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29.10.2003 | Von:
Claudia Pinl

Uralt, aber immer noch rüstig: der deutsche Ernährer

Die Vereinbarung von Erwerbs- und Familienarbeit ist für Frauen in Deutschland seit Jahrzehnten ein Kernproblem. Auf die Versäumnisse der Politik antworten sie inzwischen auf ihre Weise: mit weiter sinkenden Geburtenzahlen.

Einleitung

Sozialwissenschaftler/innen unterscheiden drei Gesellschaftsmodelle: "liberale Wohlfahrtsstaaten", wozu Großbritannien gehört, "sozialdemokratische Wohlfahrtsstaaten", wofür insbesondere die skandinavischen Länder, allen voran Schweden, aber ansatzweise auch Frankreich stehen, und "korporatistisch-konservative Wohlfahrtsstaaten" wie die Bundesrepublik Deutschland. Während in den beiden zuerst genannten Gesellschaftsmodellen Frauen eher neutral als Arbeitnehmerinnen betrachtet werden, steht im "korporatistisch-konservativen Wohlfahrtsstaat" ihre Rolle als Mütter und Ehefrauen im Vordergrund. In den Sozialwissenschaften wird in diesem Zusammenhang vom so genannten "männlichen Ernährermodell" gesprochen. Im internationalen Vergleich gilt Deutschland als ausgeprägtes Beispiel eines konservativen Wohlfahrtsstaates.[1] Auch wenn sich hier schon lange das "Ernährer-Zuverdienerin"-Modell durchgesetzt hat, so werden doch immer noch die "Alleinverdiener-Ehen" gefördert - durch das Steuer- und Sozialversicherungssystem sowie die Unterausstattung mit öffentlichen Betreuungseinrichtungen (in der "alten" Bundesrepublik verfügte allein West-Berlin über eine ausreichende Betreuungsinfrastruktur). Westdeutschland zeichnet sich durch eine niedrige Frauenerwerbsquote mit hohem Teilzeitanteil vor allem der Mütter aus.




"Das Problem ist doch, dass man uns bisher immer verladen hat. Mit uns meine ich: die meisten Frauen in diesem Land. Mit man meine ich: die Männer, die in diesem Land die Entscheidungen treffen. Und mit verladen meine ich: der Betrug durch ein Lebensbild, das mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat."[2] Mit diesen Worten prangerte 1976 die Journalistin Luc Jochimsen die Hausfrauenideologie der westdeutschen Nachkriegszeit an, deren "schönster" Ausdruck sich in der Einführung zum (zivilrechtlichen) "Gleichberechtigungsgesetz" von 1957 findet: "Es gehört zu den Funktionen des Mannes, dass er grundsätzlich der Erhalter und Ernährer der Familie ist, während die Frau es als ihre vornehmste Aufgabe ansehen muss, das Herz der Familie zu sein."[3] Rund ein Drittel der erwachsenen Frauen hielt sich nie und konnte sich auch mit zunehmendem Wohlstand nicht an das "Frauenleitbild" der Nur-Hausfrau und Mutter halten. Diese Frauen und ihre Familien waren auf das Geld angewiesen, das sie als Erwerbstätige nach Hause brachten.

Das Märchen vom Hausfrauenglück verhinderte nach Meinung von Jochimsen in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg die ordentliche Ausbildung der Mädchen, die gleiche Bezahlung und eine vom Mann unabhängige soziale Sicherung.

Die widerwillige Akzeptanz von Frauen als Zuverdienerinnen drückte sich in verschiedenen frauen- und familienpolitischen Schlagworten aus, die in den sechziger Jahren zugleich den Bedarf der Wirtschaft an weiblichen Arbeitskräften widerspiegelten: das "Drei-Phasen-Modell" (Erwerbsarbeit, Familienphase, Berufsrückkehr), die "Wahlfreiheit zwischen Familie und Beruf", die "Doppelrolle" , schließlich die "Vereinbarkeit von Familie und Beruf".

