Fünf Symbole für die Weltreligionen (v. l.) Judentum, Christentum, Hinduismus, Islam und Buddhismus

6.7.2018 | Von:
Riem Spielhaus
Zrinka Štimac

Schulischer Religionsunterricht im Kontext religiöser und weltanschaulicher Pluralität

Fächerdiversifizierung in Deutschland

In Deutschland haben die Debatten um den Religionsunterricht im Kontext des religiösen Wandels zu zwei grundlegend unterschiedlichen Antworten geführt. So wurden einerseits sogenannte Ersatzfächer für den konfessionellen Religionsunterricht in Form eines Wahlpflichtfachs oder eines ordentlichen Fachs eingeführt, deren verschiedene Bezeichnungen unterschiedliche didaktische Konzepte reflektieren. Andererseits wurde der konfessionelle Religionsunterricht um weitere Angebote wie den alevitischen, den buddhistischen, den christlich-orthodoxen oder den islamischen Religionsunterricht erweitert.

Der bekenntnisorientierte Religionsunterricht an öffentlichen Schulen muss laut Art. 7 Abs. 3 GG im Gegensatz zu religionskundlichen Fächern "in Übereinstimmung mit den Religionsgemeinschaften" erteilt werden, wobei für die Bundesländer Berlin, Brandenburg und Bremen eine Ausnahmeregelung gilt: In Bremen wird "Religion", in Brandenburg "Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde" (LER) jeweils als nicht bekenntnisorientiertes Lehrkonzept angeboten. In Berlin wird bekenntnisorientierter Religionsunterricht als freiwilliges und nicht versetzungsrelevantes Fach mit finanzieller Unterstützung durch den Senat von den Religionsgemeinschaften selbst angeboten sowie seit 2006 Ethik als ordentliches Schulfach mit zwei Wochenstunden von der siebten bis zur zehnten Klasse.

Die Ethikfächer thematisieren Religion aus unterschiedlichen Perspektiven und mit verschiedenen Schwerpunktsetzungen, je nachdem welche akademischen Disziplinen an der Entstehung des Fachs maßgeblich beteiligt waren. Einige der Ersatzfächer gehen von einer christlichen Fundierung der Gesellschaft aus (Baden-Württemberg, Hessen, Bayern, Thüringen), während andere Fächer Religionen kontrovers beziehungsweise dialogisch thematisieren (Hamburg). Je nach Lehrplan wird besonderer Wert auf die Behandlung einer Vielfalt von Weltdeutungssystemen (Bremen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Brandenburg) oder auf Fragen des Zusammenlebens und des Dialogs (Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt) gelegt. Eine explizite Nennung von Spiritualität findet sich nur in den Lehrplänen von Rheinland-Pfalz und Sachsen.[8]

Mit Blick auf den Religionsunterricht forderten religiöse Minderheiten immer wieder eine Gleichstellung mit etablierten Religionsgemeinschaften. Auch wenn die Hürden dafür aufgrund des Erfordernisses, in vereinsrechtlichen und arbeitsfähigen Organisationsstrukturen verfasst zu sein, recht hoch liegen, hat eine Ausdifferenzierung des Religionsunterrichts stattgefunden. Heute gibt es daher mehr Vielfalt bei Anbietern und Zielgruppen, dazu gehören neben der evangelischen und der katholischen Kirche zahlreiche weitere christliche Gemeinschaften, die jüdische Gemeinde sowie buddhistische, christlich-orthodoxe, alevitische und islamische Religionsgemeinschaften sowie der Humanistische Verband (Abbildung).

Teilnehmende am Religionsunterricht und den Ersatzfächern im Schuljahr 2015/16 in Deutschland (© Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, IVC/Statistik Berlin, 20. 12. 2016. Auswertung Religionsunterricht, Schuljahr 2015/16, Berlin 2016, S. 7)

Die evangelisch-lutherische Kirche in Norddeutschland initiierte in den 1990ern in Hamburg mit dem "Religionsunterricht für alle" einen dialogischen Religionsunterricht nach Art. 7 Abs. 3 GG, an dem sich heute auch alevitische, islamische und jüdische Gemeinden beteiligen.[9] Die Ausbildung der Lehrkräfte erfolgt an der Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg. Außerdem findet an einzelnen Schulen ein separater katholischer Religionsunterricht statt. Ab der siebten Klasse wird Philosophie als Wahlpflichtalternative zu Religion angeboten. In Niedersachsen wendet sich seit 1998 ein konfessionell-kooperativer Religionsunterricht an evangelische und katholische Schüler_innen, während das Fach "Werte und Normen" seit 1993 die Wahlpflichtalternative ist.

