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Der Galgenbaum von Jacques Callot.

20.7.2018 | Von:
Frauke Adrians

"Das sich einem Stein solt erbarmet haben". Der Dreißigjährige Krieg im Erleben der Zivilbevölkerung

Wandernde Städte

Wenn Dörfer aus Zerstörungslust eingeäschert und halbe Familien ermordet wurden, blieb den Überlebenden oft nichts anderes übrig, als sich dem Tross des durchmarschierenden Heeres anzuschließen: als Prostituierte, Laufburschen, Viehtreiber, Gepäckträger, Bettler. Im Tross, der nicht selten doppelt so groß war wie die eigentliche Armee,[21] zogen die Familien der Soldaten mit, zudem Feldschere, die die Verletzten versorgten, Handwerker und Händler, Barbiere, Köche sowie andere Dienstleister, die den Kriegszug überhaupt erst ermöglichten und aufrechterhielten. Heer und Tross bildeten ein mobiles Sozialgefüge, das auf Abenteurer und Mittellose durchaus anziehend wirken konnte: Wo weithin Hunger und Gesetzlosigkeit herrschten, verfügten diese wandernden Städte immerhin über gewisse innere Regeln, boten die Chance auf Beute und ein Auskommen.

Wo aber so viele Menschen auf dichtem Raum zusammenlebten, noch dazu ohne festes Dach über dem Kopf, grassierten oft Seuchen. Die Heere und ihr Anhang schleppten die Krankheitserreger mit über Land. "In Kyritz wurde die Pest durch Einquartierung eingeführt; doch erlagen nur 231 Personen", rekonstruierte der Arzt Gottfried Lammert Ende des 19. Jahrhunderts aus Chroniken und Kirchenbüchern von 1631. In Prenzlau hingegen habe die Seuche innerhalb eines Dreivierteljahres 1.500 Menschen hinweggerafft, "wohl 25 Prozent der Bevölkerung".[22] Krankheiten hatten auch dort leichtes Spiel, wo die Landbevölkerung – wie Hans Heberle und seine Familie – in die Städte floh.

Besonders verheerend war die Lage im Sommer 1632 in Nürnberg, Fürth und Umgebung. In Erwartung einer großen Schlacht strömten die verfeindeten Truppen Wallensteins und des schwedischen Königs Gustav II. Adolfs, insgesamt rund 100.000 Soldaten mit dem jeweils dazugehörigen Tross, im Nürnberger Becken zusammen. Aus berechtigter Angst vor Gewalt und Plünderungen floh die Landbevölkerung hinter die Stadtmauern Nürnbergs, sodass dort noch einmal rund 100.000 Menschen zusammengepfercht ausharrten. Der Sommer war feucht, Versorgungsbedingungen und hygienische Verhältnisse waren für Soldaten wie Zivilisten katastrophal. Zehntausende fielen Hunger und Seuchen zum Opfer.[23] Aus Städten, die mehrmonatige Belagerungen zu erdulden hatten, häuften sich Berichte über Kannibalismus. "Es haben die soldaten eines pastetenbeckhen knaben ein stuckh brot versprochen, er soll mit inen in das leger gehen. Als er aber dahin komen, haben sie in gemetzget und gefreßen", notierte der Schuster Heberle 1638 in Breisach.[24]

Solche Erfahrungen führten dazu, dass es auch den glühendsten Anhängern der einen oder anderen Kriegspartei zunehmend gleichgültig war, wer da gerade kämpfte, belagerte oder plünderte. Der protestantische Nürnberger Ratsherr Lukas Behaim kommentierte die Lage in seiner Stadt so: "Vom Feinde drei Monat belagert, vom Freund vier Monat ausgefressen."[25] Hofrat Volkmar Happe schimpfte 1634 über die protestantischen Truppen: "Morden, Rauben, Stehlen, Nehmen, Schänden, Huren etc., das sind unserer Soldaten ritterlichste Taten und Tugenden. Es sind unsere Kontributions-Schlucker nicht ein Haar besser als der Feind."[26]

Vernichtende Bilanz

Die Zerstörung Magdeburgs im Mai 1631 mit mindestens 20.000 Toten galt und gilt bis heute als das schlimmste Einzelereignis des Dreißigjährigen Krieges. Doch auch wenn es das Inferno an der Elbe nicht gegeben hätte, wäre dieser Krieg als die größte menschengemachte Katastrophe vor den beiden Weltkriegen in die deutsche Geschichte eingegangen. Es dauerte Jahrzehnte, in Magdeburg mehr als ein Jahrhundert, bis die demografischen, wirtschaftlichen und auch die psychischen Folgen von 30 Jahren Krieg einigermaßen überwunden waren.

Die Überlebenden begrüßten den Frieden vielerorts mit Freudenfeiern und innigen Dankesgebeten. Allerdings musste man sich in manchen Regionen noch bis 1650 gedulden, ehe die letzten in- und ausländischen Truppen abgezogen waren. Hans Heberle vermerkte angesichts seiner 29. oder 30. Flucht nach Ulm im Spätherbst 1648: "Wir seyen dißmall noch gern geflohen, weil es die leste flucht war." Die Feiern zum Friedensschluss erlebte er in der Stadt mit.

Bei aller Freude zog er jedoch eine vernichtende Bilanz, in der es nicht um Sieg und Niederlage, katholisch oder protestantisch ging, sondern einzig um menschliches Leid: "In summa ist es so ein jämerlicher handel geweßen, das sich einem stein solt erbarmet haben, wüll geschweigen ein menschliches hertz. Dan wir seyen gejagt worden wie das gewildt in wälden."[27]

Fußnoten

21.
Vgl. Gotthard (Anm. 4), S. 173.
22.
Zit. nach Peter Milger, Gegen Land und Leute. Der Dreißigjährige Krieg, München 1998, S. 258.
23.
Vgl. Gotthard (Anm. 4), S. 227.
24.
Zit. nach Zillhardt bzw. DGDB (Anm. 13), S. 6.
25.
Zit. nach Herbert Langer, Der "Königlich Schwedische in Deutschland geführte Krieg", in: Klaus Bußmann/Heinz Schilling (Hrsg.), 1648: Krieg und Frieden in Europa, Katalog zur Europaratsausstellung, Textband 1, Münster 1998, S. 187–196, http://www.westfaelische-geschichte.de/tex424«.
26.
Zit. nach Schnurr (Anm. 1), S. 85.
27.
Zit. nach Gotthard (Anm. 4), S. 290.
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