Das Drei-Phasen-Modell beschrieb zwar zutreffend das Verhalten vieler Frauen, die bis zur Geburt des ersten Kindes berufstätig waren. Aber mit steigenden Arbeitslosenzahlen geriet die "dritte Phase" für Frauen bereits in den siebziger Jahren zum Desaster. Nach 15 Jahren Familienarbeit konnte die durchschnittliche "Wiedereinsteigerin" nur noch mit einer Teilzeitstelle weit unter ihrer früheren Qualifikation rechnen - und auch das meist nur nach Durchlaufen staatlich geförderter Anpassungsmaßnahmen. Die "Doppelrolle" war ein Euphemismus für "Doppelbelastung": Auch erwerbstätige Frauen trugen - und tragen - die Last der Haus- und Familienarbeit in aller Regel fast ganz allein. Die ständig steigende Zahl Alleinerziehender, vor allem allein erziehender Mütter, war und ist nicht vorgesehen.

Begriffe wie "Doppelrolle" oder "Doppelbelastung" galten nie für beide Geschlechter, sondern blieben als quasi tertiäre Geschlechtsmerkmale an den Frauen hängen. Das traf und trifft auch auf den scheinbar neutralen Begriff der "Vereinbarkeit" zu.

Frauen- und familienpolitische Maßnahmen, auch und gerade wenn sie dazu dienen sollten, die Doppelbelastung zu verringern, verfestigten die Rollenaufteilung zwischen "Ernährer" und "Zuverdienerin": Anfang der siebziger Jahre empfahlen die Arbeitsämter Frauen mit schulpflichtigen Kindern Teilzeitarbeit - und boten ihnen Kurse in "Stenographie und 5-Minuten-Küche" an.

Ein erster zaghafter Versuch, die desolate Betreuungssituation außerhalb der Kleinfamilie zu verändern, wurde 1974 von der sozialliberalen Bundesregierung mit dem Modellprojekt "Tagesmütter" gestartet. Er stieß zwar auf Besorgnis konservativer Familienideologen, die vor schädlichen Einflüssen in "Kinderverwahranstalten" warnten. Aber das Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit konnte beruhigend feststellen, dass "die von Tagesmüttern betreuten Kinder in der sozial-emotionalen Entwicklung und in der Intelligenzentwicklung (...) im Vergleich zu Kindern, die von ihrer eigenen Mutter betreut wurden, kein nachteiliges Verhalten" zeigten.[4]

1979 wurde ein "Mutterschaftsurlaub" eingeführt: Erwerbstätige Frauen konnten sich nach der Geburt eines Kindes für sechs Monate von der Erwerbsarbeit freistellen lassen, erhielten maximal 750 DM monatlich und eine Rückkehrgarantie. Dabei blieb unklar, ob der "Mutterschaftsurlaub" in erster Linie dazu dienen sollte, die Doppelbelastung ein wenig erträglicher zu machen, oder - angesichts steigender Arbeitslosenzahlen - Frauen vom Arbeitsmarkt an den heimischen Herd zu locken. Diese Zweifel blieben auch bestehen, nachdem die Regierung Helmut Kohl den "Mutterschaftsurlaub" in einen Vätern wie Müttern gleichermaßen zustehenden "Erziehungsurlaub" umgewandelt hatte. Die Väter verzichteten dankend; die Mütter kehrten häufig nach Ende des "Erziehungsurlaubs" nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zurück.

Ungeachtet eines Wandels der Begrifflichkeiten und ungeachtet der Konzessionen an ein modernes, von anderen westlichen (wie Frankreich) und nordeuropäischen Ländern (wie Schweden und Finnland) beeinflusstes Frauenbild - der deutsche Ernährer hat bisher alle Regierungswechsel auf Bundesebene, den Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, die Frauenbewegung, den zeitweiligen Bedarf der Wirtschaft an zusätzlichen Arbeitskräften, die Erosion des männlichen "Normalarbeitsverhältnisses" und schließlich die deutsche Vereinigung mehr oder weniger unbeschadet überstanden.

