack/Gergely Rosta, Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich, Frankfurt/M.–New York 2015; Gert Pickel, Religiosität in Deutschland und Europa – Religiöse Pluralisierung und Säkularisierung auf soziokulturell variierenden Pfaden, in: Zeitschrift für Religion, Gesellschaft und Politik 1/2017, S. 37–74.
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Autor: Gert Pickel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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