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29.10.2003 | Von:
Corinna Onnen-Isemann

Familienpolitik und Fertilitätsunterschiede in Europa

Frankreich und Deutschland

Kinderlosigkeit in Frankreich und Deutschland

In Frankreich und Deutschland sind ca. 25 Prozent der um 1900/1905 geborenen Frauen kinderlos geblieben. Grund dafür war der 'Männermangel' als Folge der beiden Weltkriege. Bei den um 1935 geborenen Frauen lag die Kinderlosigkeit in beiden Ländern mit ca. zehn Prozent relativ niedrig. Dabei handelte es sich um Frauen, die Anfang der sechziger Jahre geheiratet hatte und von denen nur wenige kinderlos blieben (vgl. Abbildung 2: s. PDF-Version).[3]

Die Entwicklung in Frankreich und Deutschland klafft weit auseinander: Während die Kinderlosigkeit bei den um 1960 geborenen Frauen in Frankreich auf ca. 14 Prozent stieg, wuchs sie in Westdeutschland allmählich auf gut 25 Prozent, mit steigender Tendenz. Als Hauptursache wird immer wieder die Zunahme der Ehelosigkeit angeführt - allein 15 Prozent der 40-jährigen deutschen Ehefrauen sind kinderlos.

Die kinderlose Ehe wurde in der familiensoziologischen Forschung der Bundesrepublik bislang als Familienform wahrgenommen, die entweder bewusst geplant oder durch gesamtgesellschaftliche Veränderungen ausgelöst bzw. bedingt ist.[4] Ebenso verhält es sich in Frankreich.[5] Einige Autoren machen den Modernisierungsprozess und die damit verbundenen rationalen Entscheidungsmöglichkeiten in allen Bereichen für den Anstieg der Kinderlosigkeit verantwortlich.[6] Sie beziehen dabei den sozialhistorischen Wandel von der unfreiwilligen zur geplanten kinderlosen Ehe mit ein und ziehen den Schluss, dass die bewusst gewählte Kinderlosigkeit als neuartiges gesellschaftliches Phänomen immer mehr zunehme. Für diese Entwicklung sei ein Bündel von weiteren Veränderungen ideeller und materieller Art verantwortlich, insbesondere habe die Neue Frauenbewegung mit ihrem veränderten Frauenbild zu dieser neuen Lebensform beigetragen.[7] Letztlich - aber keineswegs allein - hat die Verbreitung von Empfängnisverhütungsmitteln und ihr höherer Grad an Zuverlässigkeit die Entscheidungsmöglichkeit für oder gegen Kinder vergrößert, und dies gilt nicht nur für Deutschland und Frankreich, sondern für alle europäischen Staaten.[8]

Mehrere Untersuchungen zeigen, dass Ehepaare sowohl in der Bundesrepublik Deutschland als auch in Frankreich - jedenfalls am Anfang ihrer Ehe - sehr selten eine lebenslange Kinderlosigkeit wählen, den Kinderwunsch aber aus verschiedenen Gründen zunächst hinausschieben.[9] Berufliche Erwägungen, vor allem im Hinblick auf die Ehefrau, spielen hierbei eine Rolle. Die Verzögerung der Elternschaft in Deutschland erklärt sich vor allem aus dem hohen Berufsengagement der Frauen bei gleichzeitigem Festhalten an der traditionellen Mutterrolle, mit der Folge, dass eine Erwerbstätigkeit als Mutter von den Frauen abgelehnt wurde. Sich widersprechende Wertorientierungen bedingten also häufig Entscheidungskonflikte und damit einen Aufschub des Kinderwunsches.[10] In Frankreich existiert ein derart traditionelles Konzept der Mutterrolle nicht; jedoch scheinen hier die Mehrfachbelastungen, die sich aus der selbstverständlichen Zuordnung der Frauen zur Kindererziehung und Hausarbeit bei gleichzeitiger Erwerbsorientierung ergeben, immer schwieriger zu bewältigen zu sein.[11] Die zunächst gewählte befristete Kinderlosigkeit führte dann aber durch unvorhergesehene Ereignisse, wie z.B. durch Unfall, Krankheit, oder schließlich aufgrund des Alters zu einer unfreiwilligen, medizinisch bedingten Kinderlosigkeit.