Grund dafür sind die seit Jahrzehnten unveränderten Rahmenbedingungen, die das Ernährer-Modell zuverlässig auch in Krisenzeiten stützen: das schon genannte Steuer- und Sozialversicherungssystem (Ehegatten-Splitting und soziale Absicherung über den Ehemann), die Subventionierung von Familien über Transferleistungen (Kindergeld, Kinderfreibeträge) bei gleichzeitigerquantitativer und qualitativer Unterentwicklung öffentlicher Betreuungstrukturen und die Halbtagsschule - Rahmenbedingungen, die von frauenpolitischer Seite, innerhalb und außerhalb der Parteien, immer wieder kritisiert werden, deren Veränderung immer aufs Neue angemahnt wird.

Reformen bleiben meist im ersten Anlauf stecken: Die Übernahme der restriktiveren westdeutschen Abtreibungsregelung auf Gesamtdeutschland wird zwar mit dem Anspruch auf einen Kindergartenplatz für über Dreijährige gekoppelt. Aber dann reicht es doch nur zu Halbtagskindergärten - und zwar vielerorts auf Kosten der nachmittäglichen Hortbetreuung für Schulkinder, wie überhaupt die Öffnungszeiten von Betreuungseinrichtungen vollzeiterwerbstätige Mütter generell nicht vorsehen. Die vier Milliarden Euro, die der Bund in den Ausbau der Ganztagsschulen stecken will, werden von den Ländern nur zögerlich angenommen. Die im Osten noch aus DDR-Zeiten vorhandene Betreuungsinfrastruktur ist durch Einsparungen gefährdet. Die Qualifizierungsoffensive für pädagogisches Personal von der Kinderkrippe bis zum Gymnasium ist auch nach dem "PISA-Schock" bestenfalls "angedacht". Längere Öffnungszeiten von Kinderbetreuungseinrichtungen werden stattdessen häufig durch größere Kindergruppen pro Fachkraft erkauft. Es fehlt an Geld. Eltern bekommen dies durch steigende Gebühren für Krippen, Horte und Kindergärten zu spüren. Oft muss eine Teilzeit arbeitende Mutter ihren gesamten "Hinzuverdienst" in die Kinderbetreuung stecken. Doch die Bundesregierung verzichtet weiter auf die 20Milliarden Euro, welche die steuerrechtliche Subventionierung der Ehe schätzungsweise jährlich kostet. Durch die Ausweitung von Mini-Jobs wird das "Ernährer-Zuverdienerin"-Modell erneut gestärkt, ebenso durch den Rückgriff auf (weibliche) ehrenamtliche Tätigkeit, um zum Beispiel eine Betreuung in Grundschulen über Mittag sicherzustellen.[5]

Die "Vereinbarkeit" als typisches Frauenproblem wird neuerdings durch den Begriff "work-life-balance" überlagert. Den Beschäftigten durch flexible Arbeitszeitmodelle einen Ausgleich zwischen betrieblichen Erfordernissen und persönlichen Lebenslagen zu ermöglichen gilt als Kennzeichen einer modernen und vorausschauenden Personalpolitik.

Der Gedanke, ein neues Gleichgewicht zwischen (Erwerbs-)Arbeit und sonstigen Lebensbedürfnissen zu finden, soll auch Männer locken, sich nicht mehr ausschließlich über Beruf und Karriere zu definieren. Wieweit dieses scheinbar geschlechtsneutrale angelsächsische Denkmodell die deutschen Strukturen verändern kann, wird sich zeigen. Die Vereinbarung von Erwerbs- und Familienarbeit ist jedenfalls für westdeutsche Frauen nach wie vor, für ostdeutsche zunehmend ein Kernproblem.

