Fünf Symbole für die Weltreligionen (v. l.) Judentum, Christentum, Hinduismus, Islam und Buddhismus

6.7.2018 | Von:
Gert Pickel

Säkularisierung, Pluralisierung, Individualisierung. Entwicklung der Religiosität in Deutschland und ihre politischen Implikationen

Erklärungsstränge

Säkularisierung gilt gemeinhin als gekoppelt an Modernisierungsprozesse – sei es als abhängige oder unabhängige Komponente. Neben komplexen Prozessen wie der zunehmenden funktionalen Differenzierung innerhalb moderner Gesellschaften und der bereits in der früheren Philosophie diskutierten Rationalisierung als Entzauberung der Religion haben in den vergangenen Jahrzehnten in der Regel pragmatische Entwicklungen die Säkularisierung in Deutschland vorangetrieben. So brechen beispielsweise Urbanisierung und die erhöhte Mobilität in modernen Gesellschaften den sozialen Zusammenhalt von religiösen Gemeinschaften auf – in diesem Fall der christlichen Kirchen. Es kommt zu einem Einschlafen des Transmissionsriemens der religiösen Sozialisation, das von Generation zu Generation zu Mitgliederverlusten führt. Heute gibt gerade noch die Hälfte der evangelischen Kirchenmitglieder zwischen 14 und 29 Jahren an, religiös erzogen worden zu sein. In der Altersgruppe der über 45-Jährigen sind es noch drei Viertel.[13]

Das Verblassen der religiösen Sozialisation umfasst ein Schrumpfen religiösen Wissens, das eine Diffusion des Glaubens und einen Relevanzverlust von Religion für den Alltag mit sich bringt. Man weiß nicht mehr, was dieser Glaube und seine Inhalte sind. Zudem werden immer weniger junge Menschen mit ihm vertraut gemacht. Dies erschwert die Anschlussfähigkeit an religiöse Kommunikation und religiöses Denken, wie in den zweiten und dritten Generationen von Konfessionslosen zu beobachten ist.[14]

Entscheidend für diese Entwicklung ist die Nichtnotwendigkeit von Religion für das Leben in modernen Gesellschaften. Man braucht einen Arbeitsplatz und ein Dach über dem Kopf zum Überleben, aber es ist nicht nötig, religiös zu sein. Das erleichtert es den Bürgerinnen und Bürgern einer modernen Gesellschaft, sich zunehmend von Religion zu distanzieren.

Dies schließt den gelegentlichen Rückgriff auf spirituelle Angebote nicht aus.[15] In der Tat ersetzen vor allem Jugendliche und junge Erwachsene die verloren gegangene traditionelle Religiosität mitunter mit Bastelreligiositäten.[16] Diese besitzen aufgrund ihrer Individualität das Manko einer hohen Fluidität sowie einer begrenzten Bedeutung für die Lebensgestaltung. Vor allem aber werden solche Formen des Religiösen selten weitersozialisiert. So tragen dann Prozesse der Individualisierung, die die Wahlfreiheit des Einzelnen in fast allen Bereichen des Lebens betonen, in Folgegenerationen zur Säkularisierung bei. Einige werden Gläubige im Sinne einer weltanschaulichen Melange oder Bastelreligion, die meisten verlieren aber das Interesse an Religiosität und dem Religiösen, ohne sie jedoch abzulehnen.

Zugleich hat sich in Deutschland im Zuge der religiösen Pluralisierung die Angebotsstruktur religiöser Gemeinschaften und Anhängerschaften verbreitert – auch innerhalb religiöser Gruppen, die sich immer stärker ausdifferenzieren. Es wird möglich, verschiedene religiöse Richtungen für sich zu entdecken, während es gleichzeitig immer mehr MitbürgerInnen anderer Religionszugehörigkeiten gibt. Hier ist insbesondere das Anwachsen des muslimischen sowie des christlich-orthodoxen Bevölkerungsanteils auf fünf bis sieben beziehungsweise auf über zwei Prozent hervorzuheben. Dieser Zuwachs beruht im Wesentlichen auf Migrationsprozessen, die im Rahmen von Globalisierung und Transnationalisierung Mitglieder anderer Religionen mit einem unterschiedlichen Verständnis von Religion nach Europa bringt. Weitergetragen wird er auch durch (zumindest anfangs) höhere Geburtenraten in den Zuwanderungsgruppen.[17]

Dieser Zuwachs an häufig auch religiöseren Menschen wird mitunter als Indiz für eine "Wiederkehr der Religionen" interpretiert. Inwieweit diese Prozesse tatsächlich einen neuen Schub an Religiosität auch in Form einer Vitalisierung der christlichen Religiosität in Deutschland mit sich bringen, ist noch abzuwarten. Denn auch die Zuwanderungsreligionen werden lang- und mittelfristig Prozessen der Säkularisierung ausgesetzt sein.

Fußnoten

13.
Vgl. Detlef Pollack/Gert Pickel/Tabea Spieß, Religiöse Sozialisation und soziale Prägungen und Einflüsse, in: Bedford-Strohm/Jung (Anm. 11), S. 126–136, hier S. 134.
14.
Vgl. Gert Pickel, Die Situation der Religion in Deutschland – Rückkehr des Religiösen oder voranschreitende Säkularisierung?, in: Gert Pickel/Oliver Hidalgo, Religion und Politik im vereinigten Deutschland. Was bleibt von der Rückkehr des Religiösen?, Wiesbaden 2013, S. 65–103.
15.
Von einer breiten Verschiebung des Religiösen hin zur Spiritualität kann mit Blick auf empirische Befunde allerdings nicht gesprochen werden. Vgl. Gert Pickel, Evangelische Spiritualität und Säkularismus oder Atheismus, in: Peter Zimmerling (Hrsg.), Handbuch Evangelische Spiritualität, Bd. 2: Theologie, Göttingen 2017, S. 634–640.
16.
Vgl. Thomas Luckmann, Die unsichtbare Religion, Frankfurt/M. 1991; Hubert Knoblauch, Populäre Religion. Auf dem Weg in eine spirituelle Gesellschaft, Frankfurt/M. 2009.
17.
Vgl. PEW Research Center, Europe´s Growing Muslim Population, New York 2017.
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Autor: Gert Pickel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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