Der Galgenbaum von Jacques Callot.

20.7.2018 | Von:
Heinz Duchhardt

Ein doppeltes "Westphalian System"?
Der Westfälische Friede, das Reich und Europa

Neusortierung des europäischen Staatensystems

Aber unabhängig von solchen Fragen der Interpretation und der Theoriebildung: Was gesagt werden muss, ist, dass sich mit dem Westfälischen Frieden das Staatensystem neu aufgestellt hat: Die Niederlande und die Eidgenossenschaft, seit Langem faktisch bereits vom Reichskörper losgelöst, wurden endgültig – direkt und indirekt – als souveräne Staatswesen anerkannt. Ständestaaten, deren Bildung in Böhmen und Ungarn versucht worden war, waren wieder "eingefangen" worden und hatten keine Chance mehr, zu internationalen Partnern aufzusteigen. Das kleine und periphere Siebenbürgen, das am Beginn des langen Krieges eine wichtige Rolle gespielt hatte, verschwand als Akteur wieder aus dem europäischen Leben, Dänemark, ebenfalls in der ersten Kriegsphase ein prominenter Player, hatte in dem Hegemonialkampf gegen Schweden den Kürzeren gezogen und leckte nach dem Frieden von Brömsebro 1645 seine Wunden. England, ohnehin allenfalls aus dynastischen Gründen in der Anfangsphase des Krieges aktiv, war in innenpolitische Wirren versunken, die 1649 dann sogar zu einem Königsmord und einer völligen Veränderung seiner Verfassung führen sollten. Polen-Litauen, einer der "Aufsteiger-Staaten" des frühen 17. Jahrhunderts, hatte sich gegen den dynastischen Dauerrivalen in Schweden nicht durchsetzen können und deutlich an politischem Gewicht verloren. Und Russland war noch um einiges davon entfernt, im europäischen Kräftespiel einen Part zu übernehmen, mochte seine diplomatische Vernetzung mit den "westlichen" Kapitalen auch allmählich zunehmen. Spanien hatte trotz aller kulturellen Blüte in seinem "Goldenen Jahrhundert" (Siglo de Oro) bittere Niederlagen und Rückschläge hinnehmen müssen und den Krieg gegen Frankreich noch nicht beenden können (oder wollen). Sein Großmachtanspruch war deutlich ins Wanken geraten.

Es waren Frankreich und Schweden, die beiden Garantiemächte des Westfälischen Friedens, die aus dem langen Krieg als unbestrittene Gewinner hervorgegangen waren – sie hatten territoriale Zugewinne (an der Ost- und Nordsee beziehungsweise in Lothringen und im Elsass) und Rechtstitel erworben, die jederzeit aktivierbar waren, sie hatten die Friedensverhandlungen dominiert, sie hatten den habsburgischen Kaiser aus all seinen Träumen gerissen, aus der Mitte des Kontinents doch noch einen kräftigen Zentralstaat zu machen. Freilich waren beide Staaten aktuell in einer wenig beneidenswerten Situation: Schweden mit seiner an Zahl bescheidenen Bevölkerung und seinen ebenfalls bescheidenen Ressourcen hatte seine Kräfte überspannt, forderte nicht zufällig massive Kriegsentschädigungen und benötigte im Grunde eine Art Permanenz des Krieges, um seine aufgeblähten Heere überhaupt unterhalten zu können. Zudem musste seine dynastische Zukunft – mit einer unverheirateten Königin, die deutlich zu erkennen gegeben hatte, in naher Zukunft abzudanken – als durchaus unsicher gelten. Und Frankreich sah sich mit massiven Bewegungen gegen die Zentralisierungsversuche der Krone und gegen die finanzielle Belastung des Landes konfrontiert, die man unter den Begriff der Fronde zusammengefasst hat. Es war 1648 noch überhaupt nicht absehbar, wer aus diesem Konflikt zwischen Krone und Adel, zwischen Zentrale und Peripherie, als Sieger hervorgehen würde. Und damit war auch nicht klar, ob sich die beiden Mächte auf Dauer als dirigierende Großmächte würden halten können – im Tandem oder auch einzeln.

Schließlich blieb auch das Osmanische Reich selbstredend ein Faktor auf dem Kontinent. Nach dem sogenannten Langen Türkenkrieg ausgangs des 16. Jahrhunderts hatte es sich aus den zentraleuropäischen Wirren herausgehalten, jedoch wusste man nicht – die "Türkenfurcht" spielte im öffentlichen Leben nach wie eine prominente Rolle –, wie lange seine Zurückhaltung, auf dem Balkan weitere Positionsgewinne zu erzielen, andauern würde. Konstantinopel blieb zumindest potenziell ein wichtiger Player in der europäischen Staatenpolitik, mit dem man täglich rechnen musste, und das umso mehr, als seit 1644 im adriatischen Raum ein heftiger Krieg zwischen dem Osmanischen Reich und der Republik Venedig tobte, in dem es um Kreta ging, einen Eckstein des venezianischen Imperiums im Südosten Europas. Am Ende konnte der Konflikt regional begrenzt bleiben, aber das wusste man 1648 keineswegs.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Heinz Duchhardt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.