An der von Luc Jochimsen 1976 angeprangerten Benachteiligung von Frauen durch die "Ernährer"-Ideologie hat sich auch im Jahr 2003 nichts Wesentliches geändert - mit einer Ausnahme: Junge Frauen sind heute wesentlich besser ausgebildet als in den siebziger Jahren. Ihre Bildungsabschlüsse und ihre berufliche Qualifikation übertreffen in vielen Bereichen die der jungen Männer. Viele Frauen umschiffen die bestehende "Vereinbarkeitsklippe" auf ihre Weise: Deutschland ist das Land mit der viertniedrigsten Geburtenrate weltweit.[6]

Kinderloses Deutschland (Grafik s. PDF-Version)

Kaum noch Kinder auf den Straßen, stattdessen mehr und mehr Ältere. Das ist die Zukunft Deutschlands, wenn man sich die Entwicklung in den Familien anschaut. Erstmals leben in Deutschland mehr Ehepaare ohne Kinder (9,7 Millionen im Jahr 2002) als mit Kindern (9,6 Millionen). Vor gut zehn Jahren sah das Verhältnis noch ganz anders aus. Während 11,1 Millionen Ehepaare Kinder hatten, war eine Minderheit von 8,4 Millionen Ehepaaren kinderlos. Allerdings muss man dabei berücksichtigen, dass es mittlerweile mehr als drei Millionen allein Erziehende in Deutschland gibt. Es lässt sich viel tun, um das Leben mit Kindern wieder attraktiver zu machen: zum Beispiel Familien mit Kindern finanziell unterstützen, eine gute Kinderbetreuung aufbauen, es selbstverständlich werden lassen, dass Kinder (fast) überallhin mitgenommen werden können. - Sinnvolle Investitionen, denn wer sonst soll im Alter für uns sorgen?

Junge Mütter auf dem Arbeitsmarkt (Grafik s. PDF-Version)

Die meisten bleiben zu Hause: Für den Wahlkampf haben sich alle Parteien die Förderung der Familie auf die Fahnen geschrieben. Neben finanzieller Förderung ist von der Verbesserung der Kinderbetreuung die Rede. In Deutschland ist es immer sehr schwierig, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Deshalb bleiben die meisten Mütter mit kleinen Kindern zu Hause. In Ostseutschland ist traditionell ein größerer Teil der jungen Mütter berufstätig (hier ist auch das Angebot an Krippenplätzen erheblich besser als in Westdeutschland). Knapp ein Drittel ist erwerbstätig (in Westdeutschland 15 Prozent). Der größte Teil der Mütter nimmt Elternzeit (früher Erziehungsurlaub) in Anspruch - in Ostdeutschland 66 Prozent, in Westdeutschland 71 Prozent. Ein Weg, den Spagat zwischen Küche und Karriere hinzubekommen, ist die Teilzeitarbeit. In Westdeutschland arbeiten 28 Prozent in der Elternzeit mit reduziertem Stundenumfang, in Ostdeutschland 14 Prozent. Eine eigenständige Existenzsicherung wird für Frauen immer wichtiger. Nur wenige wollen nicht oder erst mal nicht arbeiten.


Fußnoten

1.
Vgl. Ute Klammer, Managerin gesucht. Erwerbstätige Mütter in Europa zwischen Sozialpolitik und sozialer Praxis, in: WSI-Mitteilungen, 54 (2001) 5, S. 331.
2.
Luc Jochimsen, Wie haltet ihr es mit den Frauen in Beruf und Politik?, in: Carola Stern (Hrsg.), Was haben die Parteien für die Frauen getan?, Reinbek 1976, S. 78.
3.
Frauen zwischen Familie und Beruf (Schriftenreihe des Bundesministers für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit), Stuttgart-Berlin-Köln-Mainz 1978, S. 9.
4.
Pressedienst BMJFG, 7. 3. 1980.
5.
Vgl. Anja Katzmarzik, Roters fordert mehr Einsatz, in: Kölner Stadt-Anzeiger vom 12. Juni 2003.
6.
Übertroffen nur noch von Griechenland, Spanien und Italien, ebenfalls Länder mit "Ernährer"-Strukturen in der Sozialpolitik, vgl. taz vom 22. März 2001.