30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

29.10.2003 | Von:
Mechthild Veil

Kinderbetreuungs-Kulturen in Europa: Schweden, Frankreich, Deutschland

Europäischer Kontext

Im europäischen Vergleich liegen die größten länderspezifischen Unterschiede in der Kleinkindbetreuung, der Betreuung von Kindern unter drei Jahren. Die Variationsbreite reicht von Dänemark mit 64 Prozent der Kleinkinder, die öffentliche Einrichtungen besuchen, bis zu Österreich, wo nur 4 Prozent der Kinder im entsprechenden Alter in Krippen betreut werden.[2] Auch die hier ausgewählten Länder weisen starke Schwankungen auf. Während in Schweden 48 Prozent der bis zu Dreijährigen öffentliche Einrichtungen besuchen, sind es in Deutschland 10 Prozent, mit einem starken Gefälle zwischen Ost- und Westdeutschland. Frankreich nimmt eine mittlere Position ein, wobei zu berücksichtigen ist, dass hier neben der öffentlichen Betreuungsinfrastruktur die Beschäftigung von Tagesmüttern staatlich gefördert wird.[3] Für Kinder zwischen drei Jahren und dem Grundschulalter - in Deutschland und Frankreich sechs, in Schweden sieben Jahre - weist Frankreich mit 99 Prozent die höchste Betreuungsdichte in den Vorschulen (écoles maternelles) auf (vgl. Abbildung 1: s. PDF-Version).

Im europäischen Vergleich liegt Deutschland mit seinem Angebot weit hinter den meisten anderen Ländern zurück, der Anteil privater Familienarbeit ist hier besonders hoch.

Die Verfügbarkeit von Betreuungseinrichtungen in den einzelnen Ländern verstärkt den Wunsch nichterwerbstätiger Frauen, eine Erwerbsarbeit aufzunehmen, und den Wunsch erwerbstätiger Mütter, ihre Arbeitszeiten auszuweiten (vgl. Abbildung 2: s. PDF-Version).

Die größte Kluft zwischen gelebtem und gewünschtem Lebensmodell besteht in Deutschland bei den Frauen mit Kindern unter sechs Jahren, die mit einem voll berufstätigen Partner zusammenleben und selber nicht erwerbstätig sind. Das waren 1998 52,3 Prozent der betroffenen Frauen. Die Mehrzahl von ihnen lebte ein aufgezwungenes Hausfrauenmodell, gerade einmal 5,7 Prozent von ihnen wünschten dies tatsächlich. Angesichts dieser enormen Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit in Deutschland erstaunt die geringe Dynamik, welche die Forderung nach staatlichen Hilfen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie entwickelt. Aus Abbildung 2 geht auch hervor, dass in Deutschland mehr Mütter in Teilzeit arbeiten möchten, beinahe doppelt so viele wie bisher. Diese Ergebnisse bestätigen auch Untersuchungen des Institutes für Arbeits- und Berufsforschung (IAB).[4]

In Schweden, wo nur 24,9 Prozent der Mütter vorübergehend als Hausfrauen leben, überwiegt insgesamt der Wunsch berufstätiger Frauen nach Ausweitung ihrer Arbeitszeiten, und zwar in Vollzeit. Die Wünsche französischer Mütter, deren Erwerbsquoten über denen der deutschen Mütter liegen, zielen ebenfalls auf eine Ausweitung der Arbeitszeiten in Vollzeit. Von den 38,3 Prozent der nichterwerbstätigen französischen Mütter wollen dies nur 14,1 Prozent sein, die Mehrzahl würde gern einer beruflichen Tätigkeit nachgehen.

In allen drei Ländern wird das Hausfrauenmodell weit weniger gewünscht als praktiziert. Auf der Ebene der Leitbilder hat sich, auch in Deutschland, das Zwei-Verdiener-Modell durchgesetzt, seine Realisierung scheitert bisher an den fehlenden Möglichkeiten der Kinderbetreuung. In den Ländern, in denen die Müttererwerbsquoten bereits hoch liegen - in Schweden und Frankreich - spielt die gewünschte Ausdehnung der Erwerbsbeteiligung in Vollzeit eine Rolle, während in Deutschland (als eine nachholende Bewegung) die Priorität auf der Teilzeitarbeit liegt. Für die hier untersuchten drei Länder zeigt sich, wie eng die Kinderbetreuung mit dem Wunsch der Frauen nach Arbeitsmarktintegration verknüpft ist, deren Umfang von den Öffnungszeiten der Einrichtungen abhängt.

Ergänzende betriebliche Angebote

Zum Schluss sei noch auf das Zusammenspiel von staatlichen und betrieblichen Angeboten bei der Betreuung vorschulpflichtiger Kinder hingewiesen. In den Ländern mit einer gut ausgebauten staatlichen Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist das Engagement der Arbeitgeber in der Kinderbetreuung gering - und umgekehrt. Unternehmen, zumeist Großbetriebe, bieten Betreuungsmöglichkeiten für ihre qualifizierten Mitarbeiter/innen meist in Gestalt flexibler Arbeitszeitarrangements an - auf freiwilliger Basis, d.h. über das gesetzliche Maß hinaus. In Deutschland sind die Arbeitgeber am stärksten gefordert, Defizite im Angebot öffentlicher Einrichtungen durch zusätzliche Progamme zu kompensieren. In Schweden, mit der höchsten öffentlichen Betreuungsquote, ist die Entlastung der Arbeitgeber am größten.[5]


Fußnoten

2.
Die Untersuchungen dieses Kapitels basieren im Wesentlichen auf der Studie der Bertelsmann Stiftung, vgl. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Benchmarking Deutschland Aktuell, Gütersloh 2002.
3.
Vgl. Jeanne Fagnani/Marie-Thérèse Letablier, Die französische Politik der Kleinkindbetreuung in den Fängen der Beschäftigungspolitik, in: Feministische Studien, (2002) 2, S. 199 - 213.
4.
Vgl. Petra Beckmann, Zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Tatsächliche und gewünschte Arbeitszeitmodelle von Frauen mit Kindern liegen immer noch weit auseinander, in: IAB Werkstattbericht, (2002) 12.
5.
Vgl. OECD Employment Outlook 2001.