Empirische Studien belegen, dass die bewusst geplante lebenslange kinderlose Ehe selten gewählt wird.[12] Viel häufiger verbergen sich hinter kinderlosen Ehepaaren ungewollt kinderlose Männer und Frauen.

Es lässt sich festhalten, dass in beiden Ländern derselbe Trend gilt: Französische Frauen bekommen ihre Kinder später. Aber im Gegensatz zu Deutschen bekommen viele von ihnen zumindest das erste Kind unehelich. Die durchschnittliche Kinderzahl beträgt 1,1 bei den unverheirateten Französinnen im Alter zwischen 30 und 34 Jahren und 1,9 bei den verheirateten; der Prozentsatz der Französinnen, die im Alter von über 30 Jahren Mutter werden, beträgt nunmehr 20 Prozent; in Deutschland sind dies bereits 26 Prozent der Frauen (in Ostdeutschland sind es erst 12 Prozent, in Westdeutschland schon 30 Prozent).

Dieser Übergang zeigt auch den generellen Trend des verzögerten Übergangs zum Erwachsenwerden. Die Abnahme der Fertilität geht in Frankreich ebenso wie in Deutschland mit dem Rückgang von Mehrkinderfamilien einher. Dennoch gibt es - wie Abbildung 3 zeigt - in Frankreich deutlich mehr Drei-Kinder-Familien als bei uns. Während in Deutschland eine Polarisierung zwischen einer kinderlosen Ehe und der Zwei-Kinder-Familie eingesetzt hat, ist das Zwei-Kinder-Modell in Frankreich die Norm.


Fußnoten

3.
Vgl. Karl Schwarz, Kinderzahl der im vergangenen Jahrhundert geborenen Frauen in Frankreich und Deutschland, in: BiB-Mitteilungen, 4 (2001), 13 - 17, hier S. 16.
4.
Vgl. zum Beispiel Harald Rost/Norbert F. Schneider, Gewollt kinderlose Ehen, in: Hans Peter Buba/Norbert F. Schneider (Hrsg.), Familie - Zwischen gesellschaftlicher Prägung und individuellem Design, Opladen 1996, S. 245 - 259
5.
Vgl. Cathérine Villeneuve-Gokalp, La démographie aux prises avec les nouveaux comportements familiaux, in: Didier Le Gall/Claude Martin (Hrsg.), Familles et politiques sociales. Dix questions sur le lien familial contemporain, Paris 1996, S. 31 - 69.
6.
Vgl. zum Beispiel Rosemarie Nave-Herz, Kinderlose Ehen - eine empirische Studie über die Lebenssituation kinderloser Ehepaare und die Gründe für ihre Kinderlosigkeit, Weinheim-München 1988.
7.
Vgl. dies., Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland (Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung), Hannover 1997 5 .
8.
Vgl. Willy Bosveld, The ageing of fertility in Europe. A comparative demographic-analytic study, Amsterdam 1996, S. 209ff.
9.
Vgl. W. Toman, Faktoren der Bevölkerungsentwicklung, Erlangen 1977; Katharina Pohl, Wende oder Einstellungswandel? Heiratsabsichten und Kinderwunsch 18- bis 28-jähriger deutscher Frauen 1978 bis 1983, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, 11 (1985), S. 89 - 110; R. Nave-Herz (Anm. 6), C. Villeneuve-Gokalp (Anm. 5).
10.
Vgl. Roland Habich/Regina Berger-Schmitt, Familienbildung und Kinderwunsch in Deutschland. Familie, Wohlstand, Beruf, Selbstverwirklichung: Einstellungsmuster und -profile zur Konkurrenz von Lebensbereichen (BIB Materialien zur Bevölkerungswissenschaft Nr. 82f.), Wiesbaden 1998.
11.
Didier Le Gall/Claude Martin, Mutation de la famille, mutation du lien familial, in: dies. (Anm. 5), S. 13 - 27, hier S. 16.
12.
Vgl. R. Nave-Herz (Anm. 6), S. 43ff.