Islamischer Religionsunterricht im Fokus

Von allen Veränderungen erhielt die Etablierung des islamischen Religionsunterrichts die größte politische, mediale und akademische Aufmerksamkeit. Während die Debatte um die Ersatzfächer stark akademisch geprägt war und sich Vertreter_innen unterschiedlicher Disziplinen zu Wort meldeten,[10] sind in der Debatte um die Einführung des islamischen Religionsunterrichts vielfältige politische und religiöse Akteure involviert – vermutlich auch, weil anhand des islamischen Religionsunterrichts nicht nur Bildungsfragen, sondern auch die rechtliche Integration des Islams in die religionspolitische Ordnung der Bundesrepublik sowie Strukturfragen für die organisatorische Verfasstheit islamischen Lebens debattiert werden. Somit ist diese Diskussion nicht nur im Hinblick auf die Entwicklung von Religionsunterricht als Fach interessant, sondern stellt ein wesentliches Element der Islampolitik in Deutschland dar.

So war der grundlegende Konsens für die Einführung des Schulfachs eines der wesentlichen Resultate der Deutschen Islam Konferenz von 2006 bis 2009.[11] Heute ist islamischer Religionsunterricht in Berlin, Niedersachsen, Hessen und Nordrhein-Westfalen eingeführt, in vier weiteren Ländern laufen Modellprojekte. Für die flächendeckende Einführung des schulischen Islamunterrichts erwies sich die Organisationsstruktur islamischer Religionsgemeinschaften als größte Herausforderung. Da sie keine klare Mitgliederstruktur vorweisen und zum Teil den Verdacht der Abhängigkeit insbesondere von der türkischen Regierung nicht entkräften konnten, galten sie lange als ungeeignete Partner für den schulischen Religionsunterricht.[12] Für ein Umdenken bedurfte es der politischen Initiative auf Bundesebene, sodass heute auch Religionsgemeinschaften, die nicht als Körperschaften des öffentlichen Rechts verfasst sind, als Partner für den Religionsunterricht nach Art. 7 Abs. 3 GG infrage kommen.

Umgekehrt hat das Bemühen um den Religionsunterricht die islamischen Organisationen stark geprägt.[13] Denn der Konsens für die Einführung des Schulfachs islamischer Religionsunterricht zog eine Reihe weiterer Fragen nach sich, etwa nach der Ausbildung von Lehrkräften, der Entwicklung von Curricula und der Gestaltung von Schulbüchern. An den in erster Linie mit dem Ziel der Lehramtsausbildung eingerichteten Fakultäten für islamische Theologie an Universitäten in fünf Bundesländern sowie an pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg werden Grundlagen für eine islamische Religionspädagogik gelegt.[14]

Fußnoten

8.
Vgl. Zrinka Štimac, Religion und Gesellschaft. Intersektionalität als Herausforderung der Ethikbücher, Vortrag an der Universität Hannover, 18.1.2016.
9.
Siehe auch den Beitrag von Anna Körs in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
10.
Vgl. u.a. Karl Grötzinger/Burkhard Gladigow/Hartmut Zinser, Religion in der schulischen Bildung und Erziehung. LER – Ethik – Werte und Normen in einer pluralistischen Gesellschaft, Berlin 1999.
11.
Vgl. Reinhard Busch/Gabriel Goltz, Die Deutsche Islamkonferenz. Ein Übergangsformat für die Kommunikation zwischen Staat und Muslimen in Deutschland, in: Hendrik Meyer (Hrsg.), Politik und Islam, Wiesbaden 2011, S. 29–46.
12.
Vgl. Christine Langenfeld/Volker Lipp/Irene Schneider, Islamische Religionsgemeinschaften und islamischer Religionsunterricht, Göttingen 2005; Michael Kiefer/Eckart Gottwald/Bülent Uçar (Hrsg.), Auf dem Weg zum Islamischen Religionsunterricht, Berlin 2008; Reiner Tillmanns, Rechtliche Voraussetzungen für die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen, in: Rauf Ceylan (Hrsg.), Islam und Diaspora, Frankfurt/M. 2012, S. 161–190.
13.
Vgl. Riem Spielhaus, Islamischer Unterricht, in: Ingrid Gogolin et al. (Hrsg.), Handbuch Interkulturelle Pädagogik, Bad Heilbrunn 2018, S. 534–538.
14.
Vgl. Riem Spielhaus, Der Umgang mit innerreligiöser Vielfalt im islamischen Religionsunterricht in Deutschland und seinen Schulbüchern, in: Zrinka Štimac/Riem Spielhaus (Hrsg.), Schulbuch und religiöse Vielfalt. Interdisziplinäre Perspektiven, Göttingen 2018, S. 80–102.
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